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Feuilleton


14. bis 17. Oktober 2010, THEATERDISCOUNTER

Monologfestival Einzelkämpfer

Eine Nachlese


http://theaterdiscounter.de


Ein Mensch, eine Botschaft – oder was wollten sie uns sagen?

Was wollen Auftretende mit dem Monolog-Format erzielen? Welche Inhalte werden in die Form reingepresst? Sind so viele Monologe auf einmal spannend oder langweilig? Und was passiert in dem Zwischenraum zwischen Bühne und Publikum während der Monologe? Vor dem Besuch des ersten Berliner Monolog-Festivals hatte ich viele Fragen.

Siebzehn Monologe wurden an vier aufeinander folgenden Abenden geboten. In einem langen Raum mit zwei langgezogenen aber dennoch durchsichtigen zu 30 Grad aufgestellten Spiegelwänden plus nicht gerade bequemer Bestuhlung (Tribünen mit von einer Sponsor-Umzugsfirma zur Verfügung gestellten einfachen Decken). Ich habe es geschafft, acht der Aufführungen beizuwohnen. Vorläufige Bilanz: Vier davon waren irgendwie ganz toll, die weiteren vier auch in Ordnung.

Mein absolutes Lieblingsstück war Woyzickine – Ein Unterwasserballett. So kurzweilig wie sonst gar keins der Monologe. Anne Tismer hat so eine Bühnenpräsenz – glaubwürdig, verwundbar, direkt. Und sie hat solche fesselnde Sachen zu erzählen. „Diese verdammte Sexsucht!“ – zur beidseitigen Dynamik bei Machtspielen. Die selbstgestrickten, formlosen Gegenstände, die überall aufgehängt waren, eine Betonung auf das Fäkale, die etwas langen Zwischenspielen mit primitiven Puppen – gut, das alles gehört wohl dazu. Aber die Texte, die Intensität! Demnächst an der Berliner Volksbühne mit Spektakel X und Hitlerine zu erleben.

Das letzte Stück war ein Tanz-Solo von JungYun Bae. Das Beste daran – das am meisten Genuß Hervorrufende – war, dass wir nach vielem Gerede und Selbstinszenierung eine Gelegenheit hatten, eine zu beobachten, die in ihrem Körper völlig zu Hause ist. Baes Körper ist ihr Instrument. Keine Bewegung ist langweilig. Und das koreanische Kleid aus roher Seide war auch wunderbar. Bewegung um der Bewegung willen! Die Anreihung von Versprechenstexten („ich verspreche, gut zu tanzen“; „ich verspreche mich …“) fühlte sich allerdings willkürlich und unspannend an.

Ich – von allen 120+ Zuschauern im Raum wahrscheinlich doch nur ich – fiel zunächst auf das Referat Land of Hope, voll rein. 500.000 palästinensische Familien sollen nach Zentraleuropa, d.h. in die Oder-Neisse-Gegend, umgesiedelt werden? Naja, etwas unplausibel … aber warum eigentlich nicht? Die Märkische Oderzeitung dazu: „Die Forscher schlugen ernsthaft die Auswahl junger, gesunder, auf hohen IQ, fehlende terroristische oder kriminelle Vergangenheit und Immigrationswilligkeit überprüfte Palästinenser für eine Umsiedlung in den Osten Deutschlands vor.“ Zunächst beobachtete ich auf der Meta-Ebene, wie sich die Gepflogenheiten wissenschaftlicher Vortragenden doch sehr stark von denen sonstiger Performer in der Rhetorik, im Verhalten usw. differenzieren. Bis ich merkte – sie nimmt uns auf die Schippe. Ein penetranter Beitrag zum Unsinn der derzeitigen „Integrationsdebatte“.

Beim ersten Monolog des ersten Abends rannte keiner hin und her auf der Bühne, zog sich keiner hinter der durchsichtigen Spiegelwand schnell um. Der Vortrag vom Philosophen Marcus Steinweg war allerdings fesselnd. Ein Mann, ein Stuhl, ein Tisch, ein Bier, ein Red Bull. Mit einer intellektuellen Intensität erzählte er von seinem Verständnis der Realität: „ein Tatsachenraum, eine Fiktion mit Wahrheitswert.“ Nach zwanzig Minuten rief ihm eine zu, „Du verarschst mich … ich verstehe gar nichts!“ Ich war baff. Gib ihm die Möglichkeit, uns aufzuklären! Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, fast zu verstehen, wovon er sprach, nur dass ich mich noch mehr hätte darauf einlassen müssen. Ach, das Leben der Ideen. Steinweg sprach von Jacques Deleuze, den er zwar verehrt … „allerdings wünsche ich mir, dass er ab und zu, nur ganz kurz, die Hand vom Geländer nehmen würde.“ Herrlich!

Für mich persönlich unter Ferner liefen:

Big Bang – Alles muss raus! Leicht nervend ob das Übertriebene – Pathos, Makeup. Aber Heide Kuhl hatte so viel Energie, machte so viele Wandlungen durch. „Ihr Angestellte … ihr Ausbeuter: Das ist alles Eure Schuld! … Entschuldigung, das habe ich nicht so gemeint.“ Richtige Ideen und Selbstironie wechselten sich schnell ab, Lacher aus allen Teilen des Publikums.

Die Welt ist eine Kopie – ein drahtiger, kleingebauter Energiebündel von der Elfenbeinküste zusammen mit seiner Dolmetscherin aus dem Französischen: „Die Welt ist ein Traum, aus dem man noch nicht erwacht ist“. Faszinierende Ausstrahlung oder endlose Selbstverliebtheit? Auf jeden Fall ein geborener Performer.

Aber wenn Du gehst … mit Tina Pfurr. Hmm. Lange, viel zu lange sammelte die Schauspielerin Bälle in Plastikkörbe ein. Sie trug einen Text vor, der aber gar nicht hängenblieb. Ein Zögern bzw. Atemlosigkeit in ihrer Redeweise machte es auch nicht leichter.

Um Mitternacht am Samstag hat Otmar Wagner bei seiner Essay-Performance Freibier und –schnaps unter den Zuschauern verteilt. Nu, sein Stück hieß auch Systeme, Bier und Schnaps. Zur Tradition des freien Alkoholschanks im Theater zeigte er einen selbst gedrehten Kurzfilm. Das Konzept gefiel – z.B. ein Interview mit Niklas Luhmann im O-Ton auf den zugezogenen Lamellen, Live-Zwischenfragen von Wagner. Lauter technischer Spielereien. Vielleicht war er tatsächlich sehr witzig? Ich blieb nicht lange.

Beim Abholen der Festivalkarte druckte mir ein junger Mann in die Hand das, wie er meinte, „toll gestaltete Programm“. Und siehe da, es war wirklich eine Wonne, durch die Kurzbeschreibungen der 17 Stücke und 3 Installationen und Begleitmaterial, alles auf Karteikarten in einer wieder verschliessbaren Plastiktüte (wie wir sie alle inzwischen für Flüge mit Handgepäck sammeln), durchzublättern.


Nancy Chapple - 22. Oktober 2010
ID 00000004890
THEATERDISCOUNTER
Klosterstraße 44
10179 Berlin
E-Mail: info@theaterdiscounter.de
Tel.: (030) 28 09 30 62
http://theaterdiscounter.de


Weitere Infos siehe auch: http://www.monologfestival.de


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