20. September 2007, Berliner Premiere an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
NORD
Eine Grandguignolade von Frank Castorf nach Louis-Ferdinand Céline
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Louis-Ferdinand Destouches, genannt Céline (1894-1961)
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| OST, WEST, SÜD ... jetzt ists halt NORD was himmelsrichtungshaftig und nicht mehr als plakativ den Riesenbau der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin beklebt. Der Prinzipal hat also mitgedacht, und justament fiel ihm - er hat bestimmt (ich wette) ganz zu allererst im Hinblick auf das Wörtchen NORD von seinem Intelektuellenstamm weltweitig recherchieren lassen - Céline's Frühroman unter dem Titel "Norden" auf und ein.
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Zu Louis-Ferdinand Céline (1894-1961), Zitat aus einem Interview mit Castorf: "Gottfried Benn nannte Céline den 'Kotzer'. Er war dieses kotzende Monster der Literatur, der sich in einer extremen Situation die Freiheit erlaubt hat, seine Sicht der Dinge auszusprechen. Céline hat als möglicher Kollaborateur am Grab eines untergehenden, alten Europas gestanden auf der deutschen Seite, zusammen mit vielen anderen Menschen, die in diesem immer mehr zusammenschrumpfenden Deutschland hin- und hergejagt wurden, während die Royal Air Force von oben bombardierte. Céline war ein Spucker, ein Provokateur, ein unansehlicher Mensch - und gleichzeitig ein Phänomen der Streitkultur des Abendlandes... Céline hat diese Zeit - das Ende des Zweiten Weltkrieges - nicht von Außen gezeigt, aus der Sicht der Überlegenen, der Sieger, sondern von Innen, aus der Sicht der moralischen Verlierer, die involviert sind in den Untergang, ebenso wie in die Schuld. Und dass man versucht, von der unangenehmen Seite der Geschichte zu schreiben, ist pikant. Das machen sehr wenige, alle versuchen, auf der Seite der Sieger zu sein."
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Es wird nicht nur nördlich laut geschrieen in dem Szenenkauderwelsch von Castorf, sondern auch sehr respektierlich musiziert oder gesungen. Unterm weißen Luftballon (Ausstattung Neumann) schönes Gruppen-Stilleben. – Foto (C) Thomas Aurin
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Drei Stunden, ohne Pause, geht der Abend. Er heißt NORD, wie schon gesagt, und handelt über, von und mit Céline. Stets wenn der rechtsseitig durch eine gelbe Leuchtschrift mitlaufende Simultan-Französisch-Übersetzer angeschaltet ist, ist klar gewesen: hier ist Céline 1:1 zitiert. Das Schauspielerensemble ist gefordert und gestriezt bis auf die letzte Maus. Es muss vor allem laut geschrieen werden; oft wird nicht verstanden was es ist. Verstandesmäßig sowieso nicht. Keine Chance. Olsenbande und Passionsgeschichte bilden einen überlamettierten Filmrahmen. Und viele Hakenkreuze, auch SS-Runen. Die Frauen singen, wunderschön, auch wenn ihr Regisseur am Ramponiertsein ihrer Stimmbänder als schuldig zu bezeichnen ist. Null Sinnstiftendes im Gesamten, Hoffnungsschimmer mitteligst Katharsis sowieso hier (Volksbühne) ganz fehl am Platz. Allein das Faszinosum Spiel der Spieler bleibt erinnerlich.
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| Frank Castorf ist an einem Nullpunkt seines künstlerischen Schaffens angelangt.
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Andre Sokolowski -red / 21. September 2007 ID 00000003449
NORD
Eine Grandguignolade von Frank Castorf
nach Louis-Ferdinand Céline
Regie und Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne und Kostüme: Bert Neumann
Dramaturgie: Dunja Arnaszus
Mit: Marc Hosemann, Irina Kastrinidis, Young-Shin Kim, Michael Klobe, Sir Henry, Milan Peschel, Lore Richter, Silvia Rieger, Sophie Rois (statt der erkrankten Annekathrin Bürger), Lars Rudolph, Bernhard Schütz, Matthias Schweighöfer, Norbert Stöß, Herman Herrmann (Gitarre, Mandoline), Boris Jöns (Mandoline) und Ole Wulfers (Gitarre, Mandoline)
Koproduktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit den Wiener Festwochen, dem Festival d'Avignon und dem Athens Festival
Berliner Premiere am 20. September 2007 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Nächste Vorstellungen am 22. / 29. 9., 3. / 14. / 20. 10. und 3. 11. 2007
Weitere Infos siehe auch: http://www.volksbuehne-berlin.de
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