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Feuilleton


21. Mai bis 7. Juni 2011, 36. Mülheimer Theatertage NRW

DIE WINTERREISE / GESPRÄCHE MIT ASTRONAUTEN / WE ARE BLOOD / VERRÜCKTES BLUT






Jelinek bleibt der Fixstern bei den Mülheimer Theatertagen

Im kleinen Mülheim an der Ruhr findet seit Jahrzehnten das wichtigste Festival für deutschsprachige Gegenwartsdramatik statt. Die Atmosphäre ist beinahe familiär, das Publikum interessiert und gut informiert. Das liegt vermutlich auch daran, dass das Festival seine Zuschauer nach den Aufführungen nicht schnöde in den Alltag entlässt, sondern an jedem Abend die Möglichkeit bietet, das Gesehene in einer Publikumsdiskussion Revue passieren zu lassen. Und nicht nur das: Sogar die Diskussion der Preisjury findet öffentlich statt.

Auch in diesem Jahr bleibt Elfriede Jelinek, der zum vierten Mal nach 2002, 2004 und 2009 der Mülheimer Dramatikerpreis zugesprochen wurde, der Fixstern bei den Mülheimer Theatertagen. Ihr Stück Die Winterreise wartet nach langer Zeit mal wieder mit Figuren auf und ist stellenweise sehr persönlich. Es beginnt allerdings so, wie man es von Jelinek kennt: Ein fescher Herr will sich mit einer Braut vermählen, die einen lukrativen Gewinn verspricht – Jelineks Sichtweise der Intrigen und Verstrickungen rund um die Bank Hypo Alde Adria. Weitere Szenen beschäftigen sich dann aber mit einem alten Mann, der an Alzheimer erkrankt ist, und der in einem (doch recht wortreichen) Monolog davon berichtet, wie Frau und Tochter ihn abgeschoben haben. Hier liegt der Bezug zur Schriftstellerin selbst ebenso nahe wie in den Szenen zwischen einer Mutter und ihrer Tochter und bei dem Porträt einer Frau, die ihr Liebesglück im Internet sucht. Gesungen wird in der Uraufführungsinszenierung der Münchner Kammerspiele auch, natürlich einzelne Lieder aus Schuberts Die Winterreise. Regisseur Johan Simons lässt den Text auf einer rustikalen Bretterbühne spielen, die ins Publikum hineinragt. Dieser Raum verströmt wenig Heimeligkeit. Draußen ist es allerdings deutlich ungemütlicher: Bis in die letzten Parkettreihen fegt der Wind, wenn einer der Darsteller die Tür in der Mitte der Bühnenrückwand öffnet.

Jelinek verknüpft ihren Text virtuos mit der Winterreise-Dichtung von Wilhelm Müller, ohne dass die Bezüge allzu sehr in den Vordergrund gerückt werden. Und wie so oft ist ihr Stück böse und entlarvend, etwa in der Szene, in der sich alle Anwesenden das Maul darüber zerreißen, dass Natascha Kampusch, deren Fall vor einiger Zeit durch die Presse ging, sich mit ihrer Entführungsgeschichte ins Licht der Öffentlichkeit dränge, obwohl alle anderen doch ebenfalls etwas erlebt und zu erzählen hätten.

Den Auftakt zu den „Stücken 2011“ machte Felicitas Zeller. Zellers Gespräche mit Astronauten ist ein Stück über Aupairs aus Osteuropa, die in Deutschland – bei Zeller Knautschland genannt – ihr Glück suchen, sowie über die Karrierefrauen, bei denen sie beschäftigt sind. Zellers Stück ist dabei wunderbar politisch unkorrekt. Ständig werden auf beiden Seiten Vorurteile bedient und auch recht schmerzfrei geäußert. Die Aupairs aus den einzelnen Ländern sind nicht in der Lage, Kinder zu betreuen, kleiden sich aufreizend und können nicht putzen. Auf der anderen Seite werden sie zu Arbeitssklaven missbraucht oder dienen den jeweiligen Müttern als emotionaler Müllplatz. Und diese Mütter sind samt und sonders mit ihrem Leben überfordert. Zwar rückt das Stück vier Familien ins Zentrum, aber die Aupairs kommen und gehen mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit, so dass Gespräche mit Astronauten ein bisschen wie ein ICE vorbeirast. Und leider ertrinkt der Text in der Inszenierung von Burkhard C. Kosminski (Nationaltheater Mannheim) in einem Zuviel an Musik und einem Zuviel an szenischer Aktion. Dazu kommt unglücklicherweise ein akustisches Problem: Ab Reihe 10 ist der Text kaum noch zu verstehen. So geht jeder Wortwitz flöten und Gespräche mit Astronauten baden.

Fritz Katers we are blood, die zweite Produktion auf dem Spielplan, erzählt Geschichten. Wortwitz ist weniger Katers Sache, die Sprache ist nüchtern-realistisch, knapp, an manchen Stellen aber auch überaus poetisch. we are blood zeigt verschiedene Menschen in der ausgehenden DDR (nämlich im Jahr 1985 in Brandenburg) und ca. 20 Jahre später. Ihre Lebensentwürfe, ihre Hoffnungen sind genauso Thema wie die Veränderung der Umwelt um sie herum. Kater gelingt es, Figuren zu zeichnen, die interessieren und bewegen. Er hat Mut zu großen Gefühlen und einer tiefen Melancholie. In der Inszenierung von Sascha Hawemann (Schauspiel Leipzig) spielen sich all die vielen kleinen (zumeist eher tragischen) Geschichten in einem Einheitsraum ab, der sich schnell umfunktionieren lässt. Der Regisseur kann sich auf ein gutes Schauspielerensemble verlassen. Es ist eine große Stärke und Qualität der Inszenierung wie auch des Stückes, dass die Aufführung nicht in die Betroffenheit kippt, sondern dass die Figuren sich ihrem Schicksal stellen und sich behaupten dürfen.

Mit Verrücktes Blut machte eine der Erfolgsproduktionen des letzten Theaterjahres ebenfalls Station in Mülheim. Das Stück von Nurkan Erpulat und Jens Hillje entstand als Kooperation der Ruhrtriennale und des Ballhaus Naunynstraße in Berlin und war Anfang Mai bereits beim Berliner Theatertreffen zu Gast. „It must be somebody’s fault“ steht auf dem Cover des Programmheftes – ganz so einfach ist die Suche nach dem Schuldigen allerdings nicht. Acht Schüler reihen sich zu Beginn des Abends an der Rampe auf, alle mit Migrationshintergrund. Auch als die Lehrerin den Raum betritt, lassen sie ihr Posen und ihre Macho-Macht- und Demütigungsspielchen nicht sein. Das Ganze eskaliert, die Lehrerin greift zur Waffe und versucht auf diese Weise, ihren Schülern Schiller einzutrichtern. Und so entsteht das Paradoxon, dass sie einen gewaltfreien und respektvollen Umgang miteinander erreichen will, indem sie ihren Schülern mit Gewalt droht. Verrücktes Blut mischt Schillers Dramen Kabale und Liebe und Die Räuber mit dem Jargon der jugendlichen Schüler. Einfache Antworten und Sichtweisen sind hier fehl am Platze: Werden Menschen durch Bildung bessere Menschen? Was ist von Frauen zu halten, die ein Kopftuch tragen? Und was genau ist eine Schlampe? Alles Themen, die Zündstoff enthalten, polarisieren und im Laufe des Abends ausgesprochen intelligent aufgegriffen werden. Verrücktes Blut ist ein Theaterabend, der nachwirkt. Das Publikum war begeistert und diese Begeisterung spiegelte sich dann auch bei der Preisvergabe wider: Verrücktes Blut erhielt den Publikumspreis der Mülheimer Theatertage.

Fazit: Wer sich für deutsche Gegenwartsdramatik interessiert, sollte im nächsten Jahr in Mülheim vorbeischauen. Die „Stücke 2012“ finden voraussichtlich vom 19. Mai bis zum 9. Juni 2012 statt.


Karoline Bendig - red. 16. Juni 2011
ID 00000005243

Weitere Infos siehe auch: http://www.stuecke.de


E-Mail an Karoline Bendig



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