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24. September 2010, Premiere am Schauspiel Frankfurt

MINNA VON BARNHELM



Die Friedenszeiten sind das reinste Chaos. Seit der Siebenjährige Krieg (1756 -1763) zu Ende ist, lungern abgehalfterte und abgebrannte Soldaten in den billigen Schänken herum und wissen nichts mit sich anzufangen. Major von Tellheim (Marc Oliver Schulze) ist einer von ihnen. Den hat es besonders schlimm getroffen. Ausgerechtet er, der ein überaus tugendhafter Mensch ist, wird unrichtigerweise des Betrugs bezichtigt und erhält auch keinen Sold, bis die Angelegenheit geklärt ist. Also wartet er in einem heruntergekommenen Wirtshaus auf den Ausgang seines Gerichtsverfahrens. Er ist zutiefst erschüttert, da durch eine Kriegsverletzung sein rechter Arm unbrauchbar geworden ist und weil er sich in seiner Ehre verletzt fühlt. Das ändert sich auch nicht, als seine Verlobte auf der Suche nach ihm, zufällig im gleichen Gasthof einkehrt. Er fühlt sich ihrer nicht mehr würdig und löst die Verlobung. Minna von Barnhelm (Claude de Demo) setzt alle ihre Überredungskünste ein, um Tellheim umzustimmen, doch der bleibt hart.

In ihrer Not ersinnt Minna eine List. Sie gibt vor, von ihrem Vormund enterbt worden und damit genauso mittellos wie ihr Verlobter zu sein. Das erweicht ihn. Als nun Tellheim eine Nachricht bekommt, dass seine Unschuld erwiesen ist und er sein Geld ausgezahlt bekommt, dreht Minna den Spieß aber um. Nun muss der rehabilitierte Tellheim sich die gleichen Weigerungen anhören, wie Minna zuvor von ihm. Sie behauptet, dass sie als Mittellose und Verstoßene seiner nicht würdig sei. Zum Schluss herrscht eitel Sonnenschein und die Hochzeit wird geplant.

Jorinde Dröse hat in ihrer Regie den Text stark gekürzt und modernisiert. Das Stück dauert 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause und gewinnt durch diese Straffung. Die Krise des Tellheim nimmt den zentralen Platz ein, die Sturheit, mit der er seine Ehre verteidigt, hat etwas Bodenloses und Abgründiges. Als Minna vorgibt, seiner nicht mehr würdig zu sein, wird das noch einmal gespiegelt. Aber zu einer richtigen Einsicht kommt Tellheim eher nicht. Die Lösung des Konfliktes kommt von außen. Auf dem Weg dahin bekommen die Zuschauer es mit einigen schrägen oder bemerkenswerten Charakteren zu tun. Da ist der mürrische und saufende Wirt (Michael Benthin), der eine glänzende Parodie auf Minna abgeben kann, Minnas Zofe Franziska (Sandra Gerling), die mit ihrer Herrin durch dick und dünn geht und der treue, etwas ungeschickte und weinerliche Kammerdiener Tellheims Just (Sascha Nathan). Auch der professionelle Glücksspieler Riccaut de la Marliniére (Michael Abendroth) trägt zur fragwürdigen Erheiterung bei.

Unsichtbarer Hauptdarsteller ist die Ehre. In seiner Ehre verletzt, verletzt Tellheim andere. Da ist die Witwe seines Freundes, die ihm Schulden zurückzahlen will, die ihr verstorbener Mann bei ihm hatte. Tellheim lehnt ab. Auch als sein Freund Paul Werner (Till Weinheimer) ihm Geld anbietet, weigert Tellheim, sich helfen zu lassen. Die Härte, mit der er die Verlobung der ihn liebenden Minna löst, ist grausam. Einzig Minnas tiefe Liebe zu ihm und ihr entschlossenes Gemüt erlauben ihr, mit dieser Verletzung umzugehen. Seine Ehre ist die einzige Konstante in einem Frieden, der Unsicherheit und Unordnung mit sich bringt. Das zentrale Bühnenbild der Drehbühne des Schauspiels Frankfurt (Bühne: Julia Scholz) besteht aus Türen in verschiedenen Höhen. Einige sind haushoch, andere so niedrig, dass man nur durch sie kriechen kann. Es ist unvorhersehbar, wer wann durch welche Tür kommt und es herrscht auf der Bühne eine ebensolche Orientierungslosigkeit wie in der Nachkriegszeit.

Bei aller Modernisierung verzichtet Jorinde Dröse auf Bezüge zur Jetztzeit. Obwohl die Unwägbarkeiten der Finanzkrise, das Weiterbestehen des Prekariats und die Blüten der Politik durchaus Ähnlichkeiten aufweisen und die Börsenmetropole Frankfurt am Main durchaus einen Diskurs in Sachen Ehre wert wäre. Aber es reicht, dass Lessing mit „Minna von Barnhelm“ ein zeitloses Meisterwerk geschaffen hat. Jorinde Dröse hat dies mit Slapstickeinlagen aufgepeppt und ironisiert. Das Liebeskarussell dreht sich bei Tangoklängen und anderen pointierten musikalischen Einlagen. Am Schluss wird auch klar, warum das Stück nicht Tellheim heißt, sondern Minna. Es ist der Eigeninitiative Minnas, dem Festhalten an ihrer Liebe und ihrer gleichzeitigen Flexibilität zu verdanken, dass das Lustspiel ein Lustspiel bleibt und nicht zur Tragödie wird. Am Ende ist es nicht so sehr die Liebe, die zählt, aber die Menschlichkeit, die Minna sich über Kriegs- und Friedenswirren hinweg bewahrt hat.


Helga Fitzner - red. / 6. Oktober 2010
ID 4870
MINNA VON BARNHELM (Schauspiel Frankfurt, 24.09.2010)
Major von Tellheim ... Marc Oliver Schulze
Minna von Barnhelm ... Claude De Demo
Franziska ... Sandra Gerling
Just ... Sascha Nathan
Paul Werner ... Till Weinheimer
Der Wirt ... Michael Benthin
Riccaut de la Marliniére ... Michael Abendroth
Eine Dame in Trauer ... Till Weinheimer
Musiker ... Roderik Vanderstraeten
Regie: Jorinde Dröse
Bühne: Julia Scholz
Kostüm: Barbara Drosihn
Musik: Roderik Vanderstraeten
Licht: Johan Delaere
Dramaturgie: Alexandra Althoff

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielfrankfurt.de/


Post an: Helga Fitzner



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