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Premierenkritik


9. Oktober 2013 - HAU 1

REMOTE BERLIN

Rimini Protokoll



Wir Navigierten

„Rimini Protokoll“ bezeichnet ein Label. Es unterstützt das Kulturprogramm der Europäischen Union. Das Autoren-Regie-Ensemble assoziiert Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel. Zurzeit rät Kaegi zu „festem Schuhwerk und wetterfester Kleidung“. Das klingt obsolet, umso futuristischer heißt sein Remote Berlin. Es wird als „Online-Game“ & „virtuelle Schnitzeljagd“ ausgeschildert. Eine „zufällige Horde“ konsolidiert sich auf einer Verkehrsinsel nahe dem Hebbel am Ufer (HAU 1). So zufällig wie bei den Goten. Da gehörte auch jeder zu, der sich dem Treck durch Europa anschloss. „Horde“ ist ein Wort aus Kaegis Begriffswelt. Er meldet es via „Julia“, einer künstlichen Stimme im GPS-Voicelook. Julia animiert ein Rezeptoren-Rokoko wie in der Surrealität von Flughäfen. Julia ist wirklich nice in ihrer unwahrscheinlichen Freundlichkeit. Ich folge ihrem Programm auf einer Tonspur, die soziale Skulpturen schafft. Das Publikum baut sie, so wie Kaegi es will. Es berührt Spielplatzzäune wie man Reliquien belangt, es schnürt wie ein Mann die Senkel. Es infiltriert öffentliche Räume wie ein Flashmob.

Ich vernehme Erläuterungen der Unterschiede zwischen „Schwarm“, „Herde“ und „Horde“. Immer wieder zerfällt das Ganze in Gruppen. Die Protagonisten hören auf abweichende Kommandos. Die Gruppen schließen sich immer wieder zusammen. Die Herde fährt Rolltreppe im Europacenter, sie simuliert das Repertoire der Andacht in der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche, sie löst sich auf im Franziskus-Krankenhaus. Bis dahin hat sie sich an manchem Brunnen versammelt, sie hat an vielen Ampeln gehalten, sie ist verstärkt und irritiert worden von Anweisungen und Einlassungen. Nach Julia kam Klaus mit härteren Ansagen. Ich hörte ihm ungern zu, so geht es statistisch den meisten. Zum Glück gehörte ich nicht zu der Gruppe, die zweihundert Meter rennen musste. Eine, die dieses Glück nicht hatte, schlich so sehr hinter den sportlichen, zumindest von plötzlichem Ehrgeiz gepackten Lemmingen her, dass sie für mich zum Denkmal der Veranstaltung wurde. Einmal wurde ich gefragt: „Wen würdest du zurücklassen, ginge es um Leben und Tod?“ Ich schätze, die meisten hätten leicht auf mich verzichtet. Im Angebot des Augenblicks vor einem Waffengeschäft war für mich nichts dabei. Die Zufälligkeit der Horde wiederholte die gesellschaftlichen Hierarchien, sie klärte, wer voran geht und wer hinterher. In der Isolation von Remote Berlin bildete sich der soziale Aufbau jeder Gemeinschaft von der archaischen Wurzel bis zu den kulturellen Überformungen ursprünglichen Verhaltens ab. Schopenhauer schreibt: „Es kann ... so weit kommen, dass vielleicht manchem, zumal in Augenblicken hypochondrischer Verstimmung, die Welt, von ästhetischer Seite betrachtet, als ein Karikaturenkabinett, von der intellektuellen als ein Narrenhaus, und von der moralischen als eine Gaunerherberge erscheint.“ Das entspricht meinem Fazit nach zwei erschöpfenden Stunden – will ich nur noch kein Teil der „Herde“ mehr sein.




Remote Berlin - Foto (C) Rimini Protokoll | Bildquelle: Hebbel am Ufer



Bewertung:    


Jamal Tuschick - 10. Oktober 2013
ID 7247
REMOTE BERLIN (Hau 1, 09.10.2013)
Konzept & Skript/Regie: Stefan Kaegi
Sounddesign: Nikolas Neecke
Co-Regie: Jörg Karrenbauer
Dramaturgie: Juliane Männel und Aljoscha Begrich
Produktionsleitung: Juliane Männel und Lena Mody
Premiere war am 9. Oktober 2013
Weitere Termine: 10. - 19. 10. 2013
Eine Produktion von Rimini Apparat in Koprodution mit HAU Hebbel am Ufer u.a.


Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de


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