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Premierenkritik

16. November 2013 - Premiere des Leipziger Ballett

PAX 2013

Blühende Landschaft (UA) / Pax Questuosa


PAX 2013 mit dem Leipziger Ballett - Foto (C) Ida Zenna



Zweifach sind die Phantasien

Schöne Menschen schlendern durch das Foyer, Leipzigerinnen haben Chic und Charme. Dresdnerinnen natürlich auch, pardon, Mesdames, aber anderen. Ich bin früh da, mit Absicht, es wurde eine Einführung versprochen, die ich auch bitter nötig habe.

Aber zuvor noch den Opernbau bewundert. Fertig gestellt 1961, zu Zeiten also, als man im Osten noch schön bauen konnte. Großzügig ist alles hier, und prachtvoll, auch völlig plüschfrei. Man sieht – habe ich mir sagen lassen – von jedem Platz gleich gut, ein Triumph der Egalität. Heute würde man das sicher anders lösen.
Unbedingt erwähnenswert auch die große Fotogalerie im Haus, die die Solisten als Portrait und bei der Arbeit zeigt. Andreas Pohlmann hat hier Meisterwerke geschaffen.

Die Einführung im oberen Foyer, das ebenso gediegen ist wie alles andere hier, ist proppenvoll, zu Recht, wie sich zeigen wird. Aber es ist eine verbreitete Unart, sich nicht vorzustellen, wenn man das Wort ergreift, und so erfahre ich zwar, dass der Dramaturg (und Chef des Tanzarchivs Leipzig) Patrick Primavesi zu uns spricht und dann der Ballettdirektor des Hauses Mario Schröder seine Choreographie des Teil 1 erläutern wird, aber den Dritten im Bunde kann ich nicht namentlich und lobend erwähnen. Das kommt davon.

Schade, weil verdient hätten es alle drei. Sehr niveauvoll, und beeindruckend vorgetragen, auch wenn mich der fast ausschließliche Leipzig-Bezug bei Mario Schröder doch etwas verwundert. Sicher, man soll hier pro domo reden, doch es ist ein bisschen viel Hudelei, und ein wenig mehr Geltungsbedürfnis ins deutsche und europäische Umland hätte ich schon erwartet.

* * *

Die Geschichte der Pax Questuosa – Der klagende Friede, wie wir Lateiner wissen - ist den Fachleuten (zu denen ich nicht zähle) bekannt, man nennt sie einen Meilenstein der Leipziger Musikgeschichte. Das will ich gern glauben, zumal die Aufführung (heute) als äußerst opulent gilt. Schon komisch, dass dieser Tage die Kulturstiftung des Bundes einspringen muss, um mit dem „Tanzfonds Erbe“ – Projekt eine Neuinszenierung des Werks zu ermöglichen, das die Oper Leipzig vor 21 Jahren noch völlig alleine stemmte. Das macht mich nachdenklich.

Mario Schröder hat sich der Aufgabe gestellt, nicht nur dieses Werk von Udo Zimmermann (das als Konzert schon seit 1982 existiert und auch im ersten Jahr der Semperoper dort zur Aufführung gelangte) in der kongenialen Choreographie von dem erschütternd früh verstorbenen Uwe Scholz neu auf die Bühne zu bringen, sondern es mit einem eigenen Werk in einen aktuellen Kontext zu bringen. Er verwendet dazu Zimmermanns Zyklus Lieder von einer Insel von 2009 und ergänzt diesen durch Werke von Johann Sebastian Bach. Prof. Zimmermann sei einverstanden gewesen, hört man, von Herrn Bach weiß man es wohl nicht genau.

Das Ganze heißt nun Blühende Landschaft, und man ist sichtlich bemüht zu erklären, dass der Bezug nicht so eindimensional sein solle wie er klingt. Es hat mit der Nachwendezeit zu tun und ist in fünf Szenen unterteilt, die (nach Zimmermann) Ankunft, Reflexion, Versöhnung, Aufbruch und Erinnerung heißen.

Soviel zur Theorie. Ich bin gespannt.




PAX 2013 mit dem Leipziger Ballett - Foto (C) Ida Zenna



Teil 1: Einstürzende Plattenbauten



Ein starkes Bild am Anfang, die Bühne liegt voller Müll, die Videowand zeigt Szenen der Kohlkundgebung vor dem Hause und deren Hinterlassenschaften, Kehraus, ein Film von Gerd Kroske, wird in Ausschnitten gezeigt. Die Compagnie kommt nach und nach, gemessenen Schrittes, und nimmt Aufstellung.

Dann werden Bühne und Wand gefegt, im Hintergrund erscheinen die Plastersteine immer größer, der Tanz beginnt. Zwei Gruppen bilden sich, und ein Paar am Rand, in sich versunken, das einen Fixpunkt bilden wird in der Inszenierung. Aus den Gruppen treten immer wieder Solisten hervor, eh sich alle in einer Formation finden.

Das ist hoch ästhetisch, es wogt und fällt, dass es eine wahre Freude ist.

Leider ergreift dann der VJ das Zepter. Im Hintergrund knickt der Turm der Uni-Kirche und dann stürzen Plattenbauten ein, doch sie stehen wieder auf. Ab der dritten Wiederholung ist es nur noch mäßig originell, doch es ist noch lange nicht zu Ende. Davor mühen sich die Tänzer im Kampf um die Aufmerksamkeit, doch gegen das Eventfernsehen haben sie kaum eine Chance. Schade.

Das Niveau vom Anfang wird kaum mehr erreicht in der Folge, auch wenn die „Versöhnung“ lyrisch und poetisch ist, doch ich werde nicht schlau daraus, mir fehlt der Bezug.

Bach bringt nun Frische rein, man hört förmlich die Mühle am Rauschenden klappern. Im Hintergrund rasen Buchstabenkolonnen, aha, neue Welt. Gegen Zimmermann ist der allergrößte Leipziger ein U-Musiker.

Die Compagnie formiert sich immer wieder neu, wechselt ständig die Richtung, nun ist die Notierung doch wieder auf Anfangsniveau, zumal die stärkste Szene, die mit dem Sündenbock oder der Totgeweihten, auf dem Fuße folgt.

Im Bild erscheint dann ein junger Wallraff mit Kärchermaschine, vor dem Video ringen die Tänzer um die Blicke des Publikums. Sie produzieren starke Bilder zum Abgang, schattenrissartig, bewegen sich wie Marionetten. Der zitternde rechte Arm ist dann aber doch sehr direkt.

Ein Solist zuckt unter der Reizüberflutung, verfällt am Ende offenbar dem Wahnsinn. Dann ist Schluss.

Man muss Mario Schröder dankbar sein, dass er sein Werk nicht direkt in den Kontext des 25. Jahrestages stellte. So wird es nicht sakrosankt, und man darf ruhig anmerken, dass vieles sehr schön und bewegend war, einiges aber auch arg plakativ geriet. Und mit Ausnahme des Films zum Anfang war der Videoeinsatz dem Abend nicht förderlich.




PAX 2013 mit dem Leipziger Ballett - Foto (C) Ida Zenna



Teil 2: Wenn wir uns herzen, sterben wir nicht



Der Schrei von Munch, riesig groß vor der Bühne. Man sieht so recht, was für ein gigantisches Bild dies ist, zum Fürchten und dennoch schön, Panik auslösend und doch so grandios. Wir sind im Krieg.

Das Bild wird transparent, die Compagnie steht dahinter, einer stößt die andere an, dann sind alle in Bewegung. Schließlich fällt das Bild und gibt den Blick auf den Chor und einen blutroten Hintergrund frei. Doch auch da ist Der Schrei zu sehen.

Am Tag des Weltendes wird alles wie immer sein. Keine Erzengel, keine Posaunen, Business as usual. Das wird die Nachrichtensender nicht freuen.

Die Solisten greifen nun ein, auf Kanzeln links und rechts der Bühne postiert.

Ich vermag nicht zu beschreiben, was da in der Folge auf der Bühne passiert, ich bin schlicht überfordert. Aber ich muss ein seltsames Bild abgegeben haben mit meinem offenen Mund.

Das Geschehen wogt hin und her, mal scheint der Krieg vorüber, der backround leuchtet wie der Sonnenaufgang. Doch dann zucken Blitze, die vermeintliche Rettung war keine, der Weg ist noch weit, die Liebe dorthin zu bringen, wo der Hass ist.

Ein wunderbares Ballett, ein grandioser Chor, packende Musik, Wahnsinnsbilder. Vor dieser Inszenierung wird das Vorstück immer blasser.

Einziger Ausrutscher: Wieder ein unmotivierter Bildereinsatz mit dem Thema „Terror“. Wozu? Einiges an Prominenz fehlt, Staatsterror wird völlig ausgeblendet. Was ist der Kontext zum Stück? Gut gemeint, allerhöchstens.

Doch dann, ein Portrait voll furchtsamer Schönheit aus dem Leipziger Herbst läutet den Schluss ein. Die Tänzer erheben sich einer nach dem anderen, der Chor rückt vor, sie gehen in ihm auf. Was für ein Schauspiel! Vorhang.

Der Jubel stürmt lang und erreicht seinen Höhepunkt, als der von Krankheit gezeichnete Udo Zimmermann die Bühne betritt und sich bei den Solisten und beim Kapellmeister Anthony Bramall bedankt. Auch dieses ist ein wunderschönes Bild.

„Die Tradition der Moderne bewahren“, diese schöne Formulierung findet Intendant Ulf Schirmer auf der Premierenfeier, als er eine wesentliche Aufgabe der Oper Leipzig und des Leipziger Balletts beschreibt und meint damit vor allem Uwe Scholz. Dies ist hier uneingeschränkt gelungen.

Doch auch Udo Zimmermann hat dieses Haus – natürlich noch mehr – geprägt und tut es noch immer. Auch wenn es ihm (physisch) schwerfällt, findet er doch warme Worte für sein Gefühl, das Werk in guten Händen zu wissen.

Mario Schröder schließlich erreicht kaum ein Ende in den Danksagungen, völlig zu Recht. Eine glückliche Compagnie vereint sich zum Gruppenbild mit Direktor.

Wer will da mäkeln, dass die Blühende Landschaft dem großen Bezug nur zum Teil gerecht wird? Umso heller glänzt die Pax Questuosa.




PAX 2013 mit dem Leipziger Ballett - Foto (C) Ida Zenna



Bewertung:    




Sandro Zimmermann - 17. November 2013
ID 7375
PAX 2013 (Opernhaus Leipzig, 16.11.2013)

Blühende Landschaften (UA)
Choreografie: Mario Schröder
Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach und Paul Zoller

Pax Questuosa
Choreografie, Inszenierung, Bühne, Kostüme und Licht: Uwe Scholz
Rekonstruktion: Andreas Auerbach
Choreografische Einstudierung: Tatjana Thierbach
Musikalische Leitung: Anthony Bramall
Choreinstudierung: Alessandro Zuppardo
Dramaturgie: Patrick Primavesi

Besetzung:
Leipziger Ballett
Siphiwe McKenzie, Sandra Maxheimer, Jonathan Michie, Jürgen Kurth und Derrick Ballard Bass (Gesangssolisten)
Chor der Oper Leipzig
Gewandhausorchester

Premiere war am 16. November 2013
Weitere Termine: 20., 21. 11., 1. 12. 2013 / 14. 2. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de/leipziger-ballett/


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