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Feuilleton


23. November 2008 Premiere an der Komischen Oper Berlin

LA TRAVIATA

durch Hans Neuenfels


Das ist Chistian Natter. Er verkörpert jenen Luden, den sich der Regie-Altstar Hans Neuenfels für seine TRAVIATA-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin erdacht und ihn (C. Natter) hierfür aufgefunden hat... - Foto (C) www.kulturserver-nrw.de


Neuenfels (er)findet in der TRAVIATA einen Luden, den er durch das Allgemeinwesen "Gesellschaft" gaudihaft entherzen lässt


[HUNDE MÜSSEN DRAUSSEN BLEIBEN, ist ein Slogan aus der Fleischerhandlung. Wer mit "Arschlecken" und "Scheiß" oder so ähnlich Fäkaliertem seine Texte würzt - dachten die Leute von der Pressestelle der K. O., nachdem sie unser Feuilleton über das Mozart-Requiem unwillig zu Kenntnis nahmen - kriegt zur Strafe keine Pressekarte für Premieren mehr; dagegen, selbstverständlich, taten wir uns umgehend verwahren, und wir ließen höflich wissen, dass wir selbstredend auch weiterhin mit "Arschlecken" und "Scheiß" oder so ähnlich Fäkaliertem unsere Besprechungen zu würzen willens wären, falls uns irgendeine neue Inszenierung unerbittlich schlecht bekäme; und so kamen wir, wie abortende Hunde, auf die sog. Warteliste; dieses wäre dann der hausloyale Kompromiss gewesen. Aber nein, wir wollten nicht auf diese sog. Warteliste, denn wir wollten unbedingt dann live, und also ohne Rumgewarte, bei der Live-Premiere La Traviata mit dabei sein, und so mischten wir uns - diesmal ohne Pressekarte - unter das eventschlürfende Kaufvolk.]



Kleine Messerstecherei zwischen zwei Männern: Alfred (Timoty Richards) wird von Violettas Luden (Christan Natter) auf die Unterscheidung zwischen Ross und Reiter zärtlichst hingewiesen - Foto (C) Monika Rittershaus


La Traviata ist ein tolles Stück. Es gibt nicht einen Grund, an ihm zu scheitern. Allenthalben, über die Jahrzehnte hin, weisen Besetzungszettel Mögliches und Unmögliches nachgerade aus. Nach nicht mal einem halben Dutzend Vorstellungen - um als Beispiel herzuhalten - musste, noch zur DDR-Zeit, eine funkelnagelneue Produktion der Staatsoper aus ihrem Spielplan fliegen, weil die Hauptakteurin etwas zu gemütich wirkte und man sich, des rechtsam-flegelhaften Unmuts der Besucher wegen, eine "wahrere" und also "überzeugendere" Violetta hätte leisten müssen, aber es aufgrund der fehlenden Devisen doch nicht konnte.

Felsenstein, Herz, Kupfer - die drei großen Vorgänger Homoki's in der Behrenstraße - hatten immer Glück mit ihren Violetta's; ihre Inszenierungen galten als jeweilige Meilensteine des Regietheaters ausgerechnet dann an diesem Haus. So wurde / ist hier La Traviata unverzichtbarer Bestandteil; und man müsste (wie gesagt) schon mit dem Klammersack gepudert sein, hier einen Flop zu fabrizieren - nein, das Stück an sich gibt das nicht her.

Hans Neuenfels - nachdem er sich höchstselbst, vor über einem Jahr, mit einer läppisch zugequatschten Zauberflöte zum Hanswurst gestempelt hatte (und wir waren völlig aus dem Häuschen, als wir diesen Blödsinn miterleben mussten; schätzten/schätzen wir ihn doch als den granatesten der Überbleiber des Regietheaters überhaupt - und richtig gut finden wir, dass er bald in Bayreuth Lohengrin zur Diskussion stellt!) - inszenierte La Traviata nun ganz neu auf seine unverwechselbare Art und Weise...



Violetta selbstkasteit sich (ICH BIN EINE HURE) beim Floristischen Kostümball in der neuen TRAVIATA-Inszenierung des Hans Neuenfels - Foto (C) Monika Rittershaus



Die Traviata ist ja auch, vor allem, ein sozialgesellschaftliches Ding; und ihre Handlung geht in etwa so: Halbweltfrau'chen mit Namen Violetta wird von einem forschen Hagestolz mit Namen Alfred auf 'ner Party mehr als angemacht; er hätte, sagt er, ehrliche Gefühle für sie, und das schon seit Längerem; sie glaubt ihm freilich nicht, zu groß scheint seine Konkurrenz auf diesen halbseidenen Festen, zu gewöhnlich sind ihr seine und die Anmachen der andern pseudoweltmännischen Gäste usf. Dann leidet Violetta'chen - ganz nebenbei - an TBC. Aber sie lässt ihn dennoch an sich ran; einmal ist sowieso dann keinmal oder so oder so ähnlich. Also ab aufs Land! Ein Fall von Landliebe, okay-okay... Dann kommt der Vater von Alfred ins Spiel; der ist natürlich völlig gegen diese pseudohalbseidweltmännische Kinderei des Sohnes; und er meldet sich der Holden als Besucher an und sinnt darauf, ihr seinen Erben auszutreiben. Da sie (Violetta) auf dem Leiterchen zum Asozialen steht - das hat der Alte längst dann rausgekriegt - , versucht er es mit geldlicher Erpressung; und es folgt eine von diesen intriganten Briefszenen der Weltliteratur. Es kippt von da. Und Violetta steht in Alfreds Augen nur noch als die eigentliche Hure da, als die er sie uneingestandner Maßen vorher auch schon traf. Das ist zu viel für sie; ihre Gesundheit macht das alles nicht mehr mit. Sie stirbt vereinsamt und in absoluter Armut...

Neuenfels gibt alledem noch einen drauf: den von ihm ausgedachten Luden, sündhaft schön (gespielt von Christian Natter!), welcher während der 180 Spielminuten nicht und niemals von der Seite Violettas weicht. Auch nicht, nachdem ihn Neuenfels bei der Floristischen Kostümparty von einer angetrunknen Horde geiler und gewalttätiger Gays entherzen lässt - im Gegenteil; er kehrt als engelgleiches Ebenbildchen seiner selbst, mit Stierkopfmaske und zwei raushängenden Riesenhoden, zu der Frau zurück, die er - als Einziger - "benutzen", aber auch "beschützen" tat. Diese Metapher leuchtet ein und funktioniert in ihrer Aktualität: Als Hure, ob als gut oder als schlecht bezahlte, hast du keinen Rechtsanspruch auf Wärme; du musst dem vertrauen, der dich auflas, oder keinem. Keulenschlägiger lässt sich's nicht fassen.

In Sinéad Mulhern findet sich die Violetta zeitgemäß und voller Selbstbewusstsein aufgehoben. Dass sie, insbesondere am Schluss des Ersten Aktes, stimmlich an gesetzte Grenzen stößt, macht ihre leisen Töne, insbesondere am Schluss der Oper, noch viel intensiver.

Der Germont Aris Argiris' - ein Mutant von Dr. Schleppfuß aus dem Doktor Faustus - ist beeindruckend in seiner teuflisch anmutenden Viehischkeit; am Ende, wenn er dann den Großversöhner rauszukehren sich bemüht, hält ihn allein die Flasche Alk zusammen.

Und Timothy Richards strahlt in tenoralem Heldenglanz, obgleich er ganz zuallerletzt ein Held der Handlung ist.

Dem Dirigenten Carl St. Clair ist eine logisch-einleuchtende als wie derbe, um nicht gar zu sagen derb-brutale Interpretation der Verdi'schen Musik gelungen.

Markerschütternd und grandios!!


Andre Sokolowski - 24. November 2008
ID 4118

LA TRAVIATA (Komische Oper Berlin, 23.11.2008)
Musikalische Leitung: Carl St. Clair
Inszenierung: Hans Neuenfels
Bühnenbild: Christof Hetzer
Kostüme: Elina Schnizler
Besetzung: Sinéad Mulhern (Violetta), Karolina Gumos (Flora), Christiane Oertel (Annina), Timothy Richards (Alfred), Aris Argiris (Germont), Adrian Strooper (Gaston), Hans-Peter Scheidegger (Baron Douphol), Jan Martinik (Marquis d' Obigny), Carsten Sabrowski (Dr. Grenvil), Christian Natter (Zuhälter) u. a.
Chor und Orchester der Komischen Oper Berlin
(Choreinstudierung: Robert Heimann)
Premiere an der Komischen Oper Berlin war am 23. November 2008
Nächste Vorstellungen:
05. | 16. | 20. | 29. Dezember 2008
05. | 16. | 24. Januar 2009
06. | 11. | 25. April 2009
12. | 16. | 28. Mai 2009
14. | 23. Juni 2009
01. | 08. | 16. Juli 2009


Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de





 
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