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Besprechung


5. Oktober 2012, Kammerspiele Bonn

HARPER REGAN

Von Simon Stephens



Viel Luft nach oben

„I got a feeling that tonight’s gonna be a good night“ – eher zart und schüchtern singt Tatjana Pasztor als Titelfigur Harper Regan zu Beginn des Abends diese Zeile ins Mikrofon. Mag sein, dass dies das Motto der Aufführung ist, aber so recht will die Premiere von Harper Regan in den Kammerspielen Bonn nicht zünden, bleibt eher Versprechen als Erfüllung. Und das liegt am wenigsten an den Schauspielern.

Simon Stephens, derzeit in Deutschland sehr erfolgreicher englischer Dramatiker, hat mit Harper Regan ein Stück über eine Frau in den besten Jahren geschrieben, verheiratet, eine halbwüchsige Tochter und dazu noch einen Job, der gut bezahlt ist. Die Ereignisse kommen ins Rollen, als sie ihren todkranken Vater besuchen will und keinen Urlaub bekommt. Harper macht sich dennoch auf den Weg, kommt aber zu spät: Ihr Vater ist bereits gestorben. Ihre Familie weiß nicht, wo sie sich aufhält, und das Gespräch mit ihrer Mutter hält ein paar unerfreuliche Wahrheiten bereit.

Regisseurin Patricia Benecke und ihr Team haben in Bonn das Personal auf nur sechs Schauspieler verteilt. Wolfgang Rüther, Grégoire Gros und Julia Goldberg übernehmen dabei jeweils mehr als eine Rolle. Wolfgang Rüther sieht sich sicherlich mit vier verschiedenen Figuren der größten Herausforderung gegenüber und er meistert sie bravourös: mit wenigen Handgriffen, unterschiedlichen Kostümen und jeweils charakteristischer Körperhaltung und Sprechweise legt er beispielsweise Harpers schmierigen Chef Mr. Barnes sowie den Möchtegernmacho und -rocker Mickey aufs Parkett. Mit seinen liebevoll gezeichneten, leicht schrägen Figuren sorgt er für einen humoristischen Höhepunkt des Abends. Gros und Goldberg sind da eher für die ernsteren Töne verantwortlich. Gros verkörpert mit einer wunderbaren Mischung aus jugendlicher Unbeholfenheit und Direktheit den siebzehnjährigen Tobias Rich, den Harper Regan nach Feierabend auf einer Brücke trifft und der eine ungewohnte Faszination auf sie ausübt. Goldberg spielt Regans Tochter Sarah als naseweisen, leicht nöligen, besserwisserischen Teenager, der nach seinem eigenen Weg sucht.

Im Zentrum des Abends steht natürlich Tatjana Pasztor, die Harper Regan eine Unruhe und zugleich eine Unentschlossenheit gibt. Sie ist freundlich, aber irgendwie nicht richtig in dieser Welt angekommen. Es ist schwierig, hinter ihre Fassade zu blicken. Sie ist sicherlich kein Revoluzzer, umso überraschender wirken ihre Ausbrüche. Erst ganz am Ende, in Gummistiefeln und im eigenen Garten scheint sie angekommen. Ihr Ehemann Seth Regan lebt eher neben ihr her, als dass die beiden den Eindruck einer glücklichen Ehe vermitteln. Ralf Drexler spielt ihn sehr leise, sehr zurückgezogen, stets darauf bedacht, es seiner Frau recht zu machen. Lauter und geradezu albern wird er nur im Umgang mit seiner Tochter. Zu sagen haben diese beiden sich nicht allzu viel. Komplettiert wird das Ensemble durch Tanja von Oertzen, die Harpers Mutter eine graue Strenge verleiht; auch zwischen den beiden ist eher Distanz als Nähe zu spüren, zugleich aber die Tragik einer unausgesprochenen Zuneigung.

Klingt so, als könnte Harper Regan ein großer Abend sein. Was ihm jedoch fehlt, ist ein gutes Gespür für Tempo und Dynamik. Oftmals gelingt in einzelnen Szenen der Spagat zwischen kleinen Gemeinheiten, die bei großer Nähe wie der zwischen Mutter und Tochter besonders verletzend sind, und Monologen über die eigene Befindlichkeit nicht. Der Moment, in dem die Figuren kurz etwas Ungeheures, Spannendes offenbaren, verfliegt oftmals zu schnell oder geht unter in einer Situation, die unentschieden gestaltet ist. Vielleicht ist die Bühne der Kammerspiele auch zu groß für dieses Stück und es wäre auf der kleineren Werkstatt-Bühne besser aufgehoben gewesen. So macht sich eine gewisse Langeweile breit, und das ist schade – denn Harper Regan hat eine besondere Lebensgeschichte, die einerseits alltäglich ist und andererseits auch wieder nicht. In Bonn wird sie leider etwas unentschieden in Szene gesetzt.




Harper Regan in den Kammerspielen Bonn - Foto (C) http://www.theater-bonn.de


Karoline Bendig - 6. Oktober 2012
ID 6253
HARPER REGAN (Kammerspiele Bonn, 05.10.2012)
Inszenierung: Patricia Benecke
Bühne: Gesine Kuhn
Kostüme: Stephanie Geiger
Licht: Max Karbe
Musik: Gregor Schwellenbach
Dramaturgie: Almuth Voß
Besetzung:
Harper Regan ... Tatjana Pasztor
Seth Regan ... Ralf Drexler
Elwood Barnes/Mickey Nestor/James Fortune/Duncan Woolley ... Wolfgang Rüter
Tobias Rich/Mahesh Aslam ... Grégoire Gros
Sarah Regan/Justine Ross ... Julia Goldberg
Alison Woolley ... Tanja von Oertzen
Premiere war am 5. Oktober 2012

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater.bonn.de


Post an Karoline Bendig



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