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Feuilleton


15. Dezember 2012, Premeiere in der Orangerie (Köln)

(SUR)FACES

Ilona Pászthy


Plakatmotiv von (sur)faces? - Quelle: http://www.meinesüdstadt.de


Unartikulierte Wortgefechte

Das Mädchen (Yoko Alexandra Hagino) findet den Jungen (Arthur Schopa) sowas von uncool. Also wird sie ihn nach einer Reihe von wirkungslosen Drohgesten zu Boden zwingen. Als sich die beiden Duellanten wieder voneinander entfernen – ohne dass man Genaueres über die Hintergründe erfährt – quittiert er ihr verächtliches Schnauben mit nachgeäffter Geste.

Die beiden Jugendlichen (Manuel Kisters und Jasmin Mokhtare), die sich wenig später zu den Profitänzern auf der Bühne der Orangerie im Kölner Volksgarten gesellen, bringen eine neue Dynamik in die Gruppe, ohne dabei ein statisches Rollengefüge aufbrechen zu müssen. Im fliegenden Wechsel werden die Tanz- und Gesprächspartner getauscht; in festen Rollen bleibt indes niemand. Die mehrfach ausgezeichnete und weit über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus bekannte Choreografin Ilona Pászthy wendet sich in der multimedialen Tanztheaterproduktion (sur)faces speziell an Jugendliche zwischen 12 und 17, die als Digital Natives mit Facebook und Twitter großgeworden sind. Basierend auf Interviews mit Teenagern entwickelte sie ein Stück, das mit Eindrücken aus erster Hand vom Kommunizieren 2.0 erzählt, einem Land der unbegrenzten Interaktionsmöglichkeiten mit wahren Gebirgen von Wort- und Datenmüll. Groß ist die Gefahr, sich bei diesem Überangebot an Kommunikationskanälen im Blabla zu verlieren. Was bleibt, ist die Frage nach der Relevanz – von Pászthy amüsant auf die Spitze getrieben in einer Szene, in der Kisters Schopa mit sinnfreiem „Rhabarber“ buchstäblich zuschwallt.

Zwischen die Solo und Duo-Tanzparts setzt Pászthy immer wieder Spielszenen, die direkt von Skype inspiriert zu sein scheinen: Auf Hocker vor jeweils einem Kamerastativ und einer Plane aus Luftpolsterfolie installiert, lassen die vier Darsteller jede Gesichtsregung, jedes Wort oder auch Gebabbel als Live-Aufnahme von der Kamera auf eine der vier Planen projizieren. Doch bereits der erste „Live-Chat“ läuft aus dem Ruder: Wahllos leiern die jungen Leute Zutaten einer Einkaufliste herunter oder erzählen von den eher mäßig spannenden Erlebnissen ihres Tages: Stellenweise wird das dann von den anderen mit „Like“ kommentiert. Auch später reden sie nicht viel, werfen einander vielleicht noch zusammenhangslose Zustandsberichte zu oder schneiden Grimassen. (sur)faces nimmt sich viel vor, will an der Fassade kratzen, die sich nicht nur Jugendliche mit Social Media-Profilen aufbauen. Fraglich ist es, wie und ob überhaupt Kommunikation offline noch funktionieren kann. Pászthy fasst dieses Problem als Herausforderung auf und fühlt ihm mit Fantasie und großem Einfühlungsvermögen auf den Zahn.

Aus dem virtuellen Raum heraus und auf die Tanzfläche treten Körper, die ohne den Schutz des anonymisierenden Avatars miteinander konfrontiert werden. Schwierig scheint die Annäherung an den Menschen, den man im Netz mit einem Klick binnen Sekunden zu seinen Freunden hinzugefügt hat. Auf einmal sind es keine Smilies, sondern Augen und Hände, die sprechen. Die Begegnungen sind nicht immer auf wörtlicher Augenhöhe: Mal balgen sich die Tänzer zu zweit am Boden, mal meditieren sie gemeinsam in Yoga-Pose. Fast irritiert es, wie viel mehr Körpersprache oft sagen kann als Worte, wenn etwa das Aufeinanderprallen von Meinungen zum Aufeinanderprallen von Schulterblättern wird. Nebenbei ist auch die klangliche Untermalung (Valerij Lisac) alles andere als harmonisch und fließend, vielmehr spielt sie mit Brüchen und Dissonanzen.

Verbale Gewalt, aber auch Zartes, Freundschaftliches aus dem Alltag von Jugendlichen überträgt Ilona Pászthy in eindrückliche Szenen. Dabei setzt sie weniger auf überhöhte Ästhetik abstrakter Tanzfiguren, sondern greift auf lebensnahe Gebärden und Haltungen zurück, wie sie Kinder und Jugendliche aus ihrem Alltag kennen. Nur in den Sequenzen, in denen allgemeinere Themen wie Gefühle von Ausgegrenztsein und Leistungsdruck zur Sprache kommen, verliert die Produktion ein wenig an Stringenz – etwas zu beliebig muten diese Einwürfe an.

Die in Köln lebende Choreographin bekennt sich zu ihrer Vorliebe für den Spannungsmoment auf der Bühne, wenn unterschiedliche Genres und Medien mit modernem Tanz zusammentreffen oder gar kollidieren. (sur)faces beweist, dass so ein spartenübergreifender Kunst-Clash mit der richtigen Mischung aus Leichtigkeit und bittersüßer Ironie zur runden Sache werden kann. Bewunderung verdienen neben Hagino und Schopa aber auch die beiden Nachwuchs-Talente, die mit den Älteren scheinbar mühelos Schritt halten können. Zumindest wirkt das alles sehr unangestrengt, und auch die Chemie zwischen den „Laien“ und den Profis stimmt.

Mit dem mantraartig wiederholten Wort „Motivation“ endet das mit seinen 40 Minuten recht kurze Stück. Silbenweise von den Vieren hervorgestoßen und verfremdet, wirkt das Schlagwort letztlich auseinandergepflückt. Doch es hallt in den Köpfen nach, und so wird der Zuschauer im vielleicht hoffnungsvollsten, leichtesten Moment des Abends entlassen. Das macht Lust auf mehr, zumal in der knappen Dreiviertelstunde noch längst nicht alle guten Ideen ausgereizt wurden. Eine Tanztheaterproduktion auf der Höhe der Zeit, die Menschen wirklich jeden Alters zum Nachdenken anregt und gleichzeitig zum Schmunzeln bringt, ist unbedingt ausbaufähig – im positivsten Sinne des Wortes.




Foto (C) http://www.orangerie-theater.de


Jaleh Ojan - 19. Dezember 2012
ID 6450
(SUR)FACES (Orangerie im Kölner Volksgarten, 15.12.2012)
Choreographie: Ilona Pászthy
Performance: Yoko Hagino, Manuel Kisters, Jasmin Mokhtare und Arthur Schopa
Dramaturgie: Judith Ouwens
Musik: Valerij Lisac
Bühne: MiegL
Licht: Gerd Weidig
Premiere war am 15. Dezember 2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.orangerie-theater.de


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