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Premierenkritik

8. Februar 2014 - Staatsschauspiel Dresden

DIE ZWÖLFTE NACHT ODER WAS IHR WOLLT

von William Shakespeare, neu übersetzt von Frank-Patrick Steckel


Was ihr wollt am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn


Was immer Ihr wollt

Tuntenparade stillgestanden! Und zittern!

Was wird das wohl für ein gräuliches Untier sein, dass sich da geräuschvoll aus den Tiefen seiner Bunkerhöhle ankündigt? Die Gefolgsmänner des Herzogs (gekleidet in Uniformen aus Eva Brauns Schnittmusterbogen, allerdings in knalligem Rot – Kostüme Marion Münch) wuseln durcheinander wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen und fürchten sich.

Ein fröhlicher Orsino im Unterhemd hüpft herein, bemerkt aber schnell, dass das die falsche Figuranlage ist. Er kommt nochmal, diesmal schlurfend, grüßt leutselig seine Boys und staucht sie im nächsten Moment zusammen. Ein „kleiner Diktator“, doch nicht minder gefährlich. Love hurts, Melancholie und Jähzorn wechseln beständig. Die Musik hat er verboten in seinem Reich, aber es gibt Ausnahmen. Hier leidet einer sichtbar.
Und dann latscht auch noch eine klatschnasse Viola durch die Szene. Jene, schiffbrüchig und gestrandet an den Gestaden von Illyria, weint um den ertrunken geglaubten Zwillingsbruder. Aber irgendwie muss es ja weitergehen, warum nicht als Knabe im Gefolge des Herzogs? Da bieten sich doch deutlich mehr Möglichkeiten als für eine alleinstehende junge Dame.

Bei Orsino schmeckt inzwischen der Fusel nach Zahnpasta. Und Cesario, der neue Diener, mutet weiblich an. Vielleicht ist er deshalb besonders geeignet als Liebeswerber? Er wird entsandt zur Gräfin Olivia, dem Tugendmahnmal.

In derem Hause gibt es allabendlich ein Dinner for one or three, Cheerio, Sir Toby, sonst passiert eigentlich nicht viel. Olivia grämt sich um Vater und Bruder, mit der Männerwelt hat sie (vorläufig) nichts am Hut, auch wenn Onkel Toby den strunzdummen, aber vermögenden Sir Andrew als potentiellen Gatten angeschleppt hat. Das Haus wird noch bevölkert vom eitlen Majordomus Malvolio, der unsterblich in seine Herrin verliebt ist, und der Kammerfrau Maria, die ihn ebenso tief verachtet wie sie Sir Toby zugeneigt ist.

Und einen Narren gibt es, Feste, der hält die Handlung zusammen. Wie jener (Nele Rosetz) lustlos-routiniert sich einführt und dabei die Riege der unsäglichen Stand-up-Comedians durch den Kakao zieht, ist eines der vielen Kabinettstückchen des Abends.

Donna Promilla Olivia ist noch vergleichsweise nüchtern, als der Bote Cesario eintrifft, es gab ja auch noch kein Frühstück. Trotz Abweisung kämpft sich jener bis zur Herrin vor, muss zunächst einen Schleiertanz überstehen, der im Publikum stattfindet, ist mit seiner Werbekampagne für den Herzog aber dann derart erfolgreich, dass es zu einer Ringparabel der anderen Art kommt. Er ist nun das Objekt der Begierde, dumm gelaufen für Orsino. (Alter Manager-Leitsatz: Manche Dinge macht man besser selbst.)

Sonja Beißwenger als Olivia zeigt zwar ein bedenkliches Frauenbild, wie sie auch selbstkritisch einräumt, tut das aber derart gut, dass ihr der erste Szenenapplaus gehört. Auch später, in jeder Phase zwischen Angeschickertsein und sturzbetrunken, ist es ein Genuss, ihr zuzusehen, man kann Orsino schon verstehen.

Derweil geht die Toby-Party weiter, der Narr singt derart herzerweichend jenes berühmte Bäng-Bäng (Nancy Sinatra, „My baby shut me down“), dass nicht nur auf der Bühne geheult wird. Dann aber Butter bei die Fische: Maria plant eine Verschwörung gegen Malvolio. Das kann ja heiter werden.

Die Szenen überlappen sich immer wieder, eine großartige Choreographie wird geboten. Andreas Kriegenburgs Hitparade folgt, Hit me Baby, I wonna fall in love, sozusagen unplugged. Ganz, ganz großartig vom Chor der Gefolgsleute (Duran Özer, Mathias Bleier und herausragend: Matthias Luckey), das muss man gesehen haben. Bei den Leadsängern Orsino und Cesario gibt es sexuelle Verwirrungen, zumindest letzterer kann sich das gut erklären, doch der arme Herzog ist nicht zu beneiden, so kurz vor dem Coming-out.

„Du bist so verdammt spezial“… Ein Duett zum Niederknien. Christian Erdmann gibt seinem Orsino trotz aller Bösartigkeit und Lächerlichkeit etwas zum Liebhaben mit (ist es vermessen, an Philip Seymour Hoffman zu erinnern, dem das auch immer gelang?), er ist mal wieder einer von denen, die den Abend tragen. Und Yohanna Schwertfeger setzt ihren Wiener Schmäh immer wieder punktgenau, bevor es zu rührselig wird. Auch das ist beklatschenswert. Das Duett wird gekrönt von einem Pas de deux voll (scheinbarer) Homoerotik. Danach dreht sich alles, „Welt, stillgestanden!“ hilft auch nicht.

Szenenwechsel, Auftritt der sprechenden Hecken, ein Gartengrundstück erscheint in Einzelteilen, Malvolio soll ein Brief untergeschoben werden, der ihn auf die falsche Fährte lockt. Wie das geschieht, ist große Komödie, die Anna-Katharina Muck, Holger Hübner und Benjamin Pauquet zelebrieren, mit ihrem Opfer (Philipp Lux mit sichtbarer Freude an dieser Figur) kann man Mitleid haben, als er in falscher Erkenntnis „Waaahnsinn“ ruft.

Pause.

Der zweite Rang, in welchem ich zu sitzen kam, ist übrigens nicht barrierefrei, in keiner Hinsicht. Und so musste ich bei einigen Szenen am rechten Bühnenrand im Gedächtnis kramen, um das Bild aus der öffentlichen Probe wieder hervorzuholen. Jene war übrigens gut zwanzig Minuten länger, doch sicher hätte man noch ein wenig mehr kürzen können.

Na gut, nun also der sinnliche Teil des Abends, der seiner Widmung durch ein Duett der Damen Rosetz und Schwertfeger zunächst sehr gerecht wird. Olivia gibt folgend ihrem mitgeführten Affen wieder reichlich Zucker, schrieb ich schon, dass das großartig ist?

Die Schar der Handelnden muss noch vervollständigt werden. An einem anderen Strand Illyrias landet Sebastian (Christian Clauß), Violas Zwillingsbruder, und wird von Antonio gerettet. Thomas Eisen gibt jenen als „warmen Russen“, was nicht nur aktuellpolitisch gesehen vom Feinsten ist (Liebesgrüße nach Sotschi), eine sehr schöne Leistung.

Olivia wandelt auf den Spuren von einer Nachfolgerin, „no Rehab“. Doch bevor sie ihr Lustobjekt einfangen kann, muss sie noch den offensichtlich übergeschnappten Malvolio abwehren, in gelben Kniestrümpfen mit Kreuzbindung, dauerlächelnd, der gefälschte Brief tat seine Wirkung. Er endet vorerst in der Gummizelle.

Schon wieder: „Was für ein Frauenbild …?“ Ach Quatsch. Was für ein Bild von einer Frau! Der verzeiht man auch die sexuelle Nötigung von Cesario, der zu Lustzwecken festgesetzt wird. She can`t halt take her eyes from him… Doch offensichtlich kam es noch nicht zum Äußersten, Olivia wähnt sich weiter einem Manne gegenüber.

Jener (Sebastian) tritt dann auch auf, wird von Toby in ein Duell verwickelt, in dessen Verlauf den Sir allerdings ein Anruf seiner Frau Mutter ereilt, blöd, so mitten in der Premiere. Antonio eilt zu Hilfe, der warme Russe soll daraufhin kaltgemacht werden, was die erscheinende Wache verhindert, ihn aber wegen anderer Vergehen mitnimmt und fürderhin den Landessitten entsprechend vernimmt zum Sachverhalt. Es fließt Bljut.

Einer hat gefehlt im Liebesreigen, doch nun fügt es sich, Olivia nimmt Sebastian mit, hält ihn allerdings noch für Cesario. Dies klärt sich erst beim folgenden Besuch der Lady am Hofe Orsinos, nach einigen Irrungen und Wirrungen kriegen sich die Richtigen (wobei das beim Abgang mit Viererkuscheln nicht so eindeutig ist, das Modewort Poly-dings passt gut hierher), und es gibt auch nur geringe Kollateralschäden.

Die Schlussszene eher bedrückend: Im Hintergrund wird ein Russe gefoltert, im Vordergrund schwört der gedemütigte Malvolio Rache. Auch das könnte noch heiter werden.

Heftiger, aber mit fünf Minuten doch recht kurzer Beifall, der auch das Regieteam ohne Abstriche einbezieht. Dem kann ich mich anschließen, Andreas Kriegenburg ist nicht nur eine großartige, wandlungsfähige Bühne gelungen, er hat mit leichter Hand ein unterhaltsames Stück gezeugt, das auch mit der Musik von Thomas Mahn zu reüssieren weiß. Einige Längen nach der Pause sind zu bekritteln (Holger Hübner vermisste zu Recht zwischendurch den roten Faden), aber sonst? Ein schöner Abend.

Wer wollte, bekam zur Stückeinführung des Fördervereins auch noch eine Lehrstunde in Theatertheorie: Intendant Winfried Schulz berichtete davon, dass Frank-Patrick Steckel den Shakespeare-Text neu übersetzt hätte und diese Fassung nun erstmals auf einer deutschen Bühne zu sehen sei. Doch Übersetzungen seien generell Fälschungen, wie Herr Steckel zudem im lesenswerten Programmheft (verantwortlich dafür der Chef-Dramaturg Robert Koall) kundtat. Nun ja, davon will ich mir den Spaß nicht verderben lassen...




Was ihr wollt am Staatsschauspiel Dresden - Foto (C) Matthias Horn



Bewertung:    

Sandro Zimmermann - 9. Februar 2014
ID 7589
WAS IHR WOLLT (Schauspielhaus, 08.02.2014)
Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg
Kostüm: Marion Münch
Licht: Michael Gööck
Musik: Thomas Mahn
Dramaturgie: Robert Koall
Besetzung:
Orsino, Herzog von Illyria ... Christian Erdmann
Valentin, Gefolgsmann des Herzogs ... Duran Özer
Curio, Gefolgsmann des Herzogs ... Mathias Bleier
Viola, später als Cesario verkleidet ... Yohanna Schwertfeger
Sebastian, Violas Zwillingsbruder ... Christian Clauß
Kapitän, des gesunkenen Schiffs, mit Viola befreundet / Antonio, ein anderer Kapitän, mit Sebastian befreundet ... Thomas Eisen
Olivia, eine Gräfin ... Sonja Beißwenger
Maria, Olivias Kammerfrau ... Anna-Katharina Muck
Sir Toby Bölk, Olivias Onkel ... Holger Hübner
Sir Andrew Wahnwange, Sir Tobys Begleiter ... Benjamin Pauquet
Malvolio, Olivias Haushofmeister ... Philipp Lux
Fabian, aus dem Gesinde Olivias ... Matthias Luckey
Feste, Olivias Narr ... Nele Rosetz
Premiere war am 8. Februar 2014
Weitere Termine: 10., 27. 2. / 7., 22., 26. 3. / 5. 4. 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsschauspiel-dresden.de


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