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Rezension


7. März 2013, Premiere im Theater der Keller

OLEANNA

von David Mamet


Oleanna von David Mamet - Foto (C) duema media


Genüsslich ans Messer geliefert

Außerplanmäßige Sprechstunde: Studentin Carol (Nagmeh Alaei) presst Tasche und Collegeblock an sich, als sie auf ihren Dozenten John (Bernd Reheuser) trifft – Anfang vierzig, ergraut, blütenweißes Hemd. Das ewige Schrillen des Telefons hält ihn davon ab, sich der Zwanzigjährigen in den hochhackigen roten Stiefeln und im züchtigen Schlabberpullover direkt zuzuwenden. Es steht ein Hauskauf an, den er sich mit einer Professur auf Lebenszeit in Aussicht endlich leisten kann. Was sich Carol hingegen NICHT leisten kann, ist eine weitere schlechte Note: Die junge, ehrgeizige Frau ist schier überfordert mit den Anforderungen des Studiums und bittet den Dozenten um Hilfe. Johns Entgegenkommen stößt Carol sauer auf - zu gönnerhaft ist sein Gehabe, zu viele Fremdwörter verwendet er („Was ist ein Paradigma?“). Dass die von Beginn an gestörte Kommunikation jedes vernünftige Gespräch verunmöglicht, ist noch harmlos. Doch der Teufel liegt im Detail: Gesten und Worte werden missverstanden oder wollen missverstanden werden. Bei einem zweiten Termin steht eine Anzeige wegen sexueller Nötigung zwischen ihnen, bei einer dritten Begegnung lautet der Vorwurf bereits „versuchte Vergewaltigung“.

Meinhard Zangers Regiearbeit feierte Ende Januar im Wolfgang Borchert Theater Münster Premiere und wird ab März im Theater der Keller aufgeführt. Oleanna als Solidaritäts-Gastspiel in Köln ist eine glückliche Fügung für das finanziell strauchelnde Keller-Theater; weit weniger glücklich, wenn auch passend, ist der Umstand, dass Sexismus-Debatten dank Brüderle wieder einmal hochaktuell sind. Während der Aufschrei, der durchs Land ging, langsam verebbt, wird in David Mamets Kammerspiel auf der Kölner Bühne mit diabolischer Spielfreude das manipulative Potenzial von Sprache vorgeführt. Es ist eins der liebsten Themen des renommierten amerikanischen Stücke- und Drehbuchautors.

Als Mamet sein Stück vor mehr als 20 Jahren schrieb, hat er vieles ausbuchstabiert, was andere seitdem sicherlich andeutungsreicher präsentiert haben. Die Regie entscheidet sich für texttreues Arbeiten und lässt es sich dennoch nicht nehmen, dem wortgewaltigen Kampf der Geschlechter und der Klassen einen sarkastisch-subtilen Twist zu geben. Dozent und Studentin sind sich nämlich ähnlicher, als ihnen lieb ist: linkisch, vollkommen ichbezogen, wenig selbstbeherrscht. Und sie greifen zur Zigarette, wenn ihre Diskussion in eine Sackgasse gerät.

Die Darsteller pendeln gekonnt zwischen zurückgenommener Mimik und sich materialisierender Wut in den Schlüsselszenen, wo sich angestaute Emotion brachial entlädt. Bernd Reheuser gibt einen John, dessen überdrehte Selbstbezogenheit fast schon neurotisch ist. Gleichzeitig ist sein Professor frappierend lebensecht: John wandelt sich allein schon mit seinem Hang zur Dramatik und seiner betulichen Art dermaßen überzeugend zum lebenden Klischee

Auch die Entscheidung, die Rolle der Carol mit Nagmeh Alaei zu besetzen, war goldrichtig – die Keller-Absolventin brilliert als stammelndes, unartikuliertes Naivchen, das sich zur eloquenten, souverän agierenden jungen Frau wandelt. Die strikte Dreiteilung des Stücks - gezeigt werden Sitzungen an verschiedenen Tagen - erlaubt dem Zuschauer nicht, eine Entwicklung der Charaktere mitzuerleben. Umso stärker wirkt der dramaturgische Kniff, die Frage der Perspektive zum Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung zu machen. Wenn der ausladende Schreibtisch und die zwei Stühle auf der Bühne (Darko Petrovic) nach jeder Szene um 180 Grad gedreht werden, bleiben Carol und John zwar jeweils auf ihrer Seite des Tischs – für das Publikum wirkt es jedoch so, als habe die Studentin den Platz des Professors eingenommen. Am Ende scheint sie gar über ihm zu thronen, der mit einem Glas Whisky nur noch gebeugt dasitzt. Seine Strategien und seine Wortgewandtheit hat sich die Studentin da längst zu eigen gemacht.

Zangers Version von Oleanna kehrt den Biss und den scharfen kritischen Unterton des Texts heraus, bleibt aber insofern angenehm moralinsäurefrei, als sie die Grenzen zwischen Moral und Recht bewusst verwischt und es vor allem dem Zuschauer nicht einfach macht, für eine Partei Sympathien zu entwickeln. Ein Theaterabend, der die Paradigmen der Macht in Wort und Bild eindrucksvoll demontiert.




Oleanna von David Mamet - Foto (C) duema media


Jaleh Ojan - 12. März 2013
ID 6609
OLEANNA (Theater der Keller, 07.03.2013)
Regie: Meinhard Zanger
Ausstattung: Darko Petrovic
Mit: Nagmeh Alaei [Carol] und Bernd Reheuser [John]
Kölner Premiere war am 7. März 2013
Weitere Termine: 20. + 21. 3. / 13., 14., 18. - 20. 4. 2013
Eine Aufführung des Wolgang Borchert Theater Münster


Weitere Infos siehe auch: http://theater-der-keller.de


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