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27. August 2011, Premiere auf der Ruhrtriennale

TRISTAN UND ISOLDE



Eins und eins macht eins

Verdammt finster ist es hier. Nun ist schon der Zuschauerraum der Jahrhunderthalle ein eher dunkler, zweckmäßiger Ort. Aber selbst die Bühne ist nur ein schwarzes - ja, was eigentlich? Die ersten Takte der Prelude huschen fast am Ohr vorbei. War da was? Die Duisburger Philharmoniker halten inne, Kirill Petrenko hängt an den Tristan-Akkord eine dicke kammermusikalische Träne, er atmet, fiebert, leidet mit. Dann tauchen erste Leuchtinseln auf, schließlich kommen Töne, die sich wie Nägel ins Fleisch bohren. Versöhnlich, aber auch schmerzhaft. Ein Messanzeiger, der langsam aber stetig ins Bedrohliche steigt; ein Wagner, der durch jede Pore dringt.

Und wo sich etwas Bahn bricht, muss auch Licht sein. Tatsächlich. Eine Welt, der Welt entrückt, öffnet sich, klappt sich auf, wie ein unbeschriebenes Buch. Wolfgang Gussmann liebt seine großen, hohen Wände, nur dieses Mal bewegen sie sich überwiegend in der Horizontalen. Auf dem unteren Tableau stehen sie verloren, mal sitzen oder liegen sie: Isolde mit dem Schwert, Brangäne mit dem Koffer (für die Getränke), Tristan, Kurwenal und wie sie alle heißen. Sie warten, wir warten. Wer aber das Programmheft studiert hat, dem dämmert es spätestens nach einer halben Stunde, dass uns Willy Decker den ganzen Abend über zappeln lassen wird. Zitat: "Wo ist Handlung im Tristan?" Nun, das ist sicherlich nicht falsch, aber darf sich ein Regisseur vor einer Regie einfach drücken, nur weil das Stück handlungsarm ist? Tristan und Isolde ist keine einfach zu erzählende Oper. Die Liebe, das Leid, und dann diese Länge. Überfrachten geht schon mal gar nicht, aber sich halbszenisch wie inhaltlich im Kreis zu drehen und das Ganze mit ein paar hübschen Bildern zu garnieren, kann auch nicht die Lösung sein.


TRISTAN UND ISOLDE auf der Ruhrtriennale 2011 - Foto (C) Paul Leclaire

Wagner-Premiere in der Jahrhunderthalle Bochum - Foto (C) Paul Leclaire

Willy Decker (Regie) und Wolfgang Gussmann (Bühne) experimentierten mit Wagners Tristan auf der Ruhrtriennale 2011 - Foto (C) Paul Leclaire



Zwei weiße Wände also. Und eine Kugel. Die schieben sich wie von Zauberhand in allerlei geometrische Figuren. Eine davon ist Tristans Blick - mit der Kugel als Pupille. Die "Nacht der Liebe" startet in nassen Naturgewalten ("ertrinken, versinken") und mündet im Weltall ("löse von der Welt mich los"). Man staunt über Projektionen (Video: fettFilm), über Bühne und Licht, und das die Technik wie am Schnürchen läuft, aber das Ausruhen der Regie auf diesem Vereinigungsgedanken versaut einfach alles. Der dritte Aufzug ist dann die pure Apathie: Die Welt schliesst sich wieder - Klappe zu, Tristan tot. Wer von Decker einen nicht illustrierten sondern inszenierten Tristan sehen möchte: Die Oper Leipzig hat seine Arbeit von 1996 nach wie vor im Repertoire.

Anja Kampes Isolde genehmigt sich für meine Ohren ein paar Tremoli und Schärfen zu viel, Christian Franz steht seinen Tristan ordentlich durch, ebenso die souveräne Claudia Mahnke als Brangäne. Und während der Kurwenal von Alejandro Marco-Buhrmester (seit wann will er eigentlich nicht mehr Alexander genannt werden?) immer wieder leicht abgesungen klingt, tut Stephen Milling als König Marke das, was einen guten Bass auszeichnet: Er räumt mit dieser Rolle ordentlich ab! Milling und dieses kraftvolle, wahrlich welt-entrückte Dirigat von Petrenko machen diesen Tristan zum Ereignis.


Heiko Schon - red. 28. August 2011
ID 00000005351
TRISTAN UND ISOLDE (Jahrhunderthalle Bochum, 27.08.2011)
Musikalische Leitung: Kirill Petrenko
Inszenierung: Willy Decker
Bühne: Wolfgang Gussmann
Kostüme: Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza
Video: fettFilm / Momme Hinrichs, Torge Møller
Licht: Andreas Grüter
Dramaturgie: Stefan Poprawka
Regiemitarbeit: Tatjana Heiniger
Tristan ... Christian Franz
König Marke ... Stephen Milling
Isolde ... Anja Kampe
Brangäne ... Claudia Mahnke
Kurwenal ... Alejandro Marco-Buhrmester
Melot ... Boris Grappe
Ein junger Seemann / ein Hirt ... Thomas Ebenstein
Ein Steuermann ... Martin Gehrke
ChorWerk Ruhr
(Choreinstudierung: Michael Alber)
Dusiburger Philharmoniker
Premiere war am 27. August 2011
Weitere Vorstellungen: 31. 8. / 3., 9., 13., 17., 20. 9. 2011


Weitere Infos siehe auch: http://www.ruhrtriennale.de


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