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Feuilleton


11. bis 29. Mai 2013

STÜCKE 2013

38. Mülheimer Theatertage NRW



Endspurt in Mülheim

Niemand in Deutschland kann sich so gut mit deutscher Gegenwartsdramatik auskennen wie das Theaterpublikum in Mülheim an der Ruhr. Denn seit mehr als 30 Jahren sind hier bei den Mülheimer Theatertagen NRW jedes Jahr Inszenierungen von ausgewählten Gegenwartsstücken zu sehen, seit einigen Jahren im Rahmen der „KinderStücke“ auch zeitgenössische Dramatik, die sich an das jüngere Publikum richtet. Am Ende steht dann die Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises, den u.a. Autoren wie René Pollesch, Dea Loher, Franz Xaver Kroetz und Elfriede Jelinek erhalten haben.

Die Auswahl in diesem Jahr umfasst Muttersprache Marmeloschn von Marinna Salzmann, Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir von Nis-Momme Stockmann, X-Freunde von Felicia Zeller, Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind von Franz Xaver Kroetz, Wir lieben und wissen nichts von Moritz Rinke, Von den Beinen zu kurz von Katja Brunner, FaustIn und out von Elfriede Jelinek und Ich wünsch mir eins von Azar Mortazavi.


* * *


Den ersten Platz für das umfangreichste Programmheft und zugleich die epischste Aufführung kann man unbesehen an das Schauspiel Hannover vergeben, das mit Nis-Momme Stockmanns Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir zu Gast war. Stockmanns Werk ist in vielerlei Hinsicht überbordend: Hier schreibt sich jemand die Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft von der Seele und Regisseur Lars-Ole Walburg gibt dem Ganzen ausreichend Raum. Fünf Stunden dauert der Abend, mit dem die Theatertage in diesem Jahr eröffnet wurden. Leitfigur ist ein grauer Mann mit Koffer, ein ehemaliger Banker, der jetzt die Welt ändern will und dafür zunächst in eine schäbige Wohnung zieht. Aber sein Traum, mit seinen Millionen im Koffer eine Deflation zu erreichen, erweist sich von Beginn an als wahlweise utopisch oder hoffnungslos – ganz nach Sichtweise. Stockmanns Text findet in vielen Momenten schöne, poetische Sprachbilder, aber wenn er in einen Erregungsduktus über die Schlechtigkeit der Welt verfällt, nervt er bisweilen und produziert – vor allem in einigen Chorpassagen – nicht viel mehr als Platituden. Dem Mann in Grau lässt Stockmann im Hausmeister Kaschinsky, der Tauben hasst, den Mietblock kontrolliert und tief unten im Keller eine eindrucksvolle Waffensammlung hortet, einen kongenialen Widerpart erwachsen. Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir ist in vielerlei Hinsicht eine Zumutung, was nicht das Schlechteste ist. Es wird sich zeigen, wo und wie Stockmanns Stück auf den Spielplänen der Republik seinen Platz findet. Der Mut der Schauspiels Hannover ist jedenfalls zu loben.

Ebenfalls am Eröffnungswochenende auf dem Programm stand Muttersprache Marmeloschn von Marianna Salzmann, ein Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin. Drei Frauen aus drei Generationen – Mutter, Tochter und Großmutter – liefern sich ein beständige familiäre Auseinandersetzung, die von allem geprägt ist, was man so kennt: Liebe, Verletzungen, Enttäuschungen, Hoffnungen und Angst. Die besondere Würze erhält Muttersprache Marmeloschn dadurch, dass es um die Geschichte einer jüdischen Familie geht, die eng mit der Zeitgeschichte in Deutschland verbunden ist. Die Großmutter hat den Holocaust überlebt und schließlich als überzeugte Kommunistin in der DDR gelebt, nur um zu erfahren, dass auch hier Antisemitismus zum Alltag gehörte. Salzmann gelingt es in ihrem Stück, sehr viel über die Figuren und ihre Geschichten zu erzählen, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Obwohl viel gesprochen wird, bleibt vieles unausgesprochen. Was ist beispielsweise genau mit dem Enkelsohn passiert? Und wieso sind die Männer eine solche Leerstelle im Leben dieser Frauen? Die Situationen, die meistens zwei der drei Frauen aufeinandertreffen lassen, sind fein beobachtet und auf Papier gebracht. Es ist nicht möglich, sich normal zu unterhalten, sofort brechen alte Verletzungen auf, greifen die eingefahrenen Denkmuster. Natürlich lebt dieser wunderbare Abend nicht nur von den Texten der Autorin, sondern auch von den wunderbaren Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und Natalia Beletski, die einem das Gefühl geben, dass alles so vertraut ist und dennoch immer wieder aufs Neue schmerzhaft, traurig, lustig. Wie man das eben so kennt im familiären Kontext.

Felicia Zeller war bereits mehrmals bei den „Stücken“ in Mülheim zu Gast. In diesem Jahr ist X-Freunde zu sehen, als Gastspiel des Schauspiel Frankfurt. X-Freunde ist ein rasantes Dialogstück, in dem Holger Holz, früherer Chef eines Cateringservices und nun arbeitsuchender Hausmann, seine Frau Anne, selbständige Unternehmerin, und der Bildhauer Peter Pilz aufeinandertreffen. Die Beziehung von Holger und Anne leidet darunter, dass er seine Cateringservice schließen musste und sie gerade Karriere macht. Ein gemeinsames Leben findet nicht mehr statt, Anne versucht wie aufgezogen, ihren beruflichen Erfolg immer weiter zu potenzieren. Ständig bleibt sie länger im Büro, hat Termine – mit der Folge, dass Holger sich gestresst fühlt, weil sie Stress verbreitet. Schließlich geht er die Wände hoch – die von Bühnenbildnerin Justina Klimczyk umsichtig mit Matten ausgepolstert wurden – und auch sein Plan, seine Frau im Urlaub gewissermaßen zur Entspannung zu zwingen, schlägt fehl. Peter Pilz, Freund von Holger, arbeitet währenddessen an seinem epochalen Werk X-Freunde, das zwar von seiner Agentin bereits mehrfach verkauft wurde, aber leider noch gar nicht existiert. Zeller schreibt ihren Figuren Verzweiflungstexte. In Wirklichkeit reden hier alle aneinander vorbei und nur über ihre jeweilige eigenen Sorgen, Nöte und Anforderungen. Niemand bringt einen Satz zu Ende. Selbst Momente, in denen eine Idee, ein Anliegen formuliert werden, scheinen nur kurz auf und werden nicht auf den Punkt gebracht. Zu zahlreich sind die Gedanken, die den Figuren dabei durch den Kopf schießen. Mit X-Freunde gelingt Zeller eine bitter-komische Abhandlung über eine Gesellschaft, die Produktivität als das absolute Ideal ansieht. Sinnbild dafür ist in Bettina Bruiniers Inszenierung Anne, stets das Smartphone um den Hals und den Laptop in der Hand, alles zu einer untrennbaren Einheit verwoben. Da hält es ein Großteil des Publikums vielleicht eher mit dem gemütlichen, vermeintlich unambitionierten Holger, der gerne kocht. Allerdings ist dessen Zufriedenheit auch nicht mehr als Fassade, hinter der die Unzufriedenheit brodelt.


Karoline Bendig - 21. Mai 2013
ID 00000006769

Weitere Infos siehe auch: http://www.stuecke.de


Post an Karoline Bendig



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