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25. April 2011, Osterfestspiele Salzburg

SALOME



So siehts aus, wenn Stefan Herheim aus der SALOME seine Geschichte macht - Foto (C) Osterfestspiele Salzburg/Forster


Black Princess

Gerade einfach sind die Nüsse nicht zu knacken, mit denen Regisseur Stefan Herheim seine Arbeiten garniert. Denn der Teufel steckt oftmals schon im optischen Detail: Geht man dem Reiz der Herheimschen Opulenz einmal auf den Leim, bleibt man unweigerlich daran kleben, verkleistert sich die Augen für das Wesentliche. Warum da nicht noch eins draufsetzen und die Kunst der visuellen Verführung zum Gegenstand einer ganzen Inszenierung machen? Immerhin befinden wir uns im Salzburger Festspielhaus, dem Ort, für den das Sehen und Gesehenwerden doch scheinbar erfunden wurde. Wer also ist dies Weib, das mich ansieht? Oder anders: Wer ist diese Frau, die wir ansehen? Vorhang auf für Herheims Salome!

Die Klarinette steigt empor und mit ihr auch ein riesiges Teleskop, welches sein Rohr in Richtung Prinzessin wandern lässt. Schmutzige Gedanken sind dabei wohl nicht fehl am Platz. fettFilm projiziert darüber einen monströsen Mond, worauf die Schwanzträger wiederum ihre monströsen Fantasien projizieren. Salome ist Mondscheibe, ist folglich Fläche, ist Abbild männlicher Gelüste und damit Lulus Schwester im Geiste. Im Hinblick auf Oscar Wilde und die anglofranzösische Décadence macht das Sinn, ist doch der Mond im Englischen und Französischen weiblichen Geschlechts. Einem geradlinigen Regisseur wie Willy Decker hat der Mond als Konzeption ausgereicht (Hamburgische Staatsoper), für Herheim ist es lediglich eine hübsche Fußnote. Wie ein Kaleidoskop ändern sich hier Stimmungen und Deutungsmöglichkeiten. Mal ist der Abend eine grelle Gesellschaftsrevue, mal psychologische Paartherapie (Hättest du MICH geseh’n, du hättest mich geliebt!).

Herodes, Narraboth und Jochanaan sind vermeintlich nur Facetten einer einzigen Person. Wenn etwa der Prophet Salome von sich stößt, tötet der Mann den Teil in sich, der zur Liebe fähig ist: Narraboth. Die weiblichen Figuren sind ebenfalls miteinander verwoben. Salome, ganz in weiß, trifft in Page / Herodias auf ihr schwarzes Spiegelbild. Entfesselt Salome alias Natalie Portman alias Odette die dunkle, sexuell aggressive Odile in sich und geht daran zu Grunde? Der Gedanke drängt sich auf, denn getanzt wird schließlich auch. Ein Schuss in den Mond und aus dem Krater purzeln ein halbes Dutzend bunte Salomes auf die Bühne. Plus die eine, die schon da war, macht das insgesamt sieben. Sieben Röckchen werden gezupft und gelupft, sieben Messer gezückt und etliche Herren der Welt- und Religionsgeschichte verlieren geilheitsbedingt ihren Verstand - und später den Kopf. So sieht sie also aus, die Emanzipation auf einer Theaterbühne. Die Effektmaschinerie veranstaltet dazu ein großes Tohuwabohu. Man weiß ehrlich nicht, wohin man blicken soll.

Der Tanz der sieben Schleier ist auch der Startschuss für Sir Simon Rattle, der nun keine Rücksicht mehr (auf eine sich eher durchmogelnde Sopranistin) zu nehmen braucht. Bis hierher war’s mehr makelloses Funkeln, eine aufs Detail versessene Klangzauberei. Nun lässt Rattle die Berliner Philharmoniker von der Leine, dreht mit Temperament am Richard-Strauss-Rad, haut dem Zuhörer das Exotisch-Erotische der Partitur lautstark um die Ohren. Jetzt stöhnt und schwitzt, ächzt und brodelt diese Musik - so soll es, nein, so muss es sein. Was soll man nun über Emily Magee sagen? Vielleicht, dass man mit einer brillanten Höhe allein keine Salome stemmen kann. Was ihrem Vortrag fehlt, ist die nötige Tiefe, der Unterleib und leider auch das Volumen für eine Salome der A-Liga. Wenn Magee beispielsweise im Schlussgesang an die berühmte Zeile „… und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes“ gerät, dann ist bei „Todes“ plötzlich Sense, wird die Grenze zum Rezitativ überschritten. Selbst szenisch kann Magee nichts mehr rausreißen, da Herheim ausgerechnet in der Personenführung viel zu lasch ist. Da serviert die Regie einen heißen Braten und lässt ihn nur umkreisen.

Iain Paterson (Jochanaan) singt deutlich, aber farblich eindimensional. Stig Andersen (Herodes) verschießt sein Tenorpulver deutlich zu früh und bekommt gegen Ende Konditionsprobleme. Neben dem frischen Pagen von Rinat Shaham und dem tollen Ersten Juden von Burkhard Ulrich gibt es zwei weitere Sänger, die uneingeschränkt begeistern: Eine das Geschehen dominierende, in Stimme wie Ausstrahlung hinreißende Hanna Schwarz (Herodias) und ein lupenrein intonierender, in der Höhe strahlender Pavol Breslik (Narraboth).


SALOME im Großen Festspielhaus - Foto (C) Osterfestspiele Salzburg/Forster



Heiko Schon - red. 29. April 2011
ID 00000005184

Weitere Infos siehe auch: http://www.osterfestspiele-salzburg.at/


Post an unseren Rezensenten Heiko Schon



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