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Feuilleton


17. November 2012, Premiere am Maxim Gorki Theater Berlin

BAHNWÄRTER THIEL

nach der Erzählung von Gerhart Hauptmann


Peter Kurth und Regine Zimmermann in Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel am Maxim Gorki Theater Berlin - Foto (C) Thomas Aurin


Der Vogelstimmenimitator

Vorvorgestern (15. November) wäre Gerhart Hauptmanns 150 Jahre alt geworden. Der Nobelpreisträger für Literatur (1912) war gleichsam als Dramatiker (Die Weber, Die Ratten, Einsame Menschen usf.) wie Prosaist bekannt. Bahnwärter Thiel (1888) ist vielleicht die beste der Erzählungen von ihm - ich hatte sie, nach vielen Jahren, wieder mal gelesen; und ich fragte mich "besorgt", was will und soll der Text jetzt auf der Bühne? was hat er da eigentlich zu suchen?? (Diese Frage schien mir um so grundlegender wie berechtigt, weil der Hauptmann halt ein "echter" Stückeschreiber war; und wenn er halt das Thema und den Stoff um jenen Bahnwärter dramatisch auszuschlachten sich entschlossen hätte, hätte er das selbstredend getan...)

Bahnwärter Thiel ist karg und düster. Seine Stimmung ist bedrückend; es scheint wenig Licht - wenn es dann freilich einmal aufleuchtet, dann wuchern Bilder von cinemaskopener Wucht in dem Gehirn des Lesers; allein jene Hauptmann'sche Beschreibung einer Abenddämmerung und wie in ihr plötzlich die Bahngleise rotgolden schimmern... nein, da will ich nicht, dass mir das irgendwer mit Scheinwerfern auf dem Theater nachzubilden sich erdreistet; dieses Selbsterlesene will ich für mich, allein für mich (!), behalten und verarbeiten.

Was ist es bloß, dass - schon seit Jahren und Jahrzehnten - Regisseure treibt, statt Stücke (und auch neue Stücke, die es stapelweise gibt!) besser und lieber Prosa- oder Filmvorlagen zu verinszenieren?! Beispielsweise Armin Petras, das geniale Vieltalent, Autor und Regisseur - er brachte es dann während seiner Zeit als Intendant des Maxim Gorki Theaters Berlin zu zig derartigen Theater-Transkriptionen; irgendwie fand/findet er tatsächlich nicht viel Holens- oder Bringenswertes an der Neudramatik (Eigenes natürlich ausgenommen); und so stahl und stiehlt er sich demnach aus der tatsächlichen Verantwortung eines Theaterregisseurs für neu(er)e Theatertexte... Aber nicht nur er, bei Weitem nicht. Der Trend ist mittlerweile etablierte Mode - die Benachteiligten sind die zeitgenössischen Dramatiker, deren Berufsstand, so gesehen, immer mehr in Frage steht.


* * *


In der Erzählung bringt ein Mann, der durchknallt, seine zweite Frau mit einer Axt um. Von der ersten Frau, die starb, hatte er einen Sohn, der geistig behindert ist, mit in die neue Ehe gebracht. Das Paar befindet sich in einer gegenseitigen Abhängigkeit; sie (Lene) mehr im Materiellen, er (Thiel) mehr sexuell. Auch gibt es Nachwuchs - von den beiden Kindern akzeptiert die Mutter freilich nur ihr eigenes. Der Erst- und Fremdgeborene wird, weil die Stiefmutter ihn unbeaufsichtigt in Gleisnähe zurückgelassen hat, von einem Zug erfasst - dem Mann wird/wurde all die Liebelosigkeit der Frau, seitdem er mit ihr weilte, voll bewusst; aber auch er hatte sie nie geliebt; von der Verstorbenen (Minna) konnte er sich emotional nicht lösen, in ihr Kind (Tobias) investierte er sein ganzes Restgefühl... Es kam, was kommen musste.

Peter Kurth ist Thiel. Regine Zimmermann ist Lene und Diane Gemsch ist Minna; die zwei Frauen tauschen dann auch hin und wieder ihre beiden Rollen... Kurth und Zimmermann sprechen bzw. deklamieren wortwörtliche O-Zitate der Erzählung; sie beschränken sich demnach nicht nur auf für sie brauchbar scheinende Repliken. Gemsch - vom Tanz kommend - wird eine Lene-duplizierende und Minna-raufbeschwörende Funktion (Choreografie: Berit Jentzsch) zuteil. Die zusätzliche Einarbeitung von paar Fremd- und Subtexten ist dramaturgisch unerheblich.

Bühnenbildner Olaf Altmann hat als Einsicht in die "Kammerbühne" einen Holzrahmen, der zum Finale hin nach rechts abkippt, gebaut. Hinter/in/auf/vor dieser Konstruktion wird halt gestanden oder sich bewegt.

Von Anfang an ist Himbeermarmeladensaft zu sehen - sollte das womöglich, in Dosierung, den Massakerschluss vorwegnehmen?

Und physisch dominiertes Ausgelebtsein wird zum exzessiven Markenzeichen dieser kurzweiligen Inszenierung - also alles Das, was Hauptmanns Text beschreibt bzw. was der Leser während der Lektüre aus ihm schließt und schließen könnte, kriegt dann kommentierend leibliches Gewicht; das regt sehr auf und sieht sehr toll aus! Wenn sich die Akteure beispielsweise in brachialster Weise gegenseitig an die Wand knallen, entsteht auch allergrößte Sorge des Betrachters um den körperlichen Unversehrtheitsgrad der drei begnadeten Akteure; aber Petras hatte seine Leute ja noch nie geschont...

Die faszinierendste der Szenen dieses Abends: Wenn der Vater mit dem Sohne - Peter Kurth macht Vogelstimmen nach. Er pfeift den Siebentöter, er zwitschert die Lerche, er ruft den Kuckuck, er knarzt den Eichelhäher... Und da schossen mir dann allerdings die Tränen in die Augen - so was hätte ich als Kind auch gern gehabt, dass mir mein Vater die Natur erklärt.

Elementar geschauspielert.




Peter Kurth ist Bahnwärter Thiel am Maxim Gorki Theater Berlin - Foto (C) Thomas Aurin


Andre Sokolowski - 18. November 2012
ID 00000006356
BAHNWÄRTER THIEL (Maxim Gorki Theater, 17.11.2012)
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Valerie von Stillfried
Choreographie: Berit Jentzsch
Musik: Thomas Kürstner und Sebastian Vogel
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Jens Groß
Mit: Regine Zimmermann, Peter Kurth und Diane Gemsch
Premiere war am 17. November 2012
Weitere Termine: 21, 29. 11. / 7., 25. 12. 2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de


http://www.andre-sokolowski.de



 
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