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Feuilleton


7. August 2013 - Premiere im ARTheater Köln

OLD TIMES

von Harold Pinter


Foto (C) Thomas Fröhlich


Viele Erinnerungslücken, ein großer Blackout

Old Times, das vorweg, ist nichts für Nostalgiker. Der Titel lässt es nicht vermuten, doch Sentimentalitäten sind hier eher rar gesät: Harold Pinter siedelt sein Stück in der herbstlichen Idylle eines Landhauses an. Seinen Figuren, dem dort lebenden Ehepaar Deeley und Kate richtet er es bequem ein; ebenso dem Publikum – nur um letzterem zum Schluss der Boden unter den Füßen wegzuziehen.

1971 feierte das Stück in London Premiere; Anfang dieses Jahres kehrte es als erste Pinter-Inszenierung an das nach dem Dramatiker benannte ehemalige Comedy Theater in die englische Hauptstadt zurück. Regisseur Ian Rickson ließ am Harold Pinter Theatre so namhafte Schauspieler wie Rufus Sewell, Kristin Scott Thomas und Lia Williams antreten. Viele Leute denken, Pinter-Stücke bestehen aus nichts als Wörtern und gelegentlichen Pausen, sagte Scott Thomas der BBC. Dabei gehe es in Wirklichkeit nicht weniger um Körper, Herz, Gefühl.

Nicht anders sieht das wohl auch Lily McLeish die Old Times am Kölner ARTheater inszeniert, eine englischsprachige Produktion des Ensembles Port in Air. “Can't you remember what you felt?” fragt Deeley seine Frau, und es klingt, natürlich, wie ein leiser Vorwurf. Es sollen noch viele solcher halb scherzhaft vorgetragenen Vorwürfe folgen, wenn Anna, ehemalige Mitbewohnerin und „einzige Freundin“ von Kate zu Besuch kommt und das aufregende Leben im London ihrer jungen Jahre heraufbeschwört.

Anna, das ist die mondäne Blonde im schicken blauen Kleid, die buchstäblich aus dem Schatten auftaucht und die sterile Zweisamkeit des Ehepaars aufbricht. Man praktiziert eine Gastfreundschaft, die kühler und nachlässiger kaum sein könnte; doch auf der Kommode vor dem Stück freistehender Tapete stapeln sich die Teetassen, als erwarte man eine ganze Schar von Gästen. Anna füllt indes nicht nur den Wohnraum mit ihrer Präsenz aus, sie macht sich vor allem auch im Privatleben des Paars breit. Hier sind zwei Eheleute, die glaubten, zumindest die fundamentalen Dinge voneinander zu wissen. Die Ankunft der mysteriösen Fremden/Vertrauten wird nicht nur zum Prüfstein ihrer Beziehung, sondern wirft existenzielle Fragen nach Identität und dem Wahrheitsgehalt des Erinnerten auf. “Es gibt Dinge, an die man sich erinnert, obwohl sie vielleicht niemals geschehen sind”, sinniert Anna – zu Recht einer der meistzitierten Sätze des Stücks, drückt er doch aus, welch surrealen Abgründe hinter der naturalistischen Fassade des Pinterschen Theaters lauern.

Nicht zuletzt der Platzmangel auf der Bühne lässt ahnen, dass früher oder später eine physische Kollision unvermeidbar ist. Anne Schwarzenbergs dezente Bühnengestaltung lässt die drei Personen zwangsläufig näher zusammenrücken: Bei nur zwei gepolsterten Stühlen wird es da schon mal eng. Unwichtig ist dieses Detail nicht, denn Deeley und Anna erweisen sich in Bezug auf Kate besitzergreifend, ohne dass dabei ihre eigene gemeinsame Geschichte hintenansteht. Aber gab es sie denn tatsächlich, jene lange zurückliegende Episode? Bis zum Ende bleibt unklar, wer aus dem Kampf um Aufmerksamkeit und Begehren als Sieger hervorgeht.

Aus dieser Prämisse holt die Regie das Bestmögliche heraus: Ohne den Stoff in die Gegenwart zu verfrachten – die Wahl der Kostümbildnerin Alice Müller fiel auf elegante Kleidung aus der Mitte des 20. Jahrhunderts -, setzt McLeish auf atmosphärische Dichte und den Effekt der kleinen Geste. Sie bringt explizite Körperlichkeit in die im Text angedeutete lesbische Beziehung zwischen Anna und Kate – sicher nicht die unwahrscheinlichste Lesart des Stücks, wenn auch nur eine von vielen möglichen.

Old Times ist, man kann es nicht anders sagen, PINTER AT HIS BEST. Akteure und Regie verstehen es ganz offensichtlich, die Suggestivkraft der Leerstellen im Stück zu erkennen und zu nutzen, um dabei die Grausamkeit und Schönheit zwischenmenschlicher Beziehungen vorzuführen – ganz im Sinne des englischen Autors, der 2008 verstarb. Auch dafür steht das Wort „pinteresk“: diese pointierten, geschliffenen Sätze; die lakonischen Dialoge und traumverlorenen Monologe, mit deren Rhythmik alles steht und fällt.

Sarah Freihoff gibt die Kate mit einer unbeirrten Sprödigkeit – ein schöner Kontrast zu Jana Steinheuers Anna mit ihrer Flatterhaftigkeit und Koketterie. Ebenso treffend besetzt ist André Valente als Deeley. Als Mann, der wortwörtlich zwischen den Stühlen steht, muss er nicht nur gegen das erotische Charisma der beiden Frauen anspielen. Deeley gerät auch zunehmend zwischen die Fronten: Schwierig zu wissen, welchen Platz er einzunehmen hat zwischen den Frauen, über deren intimes Verhältnis sowohl zu ihm als auch zueinander fast im selben Ton geplaudert wird wie über die Kasserolle im Ofen.

Treffsicher spielen sich die Schauspieler die verbalen Bälle zu, selten geht auch mal eine subtile Spitze im leisen Gelächter des Publikums unter. Vielleicht wäre es genug, um die Inszenierung zu einem Geheimtipp des Sommers zu machen ... wenn denn auch die Chemie zwischen den Darstellern stimmen würde. In den Momenten, die man im Englischen als „awkward“ bezeichnen würde, kommt diese „Unstimmigkeit“ zwar gelegen. Spätestens im zweiten Akt aber geht der Mangel an Leichtigkeit im Miteinander zulasten der Inszenierung.

Ungeachtet dessen ist es eine Freude, mitzuerleben, wie Harold Pinters vielleicht unergründlichstem Stück durch minimale dramaturgische Eingriffe neues Leben eingehaucht wird; dies alles ohne die Selbstüberschätzung, mit der manche die großen Dramatiker sezieren zu können glauben. So greift man in dieser sehr minutiös getakteten Inszenierung zum Beispiel auf einfachste Klangmittel (Licht und Sound: Henning Vahlbruch) zurück, um ein Maximum ein Stimmung zu erzeugen. Genau davon lebt das Stück. Auf der Bühne des ARTheaters wird noch einmal überdeutlich, dass die Macht der Berührung der Macht der Worte in nichts nachsteht. Dank Lily McLeish und der wunderbar konzentriert spielenden Port in Air-Schauspieler wird man aber auch wieder einmal daran erinnert, dass Harold Pinter vor allem ein großer Gefühlsmensch war.




Bewertung:    




Jaleh Ojan - 12. August 2013
ID 7048
OLD TIMES (ARTheater Köln, 07.08.2013)
Regie: Lily McLeish
Bühnenbild: Anne Schwarzenberg
Kostüme: Alice Müller
Licht und Sound: Henning Vahlbruch
Besetzung:
Deeley ... André Valente
Kate ... Sarah Freihoff
Anna ... Jana Steinheuer
Eine Port in Air Produktion


Weitere Infos siehe auch: http://artheater.info


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