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Feuilleton


Schaubühne Berlin, 25. Mai 2006

PLATONOW

von Anton Tschechow


Karin Neuhäuser (mit Hut) und Thomas Bading (ohne Hut) in der PLATONOW-Inszenierung von Luk Perceval - Foto (C) Matthias Horn



Der frigide Mann

PLATONOW heißt er, ist so um die Dreißig und "empfindet" sich - nach abgebrochnem Studium und Ad-Acta-Legung seiner revoluzzerischen Ideale - als Versager auf der ganzen Linie; denn als Dorfschullehrer fristet er schon viel zu lang sein Dasein, und als "Frauenheld" (was ist das?) kann er, schon seit Jahren, nicht mit den Empfindungen seiner ihn bis zum Kotzen anbetenden Mädchen, Frauen umgehen. Natürlich hat er längst begriffen was es ist, dass diese ihn so unnachgiebig Anbetenden weder Kraft noch Mühe scheuen, um ihr Opfer warm und fest zu halten: seine diese Mädchen, Frauen insgeheim (und sexuell!) so aufputschenden Reden, Thesen und Zitate aus der frühen Jugendzeit. Gequatsche mit geschwerter Zunge. Diese Art auf Frauen, nicht nur Frauen, einzuwirken, hat durchaus historischen Plafond... es war und ist von unheilvollen Diktatoren, weit und nah zurückreichend, Bericht in den Geschichtsbüchern gegeben worden, die in ähnlich redseliger Laune Punkte machten; alle waren sie am Ende wohl: frigid.
"Gefühle" zu sich kommen lassen und sie nicht erwidern können, das ist schon ein starkes Stück! So dachte auch vielleicht der Heißsporn Tschechow, als er seinen Bühnenerstling zwanzigjährig schrieb. Der Text war vierzig Jahre später - was für eine Kriminalgeschichte! - in 'nem Banktresor in Moskau aufgefunden und trug keinen Titel. Niemand weiß also genau, warum er dieses (späterhin von andern als PLATONOW nachgereichte) Werk unter Verschluss gebracht/gehalten hatte, oder ob er's überhaupt jemals, von sich aus, für ein Publikum vorherbestimmte. Rätsel über Rätsel.
Und wie merkwürdig, dass sich Regieführende immer wieder ausgerechnet dieses Stücks von Tschechow derart stark besinnen, dass sie es für unverzichtbar halten, unbedingt dann aufgeführt zu sehen. Denn: Der Text an sich ist unlesbar. ("Zu viele Noten, Mozart" lautete ein ähnlich passendes Bonmot, obzwar zu einem völlig andern Schreiber völlig anderer dramatischer Verlautbarungen.) Unlesbar aus einem schlichten leserischen Grund; es gibt zu viel Personen in dem Stück, und diese viel zu Vielen reden unentwegt und viel zu Vieles... dass die Hauptgeschichte um den eigentlichen Haupthelden (Platonow) nur durch konzentriertestes und lustreich ausgeübtestes Verinnerlichen derart massig aufgebrachter Druckerschwärze möglich wäre; diese Gabe oder diesen Ehrgeiz haben sicherlich "nur" Leute, denen Stoff & Thema dieses unsäglichen Textes sehr, sehrsehrsehrsehr am Herzen liegen muss . . .
Luk Perceval zum Beispiel.

Ja, und wenn Luk Perceval dann schon zu jenem Stoff & Thema greift, hat das dann sicher auch so was wie einen Übergreifergrund. Das Übergreifende, vermute ich, hat sicherlich mit dieser generellen allgemeinen Orientierungslosigkeit zu tun, die nicht allein dem Titelhelden, sondern auch der restlich anwesenden Personnage des Stückes, überdeutlich und sehr höchst zu eigen ist. Das drückt dann auch die als Geniestreich hoch zu feiernde Giganto-Bühne von Annette Kurz aus; sie hat rostigbraune Eisenschienen auf die hellen Dielen des Saal B und C zusammen einnehmenden riesigen Ovals - 'ner Spielfläche, die zusätzlich noch zum Verlieren, Aus-dem-Auge-sich-Verlieren einlädt und worauf zu spielen den Akteuren sichtlich Lust und Laune macht - gelegt, mal sind sie schnurgerade, mal gebogen... keine dieser Schienen ist mit einer anderen verbunden, alle scheinen sie ins Nichts zu laufen.



Man sieht sie kaum, aber sie sind fast alle auf dem Bild: die Menschen in Luk Percevals PLATONOW-Inszenierung - Foto (C) Matthias Horn


"Mir ist langweilig, ich fühl mich depressiv, hab nichts zu tun", so ungefähr führt sich die richtig (!) Saxophon spielende und aus voller Brust, mit intensivstem Mutterwitz bewaffnete, und ungehemmt wie vollmundig aus sich heraustönende Karin Neuhäuser (als fulminante Generalswitwe) in das Geschehen rund um all das Aussichtslose- und Betrunkensein Platonows und der anderen sie aufgesucht/besucht habenden Menschen ein. Das klingt sehr heutig, fast schon burschikos. Und darin liegt wohl auch das ausschließliche Grundgeheimnis dieser Inszenierung, dass sie "funktioniert". Der Text ist unglücklos gerafft, es wird "modern" und "zeitgemäß" gesprochen (Textbearbeitung: Ulrike Zemme). Neben Neuhäuser, die ganz getrost als Star dieser unendlich währenden und doch so kurzweiligen Aufführung bezeichnet werden muss, glänzen die Mitakteure nicht gering; sie müssten alle nacheinander fortbenannt dann sein - begnügen wir uns hier vielleicht mit Nebenrollenspielern wie Horst Hiemer oder Ulrich Voß, zwei altvertrauten und schon viel zu lange nicht mehr auf den Bühnen im Gesamtberlin gesichteten "Ost"-Koryphäen. Eine Nennung Thomas Badings (als Platonow) oder Thomas Thiemes (als Ossip) ist legitim.

Besucht wurde die Voraufführung, die vom anwesenden Luk sehr leise und doch sehr bestimmt als Generalprobe im Anschluss definiert gewesen war - Verbeugungen und Beifall waren nicht erwünscht. Schaubühnenhighlight.


Andre Sokolowski - red. / 26. Mai 2006
ID 00000002414
www.andre-sokolowski.de


Schaubühne Berlin

PLATONOW von Anton Tschechow

Mit: Thomas Bading, Lea Draeger, Christina Geiße, Bernd Grawert, Horst Hiemer, Yvon Jansen, Erhard Marggraf, Karin Neuhäuser, Michael Rasti, Felix Römer, David Ruland, Kay Bartholomäus Schulze, André Szymanski, Thomas Thieme und Ulrich Voß (in alphabetischer Reihenfolge)

Regie: Luk Perceval
Bühne: Annette Kurz
Kostüme: Ursula Renzenbrink
Dramaturgie: Maja Zade
Musik: Bernd Grawert
Licht: Mark Van Denesse

Premiere am 26. Mai 2006

Nächste Aufführungen: 27./28. Mai, 3.-5./25. Juni, 6.-8. Juli 2006


Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de






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