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Rezension

Volker Spengler - der jetzt immer öfter in so Frauenrollen an der Volksbühne Berlin zu sehen ist - verleiht der Gräfin de la Roche in Lenz' Soldaten Witz und Würde; aber auch die Andern aus der (witzig-würdigen) Besetzungsliste legen sich sehr imposant in Castorfs Zeug


Die Theoretiker haben den Lenz in Sturm-und-Drang karteiisiert.

Er ist als Stückeschreiber irgendwie bekannt.

Ein Stück von ihm heißt Die Soldaten - Büchners Woyzek wäre ohne sie undenkbar; eine Oper gleichen Namens (Uraufführung 1965) machte B. A Zimmermann zweihundert Jahre später weltberühmt.

Also Jakob Michael Reinhold Lenz.

Er ist nur 41 Jahre alt geworden, wurde niemalsnirgends richtig heimisch, und man fand ihn eines Tages tot in Moskau... einfach so auf einer Straße liegend.

Lenz war - so wie alle großen Künstler - paranoisch und gespalten. Sein Fall allerdings entwickelte sich klinisch (siehe: Büchners Lenz).

Seine Soldaten haben Autobiografisches, d. h.auch Lenz bewegte sich, zwar nur gelegentlich, als Offiziersdiener zum Beispiel, in den Kreisen. Überhaupt ging er diversen Haupt- und Nebenjobs bei Diesem oder Jenem (Brotarbeiten) nach. Vom Schreiben konnte er, natürlich, nie und nimmer leben.

* * *
Jetzt hat Castorf sie und ihn - Soldaten/Lenz - in einer über dreistündigen Spielfassung, selbstredend ohne Pause, auf das Riesenrund der Volksbühne gehoben. Und es ist ihm (Castorf) eine unerwartbar gut tuende Kurzweile mit flammenwerferischen Highlights hie und da geglückt:

Die Eindrücke des Abends sind so derart bunt und wild, dass ich die größte Mühe hatte, mich im Nachhinein aufs "Beste unter Bestem" zu besinnen:

Margarita Breitkreiz & Ada Labahn agieren leib- und seelenstark als die zwei Töchter eines Zitternadelhändlers, welcher wiederum (Kurt Naumann, jener Zitternadelhändler) nicht viel weniger leib-/seelenstark als seine beiden Töchter, halt nur väterlicherseits, agiert.

Mex Schlüpfer (toller Name!!) gibt in anfangs stumpfsinnig daherleiernder Tiefsinnslaune - er ist nämlich in dem Stück der von der Braut verratne und verlassne Bräutigam - einen sich mehr und mehr dem maskulinen Rachefeldzug hinneigenden Tuchhändler, der justament, also am Schluss, in epileptischer Verzückung (toller Wahnsinnsausbruch vor uns Bodenkissenschlummernden!!!!), sein Tötungswerk am "Konkurrenten" aus Französisch-Hennegau - Hans Schenker gibt ihn als betörender Charmeur und Frauenschwarm - vollbringt.

Frau Bärbel Bolle reizt die Lachmuskeln in einem Unterlass... dass sich's nur so gewaschen hat. Sie macht nicht viel, doch wie sie sich bewegt und wie sie spricht, und ob das Alles nun bewusst oder auch unbewusst "aus ihr" erfolgt - zeigt in sehr hochkomischer Weise, was so Mütter von so Wahnsinnigen, beispielsweise, in die zwängendsten Verhaltensmuster drängt ("Sohn, geh jetzt endlich schlafen! Alles wegen dieser Metze!! diesem elendigen Saustück!!!" - sag' ich jetzt mal so).

Auch all die anderen Soldaten - allererste Sahne: Harald Warmbrunn, Axel Wandtke, Henry Krohmer, Uwe Dag Berlin sowie (als Militärpfaffe) Frank Büttner!!!!!!

Viele Subtexte im oder außerhalb vom Umfeld Die Soldaten.

Jede Menge O-Zitate oder/und Klaviersoli aus jenem Opernwerk des B. A. Zimmermann. Sir Henry - eine seit Jahrzehnten nicht mehr aus dem Musentempel Castorfs wegzudenkende "Begleit-Institution" - bearbeitet den Flügel regelrecht nach Strich und Faden. Diesmal hatte er sich eine Opernsängerin zur Linken und zur Rechten seiner Zauberfingerchen und Zauberzeh'n geholt; Ruth Rosenfeld singt, tanzt und spielt... dass es nur so verblüfft.

Eine der schönsten Aufführungen an der Volksbühne, seit Jahren.

Gute Laune.


Andre Sokolowski - 30. April 2010
ID 4608
DIE SOLDATEN von Lenz (Volksbühne Berlin, 29.04.2010)
Regie: Frank Castorf
Kostüme: Adriana Braga
Musikalische Leitung: Sir Henry
Licht: Hans-Hermann Schulze
Dramaturgie: Sebastian Kaiser
Mitarbeit Bühne: Edwin Bustamante
Mit: Kurt Naumann Skubowius (Wesener), Bärbel Bolle (Frau Wesener), Margarita Breitkreiz (Marie Wesener), Ada Labahn (Charlotte Wesener), Mex Schlüpfer (Stolzius), Hans Schenker (Desportes), Harald Warmbrunn (Der Graf von Spannheim), Frank Büttner (Eisenhardt), Axel Wandtke (Haudy), Henry Krohmer (Rammler), Uwe Dag Berlin (Mary), Volker Spengler (Die Gräfin de la Roche), Bonn Park (ihr Sohn), Ada Labahn (Jungfer Zipfersaat), Ruth Rosenfeld und Sir Henry
Premiere war am 25. Februar 2010
Wieder im Spielplan: 8. Mai / 4. Juni 2010

Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


www.andre-sokolowski.de



 
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