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Feuilleton

Volksbühne Berlin im Palast der Republik, Premiere 16. Juni 2005

Döblin/Castorf: Berlin Alexanderplatz

Regie: Frank Castorf


Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin, Originalschutzumschlag (Georg Salter) der Erstausgabe von 1929 | Bildquelle: Wikipedia

Theater der Kreaturen


Max Hopp spielt den Franz Biberkopf in Castorfs Bühnenfassung von Döblins Roman Berlin Alexanderplatz. Er ist von Anfang an präsent. Totales Spiel, Stimme und Körper (auch: er zeigt uns seinen herrlich schönen Arsch) befeuern sich höchstgegenseitig und in ungebremster Leidenschaftlichkeit zu einer Art von Hochzeit, wie sie Schauspielern - nur ganz, ganz großen Schauspielern - zu eigen werden kann: in Glanzstunden ihrer Karriere; hier, in diesem Falle, sind es fünf bis sechs; und meinethalben hätten es noch einmal fünf bis sechs sein können. Diesem fast schon sexualrauschigen Treiben wunsch- wie endlos zuzuhören, zuzusehen, konnte man an keiner Stelle dieser das Gemütchen bis zur Pegelgrenze aufpeitschenden Aufführung entgehen, nein, die Stunden gingen wie im Flug dahin; so gegen 1 Uhr, stehend auf der Straße, wurde einem erst bewusst, wie wo der Lendenmuskel schmerzte, doch: Was hatte sich die Chose insgesamt gelohnt!

Ich hätte es mir niemals träumen lassen, dass das Buch - der furchtbar anstrengend zu lesende Großstadt-und-Mundart-Schinken wurde 1929 auf den Markt gebracht und ist, bis heute, Döblins
singulärer Welterfolg - zum Stück vertaugt. Ja und es konnte auch nur einem einzigen so was gelingen - ja und wie es ihm gelang!!

Frank Castorf hat Erfahrungen mit solchen Dingen. Seine Dostojewski-Adaptionen - Brüder Karamasow soll noch folgen - sind zu wahren Bestsellern in der Berliner Volksbühne geworden. Was ihn an den Prosatranskriptionen reizte oder reizt, vermute ich dann so: Hier findet er die glutvollsten Geschichten prononciertester Gestalten, also echter Hauptpersonen einer Handlung so wie sie sich Castorf auf den Brettern, die die Welt bedeuten, vorstellt, und mit so was insgesamt kann er Katharsis ausprobieren, kann sein Publikum erwecken und bewegen, rühren und "zum Besseren" verwandeln (oder es zum Wenigsten versuchen). Alles das nämlich klappt heutzutage nicht oder nicht mehr mit "herkömmlichen" Stücken, aber noch viel weniger mit Stücken zeitgenössischer Autoren... Fakt ist allemal, auf bundesdeutschen Bühnen wird zum Großteil nur noch maledeiter Scheiß uraufgeführt, und müsste man das scheele Zeug nicht besser vorher schreddern? Wundert es daher, dass solche Leute (Castorf) letzten Endes in die Prosa flohen und auch weiter fliehen??

Die Geschichte von Döblin ist einfacher nicht zu erzählen:

Biberkopf, der seine Freundin im Affekt (wahrscheinlich mehr ein Unfall) tötete, saß dafür ein paar Jahre hinter Gittern. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe kehrt er in seine Heimatstadt Berlin zurück. Hier will er nur noch Gutes wollen, will ein würdigeres Leben leben und - gerät erneut auf schiefe Bahnen usw. usf.

Ein funktionierendes Ensemble nennt man das: Marc Hosemann ist Reinhold, Hendrik Arnst ist Pums, Herbert Fritsch ist Willi, Ueli Jäggi ist Karl, Alexander Scheer ist Herbert. Alle sind in Toppform. Und ich weiß auch gar nicht, wen ich näher, wen ich weniger beleuchten sollte; alles liefe auf ein bloßes Abwägen oder Vernachlässigen Eines oder eines Anderen hinaus. Zudem oder vor allen Übrigen: Die Frauen!! Bibiana Beglau als Mieze, Iris Minich als Eva sowie Rosa Galina und Ludmila Skripkina als Cilly und Trude...

Mit welcher spielerischen Geilheit diese Truppe aufeinander eingeschworen kommt, ist beispiellos. Ihr Regisseur hat sie gewiss bis auf das Blut gestriezt, keiner der Zehnergruppe war und ist sich da für eine noch so große Schandtat stimmlicher wie körperlicher Selbstentäußerung zu schade; ob sie ihre Stimmbänder bis hin zur Ramponnage überstrapazieren, ob sie sich ihre Klamotten gegenseitig runterreißen und zerfetzen, ob sie alles Inventar um sich herum zertrümmern, ob sie sich in Pfützen schmeißen, wälzen, ob sie scheinbar bis zur Echtheit miteinander kopulieren... Nein, nein nein!!! es hört und hört nicht auf zu elektrifizieren. Und es macht besoffen so wie nie.

Bert Neumann ist der Bühnenbildner: Seine jetzt schon legendäre Breitwandbühne misst bis 60 Meter und besteht doch lediglich aus einemdiese Länge einnehmenden Bretterzaun, so wie ihn Baufirmen zur Ein- und Abgrenzung ihres Bebauungsareals verwenden. Dieser Zaun wird dann durch einen rot herabblinkernden Imbissstand, der inwendig als Kneipenraum mit Tresen, Barhockern und weißen Gartenmöbeln dient, getrennt. Rechts / links, und ebenso den langen Bauzaun unterbrechend, noch drei Wohncontainer, wie sie in der Branche üblich sind. Dem gegenüber, etwa in der gleichen Länge, die Tribüne für das Publikum; die Sitze gehen steil nach oben. So kann man auch über Neumanns Bau hinweg den Blick auf jene Seite, wo sich früher mal die Volkskammer der DDR befunden haben sollte, schweifen lassen. Apropos: Der abzureißende Palast der Republik - viel besser noch: sein Kahlraum, seine Skelettierungszone, seine Bruchbude an sich - war Grundvoraussetzung und Fundament für Castorfs Inszenierung.

Applaudierende sowie Beapplaudierte schienen gänzlich aus dem Häuschen!
Andre Sokolowski - 17. Juni 2005
ID 8968
Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de


http://www.andre-sokolowski.de



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