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Rezension


31. Oktober 2012, Premiere von aufBruch

SIMPLICISSIMUS

nach dem Roman von Grimmelshausen


Grafik (C) Alexander Atanassow


Männer mögen Kriege - irgendwie schon komisch

Arabischer Frühling hin - arabischer Frühling her!! Doch wenn man sich die Typen mit den Knarren oder/und ihren Victoriazeichen, womit sie dann jedesmal, wenn eine Kamera von einem dieser Kriegsberichterstatter auf sie zielt, für uns "Daheimgebliebene" durchs Fernsehen posieren, so betrachtet - - krieg' ich (also ich für meinen Teil) dann schon die Kotze; Männer "kämpfen" / Frauen, Kinder, Greise fliehen sie... Was uns die Bilder so aus Syrien, beispielsweise, zeigen, ist das menschheitliche Chaos schlechterdings. Der Bürgerkrieg, eine der koordinationslosesten und gar schlimmsten menschfeindlichen Auseinandersetzungen, ist die wohl derzeit allgemein-akute Wahrheit jenes Landstrichs aus den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Null Hoffnung auf Befriedungen; fragil wird späterhin der sogenannte Frieden "zwischen den Parteien" sein. O Shit!!

So was gab's immer schon; so was wird's immer wieder geben.

Grimmelshausen (1622-1676) - der barockste unter allen Dichtern seiner Zeit - hatte sich über derartige Themen (s. o.) auch so seinen Reim gemacht. Er schrieb das bild- und handlungsüberbordendste Stück Prosa, das es je zum Anlass des Dreißigjährigen Krieges gab. Sein Held ist deutscher Schelm, heißt Simplicissimus - so auch der heute übliche als wie gebräuchliche Kurztitel des gleichnamigen Romans - und wurde durch die damaligen Kriegswirren von Ort zu Ort und Stadt zu Stadt und Land zu Land geblasen. Ein schier "abentheuerliches" Leichtgewicht, dessen Geschichte inkl. seiner unglaubhaft-unglaublichen Biografie nur so, also mitten im Kriege, als erzählenswert erachtet war. Das Buch zählt an die tausend Seiten.

Kühn und cool hatte sich jetzt das mittlerweile 15 Jahre junge aufBruch-Team des Materiales aus dem 17. Jahrhundert angenommen und es auf das Heutige gewissermaßen abgeklopft - von den zwei Dramaturgen Daniel Dumont / Jörg Mihan ließ es sich nun (so vermute ich) die Dialoge formulieren oder/und aus Grimmelshausens Werk sowie weiteren Subtexten Brechts, Goethes, Müllers, Schmitts, Rousseaus und Voimas nach und nach zusammenstellen. Eine kluge sowie kapriziöse Auswahl des zu Sprechenden geriet zu einem kurzweiligen und doch über alle Maßen künstlerischen Resultat. Die Chose sollte eigentlich mehr als dreieinhalb Stunden gehen, informierte mich ein darstellendes Mitglied des Ensembles nach der Vorstellung, die schließlich "nur noch" zweieinhalb Stunden (und ohne Pause!) währte.

Peter Atanassow leistete sich, was Regieliches betraf, das Allerbeste, was ich jemals von ihm sah und hörte: Seine absoluten Inszenierungsstärken liegen erstrangiger Weise in der Chor-Arbeit - ja und auch dieses Mal ging das Kalkül mit seiner Gruppenspreche glücklich auf. Ein "gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern" (wie es in der aufBruch-Presseinfo heißt) wurde von Atanassow einzeln und in permanent sich umändernden Klein- und Großgruppen geführt und also hin und her gerückt, gejagt, geschoben und gehetzt. Es ging sehr lebhaft auf der überbreiten und sehr hohen alten Feuerwache des Ex-Flughafens von Berlin-Tempelhof zu. Die Akustik ist zwar etwas hallig, aber die gesprochenen Vokale "schwammen" dennoch nicht; und jedes Wort wurde in seiner Artikulation verstanden. Atanassow Chordirektor!!!

Diese Inszenierung (Choreografie: Valerie Kroener / musikalische Einstudierung: Ruslan S.) splittete den Roman- und Stückhelden gleich sechs- und mehrfach auf. Und wir erlebten die sechs handelnden Personen (Fayez Chahrour, Urs Hartmann, Markus von Lingen, Hartmut Lehnert, Norman Bürger, Gino Arlmani) und/oder den Chor (als Simplicissimus) in acht verschiedenen Stationen ihrer Handlungen. Auch wurden körperliche Großeinsätze demonstriert, mit vielem Hin- und Herrennen, Herein-/Hinaustragen von Requisiten; paarmal waren zwei der Simplicissimusse splitternackt erlebbar. Insgesamt erzeugten die Beteiligten dann - Alle, wie sie waren - durch ihr insgesamtes Ausgestrahltseinlassen pure Gänsehaut.

Grandios gespieltes und gemeistertes Totel-Theater.

Leute, nicht verpassen!!!!!



Probenszene aus dem Simplicissimus - Foto (C) aufBruch/Thomas Aurin


Andre Sokolowski - 1. November 2012
ID 00000006304
SIMPLICISSIMUS (Feuerwache des ehemaligen Flughafens Tempelhof, 31.10.2012)
Regie: Peter Atanassow
Dramaturgie: Daniel Dumont und Jörg Mihan
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Anne Schaper-Jesussek
Choreografie: Valerie Kroener
Musikalische Einstudierung: Ruslan S.
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern: Ali El-Faour, Anne Zander, Cüneyt Bozdurgut, Fayez Chahrour, Frank Zimmermann, Friederike Pöschel, Gino Arlmani, Hartmut Lehnert, Irene Oberrauch, Jürgen Habermann, Markus von Lingen, Mathis Köllmann, Michael Hase, Mohamad Koulaghassi, Norman Bürger, Para Kiala, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm, Sandra Elsner, Sarah Zastrau, Steven Mädel, Susanne Stern, Swetlana Kimmel, Thorsten Heidel, Urs Hartmann, Ute Reintjes, Wolf Nachbauer und Wolfgang Rühling
Premiere war am 31. Oktober 2012
Weitere Termine: 1. - 4., 7. - 11., 14. - 16. 11. 2012
Eine Produktion von aufBruch in Kooperation mit der Tempelhof Projekt GmbH

Weitere Infos siehe auch: http://www.gefaengnistheater.de


http://www.andre-sokolowski.de



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