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nachDRUCK # 6

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Rezension

Zerbrechliche Existenzen, herangezoomt (DIE WELLEN am Schauspiel Köln)





Am Anfang ist das Rauschen: Ein Meer, projiziert auf Großleinwand. Dann erst das schüchterne Aufglimmen einer Zigarette. So behutsam man in die Geschichten um Bernard, Rhoda, Louis, Susan, Neville und Jinny hineinmanövriert wird, wie sie sich langsam um die lange Tafel herum entspinnen und erinnert werden, so brachial-wuchtig entfalten sich doch im Laufe der nächsten 2 ½ Stunden ihre vielen kleinen persönlichen Dramen. Die Tafel, die sich von einem Bühnenrand zum anderen erstreckt, wird noch für so einiges herhalten: So dient sie unter anderem als Banketttisch, als Bett, als Rasen. Und sie scheint die einzige Konstante zu sein in der kleinen Welt dieser Charaktere, die nichts kennt als die Melancholie, oder auch das Glück des Augenblicks.

Diese Welt der Innerlichkeit, durch welche die englische Regisseurin Katie Mitchell ihre Darsteller vom Ensemble des Schauspiel Köln da taumeln lässt, beschwörte einst die kongeniale Virginia Woolf in ihrem 1931 erschienenen Roman The Waves herauf. Ähnlich innovativ wie ihre Landsmännin dermaleinst mit ihrem Erzählen im „Bewusstseinsstrom“ in Erscheinung getreten war, hat auch Mitchell bei ihrer Bühnenadaption von The Waves im Jahre 2006 am National Theatre in London einen völlig neuen, multimedialen Erzählmodus eingeführt, den sie jetzt auch bei ihrer Überarbeitung für das Kölner Schauspiel beibehält.

Ihr Theater bewegt sich in der brüchigen, vielstimmigen Welt der Charaktere mit zarter Coolness in einem weiten Feld, irgendwo zwischen Lesung, Hörspiel, Film und Videoinstallation. Die Bühne wird zu einem Sammelsurium von Requisiten; Handkameras halten minutiös jede Geste, jeden Wimpernschlag fest. Die Inszenierung für die Kamera wird so, wie auch die Erzeugung der Geräuscheffekte, für das Publikum transparent – handele es sich um die Schale mit schwimmenden Blütenblättern, von unten gefilmt, die künstlich angelegte Pfütze oder die improvisierte Wäscheleine. Was hier der große Illusionsdurchbruch ist, die radikale Enthüllung einer konstruierten Welt, wird auf der großen Leinwand simultan wiederum zur perfekten Illusion. So sehr das Spiel mit den Kameras den Zuschauer auch anstrengt, so gebannt verfolgt er doch die Bilder, die den Zauber des Moments in einem England des beginnenden 20. Jahrhunderts findet, das doch so zeitlos scheint.

Doch nicht nur dem Betrachter verlangt diese schonungslos gläserne Produktionsweise einiges an Konzentration ab, vor allem die Schauspieler selbst scheinen auf der Bühne pausenlos zu rotieren. Dass sie dies alles jedoch mit irrsinniger Präzisionsarbeit scheinbar mühelos stemmen, ist daher umso eindrucksvoller. Auch die Erzähltechnik stellt die gewohnten Rollenverhältnisse auf den Kopf. Man hat das Gefühl, einer Lesung beizuwohnen; der eine trägt, das Manuskript in der Hand, vor, was in Geist und Seele des anderen vorgeht. Ein ungewohntes, vielleicht gewöhnungsbedürftiges Konzept, doch zeigt dieser beständige Rollentausch, dass die Grenzen zwischen den Personen vielleicht fließender sind als gedacht.

Alles ist fragmentarisch, Sinnzusammenhang zu konstruieren schwierig, aber darum geht es auch gar nicht. Mitchell kommt das große Verdienst zu, sich nicht an Worthülsen festgekrallt oder in der Poesie verloren zu haben, sondern den Darstellern durch möglichst viel plastisches Erleben Raum zu geben, innere Prozesse in eine objektive Realität zu holen. Und das ist auch ihr Credo: Dass nämlich unser Tun und Details unserer Mimik letztlich viel mehr über uns verraten als unsere Worte. So liegt denn auch die Stärke des Stücks gerade in den leisen, meisterhaft bebilderten Momenten, und weniger in den Szenen akustischen Bombasts. Irritierend ist der oft hektische, unnötig schrille und oft pathetische Redefluss. Und auch wenn das Streicherquartett hinter den Kulissen ausgezeichnet besetzt ist, so hätte die Produktion das wiederholt eingespielte Dröhnen und Wummern nicht unbedingt gebraucht.

Und doch ist das Ende ein leises Verebben, ein intensiver Blick, dann wieder Meeresrauschen. Ein hochkonzentriertes Ensemble und eine versierte, zu Recht hochgelobte Regisseurin verdienen den aufbrandenden Applaus, der nicht enden will.

Jaleh Ojan - red. 20. Februar 2011
ID 00000005073
DIE WELLEN (Schauspiel Köln, 18.02.2011)
Regie: Katie Mitchell
Ausstattung: Vicki Mortimer
Video und Fotografie: Leo Warner
Musik: Paul Clark
Sound Design: Gareth Fry
Licht: Paule Constable
Dramaturgie: Jan Hein
Besetzung:
Susan ... Julia Wieninger
Rhoda ... Birgit Walter
Virginia ... Ruth Marie Kröger
Jinny ... Laura Sundermann
Bernard ... Yorck Dippe
Neville ... Maik Solbach
Louis ... Renato Schuch
Percival ... Sebastian Pircher
Streichquartett: Tiziana Bertoncini / Johannes Platz / Marei Seuthe / Radek Stawarz
Weitere Termine: 24., 25., 26., 27.02. / 09.03., 15.03.



Siehe auch:
http://www.schauspielkoeln.de





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