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28. Dezember 2011, Staatsoper Hannover

ARIADNE AUF NAXOS



Drama zwischen Stühlen

Ingo Kerkhof ist schon so etwas wie eine feste Größe an der Staatsoper Hannover unter der Intendanz von Michael Klügl. Nach Mozart, Monteverdi und Rossini hat er sich nun Richard Strauss‘ Oper „Ariadne auf Naxos“ angenommen – dieses merkwürdige Werk, in dem die tragische Geschichte der Ariadne, die auf Naxos ihrem Geliebten Theseus nachtrauert, mit dem buffonesken Stück „Zerbinetta und ihre Liebhaber“ verstrickt wird. Und als ob das noch nicht genug wäre, gibt es noch eine Rahmenhandlung um den Auftraggeber der beiden Werke und die vermeintliche Erstaufführung.

Der Abend beginnt sehr launig mit der Mitteilung, wer erkrankt ist, wer sich von der Inszenierung und der Rollenauffassung distanziert und für wen Glückwünsche ob neu geborenen Nachwuchses auszusprechen sind. Übermittelt bekommt der Zuschauer diese Informationen von Schauspielerin Sigrun Schneggenburger, die im Bärenkostüm geradewegs aus einer anderen Vorstellung heraus verpflichtet worden zu sein scheint, um in „Ariadne auf Naxos“ den Haushofmeister zu geben. Der bärbeißige Charme dieser Ansage überzeugt und lässt auf einen kurzweiligen Abend hoffen.

Kerkhof spitzt mit seiner Inszenierung die Strauss-Hofmannthalsche Setzung, lustiges Intermezzo und tragische Oper gleichzeitig zu geben, zu und setzt sogar noch einen drauf. Die Nymphen, die Teil der Ariadne-Handlung sind, wogen rheintöchtergleich in ihren weißen Kleidern über die Bühne und rahmen einen körperlich eher kleiner geratenen Heldentenor mit golfblondem Perückenhaar ein – nein, nicht Siegfried, sondern der Weingott Bacchus, aber die Assoziation zum großen Wagner ist unverkennbar. Von Kopf bis Fuß in Schwarz und dementsprechend staatstragend in Trauer die unglücklich verlassene Ariadne, die zugleich gerne zum Alkohol greift und sich auf diese Weise die widrigen Aufführungsumstände schöntrinkt. Immerhin schafft Brigitte Hahn es in ihrer Rolle als Ariadne kurzzeitig, das Publikum um sich herum (gewissermaßen die Kollegen) mit ihrer Leidensgeschichte zu fesseln – bevor alle wieder in ihren Auftrittsvorbereitungstrott verfallen. Für den koloraturklingenden Frohsinn ihrer Kollegin Zerbinetta hat sie allerdings nur wenig übrig, nur an einer Stelle kommen sich die beiden etwas näher – natürlich im gemeinsamen Wehklagen über di e Männer.

Bühnenbildnerin Anne Neuser hat eine Bühne geschaffen, die eher an eine Probensituation oder an einen Aufenthaltsraum denn an ein opulentes Ausstattungsstück erinnert. Zwar hat man für die vermeintliche Erstaufführung von „Ariadne auf Naxos“ für den Auftraggeber rechts ein paar obskure Bäume aufgestellt, aber die Bühne wird dominiert von einem langen schlichten Tisch und Stühlen (bunt zusammengewürfelt wie in einer Studenten-WG). Und so spielen sich die großen Dramen hier zwischen den Stühlen ab, gleichzeitig ein netter Kommentar zur Würdigung der beiden Auftragswerke durch den Auftraggeber. Es muss eben alles irgendwie stattfinden, der Herr hat schließlich nicht viel Zeit und anschließend eine Verabredung zum Essen. Daher muss die Aufführung pünktlich enden. Dadurch, dass ein Großteil der Inszenierung hinter der Bühne spielt, umgeht das Regieteam auch das Problem, dass es bei dieser Strauss-Oper nicht nur die Geschichte auf der Bühne erzählt wird, sondern ebenso die Aufführungssituation als Rahmenhandlung mitgeliefert wird.

Musikalisch ist die Aufführung ein Genuss. Karen Kamensek, neue Generalmusikdirektorin in Hannover, lässt wunderschöne Klangfarben aus dem Orchestergraben aufleuchten, stets in einer ausgewogenen Dynamik und weit entfernt von so mancher Kraftmeierei, die bei Strauss gerne überhandnimmt. Auch die Gesangssolisten wissen durchweg zu überzeugen: Julia Faylenbogen verkörpert einen sehr jungen, idealistischen Komponisten, der zarte Bande mit Zerbinetta knüpft, Brigitte Hahn verleiht Ariadne die nötige Ernsthaftigkeit und Tiefe und der Primadonna, die Ariadne singt, die richtige Prise Ressentiment gegen die Aufführungsbedingungen, Robert Künzli überzeugt mit allem alles überstrahlenden Heldentenor, Ina Yoshikawa bewältigt scheinbar mühelos die anspruchsvollsten Koloraturen und die drei Nymphen Dorothea Maria Marx, Julie-Marie Sundal und Sara Eterno geben ein entzückendes Trio ab. Gelungen ist übrigens auch das Programmheft zu dieser Produktion, das zum einen sehr viele Texte enthält, die im Kontext von Kerkhofs Inszenierung entstanden sind (u.a. auch Äußerungen der Darsteller zu ihrer Auffassung von Theater), und zum anderen sehr erheiternde Texte zum Theater(-spielen) an sich.

Kerkhof und seine Mitstreiter finden für „Ariadne auf Naxos“ einen stimmigen Erzählgestus, der gleichzeitig die Setzung Tragödie vs. Komödie ernst nimmt und zeigt, wie schwierig es sein kann, Kunst zu produzieren. Das dies dennoch immer wieder gelingt – zwischen Stühlen eine große Strauss-Arie singend –, ist dann beinahe anrührend.


Karoline Bendig - 1. Januar 2012 (2)
ID 00000005615
ARIADNE AUF NAXOS (Staatsoper Hannover, 28.12.2011)
Musikalische Leitung: Karen Kamensek
Inszenierung: Ingo Kerkhof
Bühne: Anne Neuser
Kostüme: Inge Medert
Choreographie: Mathias Brühlmann
Besetzung:
Der Haushofmeister ... Sigrun Schneggenburger
Ein Musiklehrer ... Stefan Adam
Der Komponist ... Julia Faylenbogen
Der Tenor (Bacchus) ... Robert Künzli
Brighella ... Ivan Turšić
Zerbinetta ... Ina Yoshikawa
Primadonna/Ariadne ... Brigitte Hahn
Harlekin ... Christopher Tonkin
Scaramuccio ... Tivadar Kiss
Truffaldino ... Young Kwon
Najade ... Dorothea Maria Marx
Dryade ... Julie-Marie Sundal
Echo ... Sara Eterno
Niedersächsisches Staatsorchester Hannover
Premiere war am 3. Dezember 2011
Weitere Termine: 15., 18. und 22. 1. sowie 14. 2. 2012


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-hannover.de





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