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Opernkritik

Red Lady

PARSIFAL an der Oper Leipzig

Blau und grün - das sind die beiden Grundfarben des vor zwei Jahren schon im schweizerischen Genf von Roland Aeschlimann neu inszenierten Parsifal, der nun auch an die Oper Leipzig übernommen worden ist und letzten Samstag ungestört Premiere feiern konnte. Die Begeisterung des mehr denn wohlwollenden Publikums (kein Bäh, kein Buh, nicht mal ein klitzekleiner Auspfiff) kann dann auch tatsächlich nur der licht- und farbenrauschigen Besoffenmachungen (Licht: Lukas Kaltenbäck) geschuldet sein: So wird fünf Stunden lang hinter einem das ganze Bühnenbild einnehmenden Gazevorhang gespielt; das Lichtdesign verblüfft, die angestrahlten Farben fließen in die Höhe, dennoch wabert ständig Bodennebel... einzig und allein das mörderinnenrote Abendkleid (Kostüme von Susanne Raschig) jener aus dem Gralshort-Aschenputtel sich in eine brunstblütig-blutrünstige Granddame verwandelt habenden Urteufelin mit Namen Kundry hebt sich scharlachampelmäßig von dem töricht durchgelichteten Gematsche ab.

Rot also.

Und da steht sie plötzlich ... weit im Hintergrund. In jenem roten Superkleid, mit jenem auf den Busen rot hinzugeschminkten Superdekolleté, auf roten Superpumps, mit superroten Haaren und den superroten Lippen: Petra Lang. Sie und ihr impulsiver Titelpartner (Stefan Vinke) finden flügelschwingengleich und ohne jede Anlaufhemmung zueinander. Was erlebbar wird und wurde, dieses Stück-um-Stück-auf-ihren-Liebes-und-Erkenntnis-Kuss-Zusteuernde - nein, so, als derart spielerischer wie auch sängerischer Hochakt, ist das dramaturgisch-inhaltliche Zentrum dieses Bühnenweihfestspiels von Richard Wagner selten nachgestaltet worden.
Insgesamt gehen die stärkeren Impulse dieser Inszenierung allerdings dann mehr vom musikalischen Gemeinsinn aus. Der Gurnemanz von Alfred Reiter hinterlässt einen geradezu rekonservierenden Körper- und Geisteseindruck, er scheint irgendwie zu jung an Jahren, und der Zuschauer ist fast geneigt, als Grund für dieses ihn Dornröschenhaft-Erhaltende die Einnahme verflucht-verbotenen Getränks (aus jenem schlanken Fläschchen, das ihm Kundry zu Beginn des Ersten Aufzugs reicht?) zu sehen. Er und Sorgensohnvater Amfortas (Peter Weber) sind durch ein sie beide unheilvoll verbindendes Geschick, dieser defactischen Inanspruchnahme beider Männerkörper durch das (Kundry-)Weib, "verschwägert" - nicht zuunletzt teilt sich ausgerechnet das aufgrund einer phänomenalen Textverständlichkeit selbst bloßen Zuhörern im obersten der Ränge oder auf den letzten Reihen mit.
Apropos: Ganz ganz oben, quasi unterm Dach, öffnen sich überraschend je fünf Seitenflügel aus der Wandung, und von rechts und links vermischen sich - rund um die Gralsenthüllungsszenen - Extrachor und (Bühnen-)Chor zu wahrlich unerhörtem Homogengesang.



Parsifal will sich sehr schwer aus den verlockenden Umarmungen der Blumenmädchen stehlen - Foto: Grand, Théatre de Genève


Ulf Schirmer war und ist verantwortlich für diese außerordentlich beglückend zu bezeichnende Ensembleleistung (Jürgen Kurths verkammerspielte Darstellung des durch die Hose immer noch hervorblutenden Klingsor oder die im Stimmlichen hochexpressiven und mit Mitteln bürgerlichen Volkstanzes mehr kleinkunstmäßig sich bewegenden acht Blumendamen [Namensliste siehe unten] sollten nicht vergessen sein). Er dirigiert in unerträglich schöner Breite und vermag dann insbesondere den Bläsern echoloteste Momente zu entlocken; ohnehin wird auserlesen musiziert. Ein vollmundiges, warmes und doch flirrend-transparentes Klangereignis!

Was letztendlich - völlig unabhängig zur erlebten Inszenierung - diesen Einwand impliziert: Warum steht dem Gewandhaus UND der Oper auch die nächste Spielzeit ein so exponierter Weltstar wie Riccardo Chailly vor, wenn er dann nicht mit einer einzigen der 20 neuen Produktionen (davon 3 im Opernhaus) vertreten ist?! Die Frage sei dem ahnungslosen Zugereisten schon gestattet.


Andre Sokolowski - 10. April 2006
ID 2337
PARSIFAL (Oper Leipzig, 08.04.2006)
Musikalische Leitung: Ulf Schirmer
Inszenierung und Bühne: Roland Aeschlimann
Kostüme: Susanne Raschig
Bewegungen: Lucinda Childs
Mitarbeiterin Bühne und Bewegung: Ilka Weiss
Lichtdesign: Lukas Kaltenbäck
Besetzung:
Amfortas ... Peter Weber
Titurel ... Ulrich Dünnebach
Gurnemanz ... Alfred Reiter
Parsifal ... Stefan Vinke
Klingsor ... Jürgen Kurth
Kundry ... Petra Lang
Zwei Gralsritter ... Seung-Hyun Kim und Ulrich Dünnebach
Vier Knappen ... Viktorija Kaminskaite, Anne-Marie Saeger, Torsten Süring und Dan Karlström
Blumenmädchen ... Je-Yeong Jeong, Hendrikje Wangemann, Kathrin Göring, Viktorija Kaminskaite, Ines Reintzsch und Alexandra Kloose
Altsolo ... Alexandra Kloose
Chor und Zusatzchor der Oper Leipzig
(Einstudierung: Sören Eckhoff)
Kinderchor der Oper Leipzig
(Einstudierung: Sophie Bauer)
Gewandhausorchester Leipzig
Premiere war am 8. April 2006
Weitere Termine: 14., 16., 23. 4. / 13., 20. 5. 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.oper-leipzig.de



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