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Duisburger Theatertreffen 2014

19. März 2014 - Gastspiel des Schauspiels Hannover

MINNA VON BARNHELM

von Gotthold Ephraim Lessing


Sehr gelungen ist die Stückauswahl beim diesjährigen Theatertreffen am Duisburger Theater, das unter dem Motto „Geld oder Leben“ stattfindet. Eröffnet wurde es mit Lessings Minna von Barnhelm in einer Inszenierung des Schauspiel Hannover.

In Lessings Stück steht eigentlich ein Mann im Zentrum: der preußische Soldat Major von Tellheim. Er wurde unehrenhaft aus der Armee entlassen, weil man ihm u.a. Unregelmäßigkeiten in der Kriegskasse vorwirft. Mittellos ist er in einem Gasthof untergekommen. Zu allem Überfluss muss er auch noch sein Zimmer räumen, als zwei weitere Gäste ankommen. Es handelt sich um seine Verlobte Minna von Barnhelm und ihre Zofe Franziska, beide auf der Suche nach eben diesem Tellheim. Nun könnte alles gut werden, aber Tellheims Zustand nagt so sehr an ihm, dass er sich von allen zurückzieht. Alle Freunde, die ihm Geld anbieten, weist er zurück. Er möchte nicht ihr Schuldner sein. Auch für die Beziehung zu Minna sieht er keine Zukunft.

Regisseur Hasko Weber und sein Team bürsten den Klassiker auf Tempo und Komik und scheuen auch nicht vor Klamauk zurück. Caroline Eichhorsts Franziska sächselt hinreißend, Thomas Mehlhorns Tellheim ist stocksteif, Janko Kahles Just verzweifelt daran, seine weiße Perücke zu bändigen, und Andreas Schlagers Wirt horcht mit einem Stethoskop an jeder Tür. Besonders auf die Spitze treibt es Florian Hertweck in seinen drei Kurzauftritten: Als Soldat überbringt er in herausragendem Militärstechschritt eine wichtige Botschaft, als Riccaut de la Marlinière bedient er alle Klischees, die man über einen französischen Adeligen nur haben kann. Als Dame in Trauer wiederum kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eigentlich ihr Sohn ist, der vor Tellheim steht, um sein Erbe zu sichern. Zumindest lassen die beharrten Waden, die Hertweck freizügig zeigt, nicht auf eine Dame schließen.

Auch in Thilo Reuters Bühnenbild dominiert der Komödiengedanke: ein Halbrund, in dem sich vier Türen befinden (eine davon eine Drehtür), die sich nach Herzenslust für Verfolgungsjagden und Ähnliches nutzen lassen – eben das klassische „Tür auf/Tür zu“ einer Boulevardkomödie. Der Wirt stellt unterdessen die Wanddekoration fertig, einen stolzen Adler, der meterhoch an der Wand hängt. Oder doch nur ein schwarzer Pleitegeier? Mit Geld, obwohl laut Stücktext Mangelware, wird um sich geschmissen. Ständig werden Bündel von Scheinen hin und her gereicht. Tellheims Weggefährte Paul Werner (Aljoscha Stadelmann) fährt es gar mit der Schubkarre auf die Bühne.

Subtil ist das nicht, eher mit großem Übertreibungsgestus aufgetragen. So ist Minna von Barnhelm denn auch kein Abend der leisen Zwischentöne. Wie beim Rapport klingt es, wenn Tellheim mit Minna spricht. Aber diese Haltung ist auch Fassade: Seine Verletzlichkeit kaschiert Tellheim mit Lautstärke. Für intime Töne, die der Soldat Tellheim offensichtlich nicht gewohnt ist, bleibt da kein Platz. Genau diese emotionale Zwickmühle, dieses Beharren auf seinem Standpunkt , dieses Nicht-aus-der-Haut-Können und die gleichzeitige Zuneigung zu Minna, die er sich versagt, machen die Figur Tellheim so interessant – und Thomas Mehlhorn trifft das sehr genau.

Julia Schmalbrocks Minna bleibt zu Beginn etwas blass und gewinnt erst in der direkten Auseinandersetzung mit Tellheim an Profil. Seiner Haltung, ihrer nicht wert zu sein, weil er mittel- und ehrlos ist und sie reich, begegnet sie mit Unverständnis. Sie, ganz die Patente und Praktische, sucht nach einer Möglichkeit, ihn wieder für sich zu gewinnen. Dass Tellheim sich stürmisch zu ihr bekennt, als sie vorgibt, alles verloren zu haben, ist eine eher bittere Volte. Doch auch hier überwiegt die Komik: Julia Schmalbrock stellt ihr plötzliches Elend derart übertrieben zur Schau, dass Tellheim skeptisch werden müsste. Der scheint aber nur glücklich, mit Minna im Elend vereint zu sein und ihr damit wieder auf Augenhöhe begegnen zu können. Am Ende kommt es, wie es kommen muss, und die beiden sind wieder vereint.

Auch das zweite Paar des Abends weiß zu überzeugen: Aljoscha Stadelmanns Werner, Tellheims Weggefährte im Krieg, der harte Kerl, der stets etwas grimmig durch die Gegend läuft, verfällt umgehend Minnas Zofe Franziska. Und es ist wunderbar anzusehen, dass die beiden nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen, wenn der andere im Raum ist, das aber zugleich überspielen. Werner und sein „Frauenzimmerchen“ erobern im Sturm die Herzen der Zuschauer und erden die Aufführung ganz erheblich.

Hasko Webers Tempoansatz tut dem Stück gut. Wie aufgedreht läuft das Ganze ab und macht großen Spaß. Trotz alledem nehmen er und seine Schauspieler die Figuren ernst. Wie fremd einem heutigen Zuschauer die Probleme von Tellheim auch anmuten mögen, unsere Sympathien hat er.



Bewertung:    

Karoline Bendig - 23. März 2014
ID 7699
MINNA VON BARNHELM (Theater Duisburg, 19.03.2014)
Regie: Hasko Weber
Bühne: Thilo Reuter
Kostüme: Anette Hachmann
Dramaturgie: Aljoscha Begrich
Mit: Thomas Mehlhorn (Major von Tellheim), Julia Schmalbrock (Minna von Barnhelm), Caroline Eichhorst (Franziska), Janko Kahle (Jost), Aljoscha Stadelmann (Paul Werner), Andreas Schlager (der Wirt) und Florian Hertweck (Dame in Trauer, Feldjäger, Riccaut de la Marlinière)
Premiere in Hannover war am 12. Januar 2013
Gastspiel des Schauspiels Hannover beim Duisburger Theatertreffen 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-hannover.de


Post an Karoline Bendig



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