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Feuilleton


5. Juni 2009, Gastspiel von Les Ballets C de la B

PITIÉ!



Körpereinsatz bis zur Wundmalhaftigkeit, gesehen in PITIE! von Alain Platel und Fabrizio Cassol bei einem Gastspiel des belgischen Les Ballets C de la B im Berliner Hau1 - Foto (C) Chris Van der Burght

Zwicken, zwacken, zwetschen ...

Bachs MATTHÄUSPASSION ist der Inbegriff der abendländischen Musik. In ihr bekommen wir, mitsamt und "abseitig" des Textes, einen Schub verpasst, der unser Herz & Hirn gewaltig animiert. Evangelist und Chöre transportieren eine Art von Schuld direkt und allgemein auf uns. Und so erfahren wir, so eindringlich wie nirgendwo in der Musik, wie Liebe und Verrat sich ein- und ausschließen, und ganz am Ende, und nachdem wir dem Gekreuzigten, und mit versuchtem und vertanem Mitleid, seine Seele erdig aufzufangen trachteten, begreifen wir die Welt, in der wir leben, als ein Chaos und uns selbst, die wir hierin der kollektive Inbegriff und Bruchteil eines menschheitlichen Chaos sind, als liebenswertes Nichts und wundern uns darob nicht schlecht - man braucht nicht Christ zu sein, um alles das aus ihr (MP) zu hören und zu lesen; jeder hört und liest es freilich anders.

Und der belgische Ballettkonzeptionist Alain Platel - Heilpädagoge, der er einmal war - meint Folgendes hierzu: "Als Choreograf möchte ich die Innenseite der Dinge zeigen. Unabhängig davon, ob die Passion Christi wirklich geschehen ist oder nicht, ob man sie glaubt oder nicht, enthält sie einen universellen Kern: 'Liebe deinen Nächsten'. Das ist das Einzige, was zählt. Und das ist so simpel, dass man sein ganzes Leben dafür braucht, es zu erkennen. 'Liebe deinen Nächsten wie dich selbst' ist mehr als nur ein religiöses Gebot, es ist die Basis für Menschlichkeit überhaupt."

Schrieb's auf und machte sich ans Werk:

"PITIÉ!" (Erbamen!) heißt das Stück, mit dem nun seine weltbekannte Truppe Les Ballets C de la B im Berliner Hebbeltheater drei mal hintereinander gastierte. Fabrizio Cassol hat hierzu eine sympathische Adaption von Auszügen aus der MP für sieben Instrumente inkl. einer Flöte (mit Gesangseinlagen des Flötisten) sowie drei Gesangsstimmen in Noten abgefasst.


Szenenbild aus PITIE! von Alain Platel und Fabrizio Cassol, womit Les Ballets C de la B vom 4. bis 6. Juni 2009 im Berliner Hau1 gastierten - Foto (C) Chris Van der Burght

Melissa Givens, die Extrem-hoch-Sopranistin, muss, und nicht nur ihrer imposanten Körperfülle wegen, als zentrales Zentrum der Performance angesehen und gedeutet sein; und irgendwie scheint sie die Rolle jener tränenreichen Mutter Jesus' mit viel Selbstbewusstsein, Witz und gar nicht minder guter Laune in der Tat dann auszufüllen. Sie - wie auch ihre sie partnernde Maribeth Diggle (als Maria Magdalena?) holen ab und zu von hinten so ein mannshoch großes Hackebeil; wem sie wohl damit an die Eier wollen würden? es kommt leider, bis zum Schluss der Stücksicht, nicht heraus.

Die Truppe selbst - an ihrer generellen Ausstrahlung und körperlichen Kompetenz besteht im Übrigen kein Zweifelsgrund - vermittelt einen durch und durch geschlossenen und homogenen Eindruck dahingehend, dass sie sich, wie stets bei den Platel-Werken, als "feiernde" Versammlung individueller Spasten oder sonstwie Leicht- oder auch Schwerstbehinderter zu demonstrieren hat. Das macht sie, auch wie stets, sehr anmutig und überaus geschmackvoll. Unvergesslich auch, wie sie sich mit den Fingern in die Häute zwickt und zwackt und zwetscht; Wundmale, je nach der Beschaffenheit der jeweiligen Häute, gleich oder im Nachhinein.

Ich sehe viel und vieles Schöne, Aufregende in der Aufführung.

Doch ich vermisse die/eine Geschichte.

Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, warum der Platel den sportlich ehrgeizigen Aufwand im Zusammenhang mit der MP von Bach betreibt; ich bin also erstaunt über das Alles, was da ist, aber ich werde nicht berührt.

Die Sympathie und der Respekt vor allen Musikern und Tänzern freilich bleibt.


PITIÉ! (Hebbel am Ufer, 05.06.09)
Les Ballets C de la B

Konzept und Regie: Alain Platel
Musik: Fabrizio Cassol (nach Bachs Matthäuspassion)
Bühnenbild: Peter De Blieck
Kostüme: Claudine Grinwis, Plaat Stultjes
Tanz und Kreation: Elie Tass, Emile Josse, Hyo Seung Ye, Juliana Neves, Lisi Estarás, Louis-Clément Da Costa, Mathieu Desseigne Ravel, Romeu Runa, Rosalba Torres Guerrero, Quan Bui Ngoc
Gesang: Melissa Givens (Sopran), Maribeth Diggle (Mezzosopran), Serge Kakudij (Countertenor), Magic Malik (Gesang, Flöte)
Musiker: Fabrizio Cassol (Saxophon), Michel Hatzigeorgiou E-Bass), Stéphane Galland (Schlagzeug/Perkussion), Airelle Besson (Trompete), Philippe Thuriot (Akkordeon), Michael Moser (Cello), Tcha Limberger (Geige)


Andre Sokolowski - red. / 6. Juni 2009 http://www.andre-sokolowski.de
ID 00000004334

Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de





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