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Feuilleton


OBLOMOW schläft und wacht und stirbt in einer spitzweg-scharf gearbeiteten und gelungenen Theaterproduktion am Schauspiel Köln



Kristine Jurjane ist Ausstatterin von OBLOMOW in der Halle Kalk (vom Schauspiel Köln). Ihr Bühnenbild könnte, zum Beispiel, Spitzweg nachempfunden sein. Und auch Visconti, hätte er dann je den großen Schlafroman Gontscharows so als Film für sich entdecken wollen, hätte sicherlich nicht anders resp. nicht "mit weniger" für die Bebildbarmachung reagiert. Mit andern Worten ausgedrückt: Wir würden die OBLOMOW-Ausstattung sehr gern als oscar-reif verbucht sehen und hoffen also sehr, dass sich da lt. den Sachverständigenbefragungen von/für Theater heute etwas tut!

Und überhaupt sind wir ganz baff über die Wirkung dieses als grandios zu nennenden und - ungeachtet seiner fast 4 Stunden Dauer - letztlich als recht kurzweilig empfundenen Theaterabends; und wir sahen/hörten es daher, vor allgemeiner Rührung und Ergriffenheit, rechts/links von uns oder davor/dahinter inbrünstiger Weise schluchzen, schniefen, schnäuzen... und wir outen uns auch gern, in dem Zusammenhang, als Mitbetroffene; kurzum: Die Angelegenheit hat uns doch menschlich ziemlich mitgenommen.

Was geschieht?

Der Schauspieler Gundars Abolins, der den Titelhelden mächtig-weich und hilflos-kindisch spielt, wird uns als Dauerschläfer vorgestellt. Er hätte seit 12 Jahren seine Liegestatt - außer natürlich zu Verrichtungen der allgemeinen Notdurft - eigentlich nicht/nie verlassen. Ab und zu benennt er seinen alten treuen Knecht Sachar (schon mehr als überwältigend gezeichnet und gespielt von Albert Kitzl!!) langgedehnt beim Namen; und der Alttreue verlässt umgehend seine Ofenbank, auf der auch er seit diesem Dutzend Jahren permanent auf Abruf lag und liegt, um seinem Herrn mit den diversesten Verrichtungen und Zureichungen als wie An- und Ausziehen und Waschen usw. usf. zu dienen. Ringsum sieht es freilich aus wie Sau; geputzt oder gefegt wurde seit Ewigkeiten nicht; Kaminruß hat die Wohnung eingedunkelt; Bilder fallen von der Wand; der Esstisch birgt die Reste von vor Tagen oder Wochen - dennoch lebt bzw. existiert sich's, ohne dass der Eine oder Andere das Opfer von Verseuchungen geworden wäre. Auch ein Protobeispiel dafür, was es dermaleinst in Russland so geheißen haben könnte, zur Kaste "Adel im Untergang" dazugehörig gewesen zu sein - die materielle Basis dieses Sodahinsiechens auf lange Zeit scheint irgendwie vorhanden oder noch vorhanden; und obwohl vermeintlich eine Wohnungsräumung droht bzw. auf dem väterlichen Gut finanzpolitisch nichts mehr so läuft als wie früher, ist und wird das nicht der Grund sein, unsern Haupthelden Oblomow großartig aus seiner Ruhe zu vertreiben. / Bis dem schnarchgeladnen Leben eine schier unglaublich-überraschende Kehrtwendung widerfährt: Denn eine Frau (= Ojlga - verschmitzt-verspielt und zwischen himmelhohem Jauchzen und Zutodbetrübtsein großäugig von Dagmar Sachse dargeboten) tut sich einen Eintritt in die Hemisphäre voller Lethargie und Stumpfsinn ausbedingen... Aber Oblomow ist diesem Weib, obgleich er sich in es "halsüberkopf" verliebt, selbstredend nicht gewachsen; weil er so viel Stress (Beziehungen sind meistens Stress) aus seinem vorherigen Leben überhaupt nicht kennt; ja und er kriegt auch viel zu spät dann mit, dass Olga eigentlich das Zielobjekt von Stolz (anrührend-stark gespielt von Martin Reinke), diesem langjährigen Jugendfreund, der plötzlich aus dem Ausland nach St. Petersburg zurückgekehrt war, um auch Oblomow von seiner Schlafsucht zu befreien, war - was er (Oblomow) ihm jedoch, nach abschließendem Scheitern der Geschichte, großzügig verzieh. // Aber zu spät: Oblomow kriegt die große Liebeskrankheit, isst und schläft nicht mehr, hat einen Schlaganfall auf einen nächsten. Und dann stirbt er einfach. /// Sein Knecht Sachar wird über den menschlichen Verlust verrückt, und sein Freund Stolz legt sich am Schluss ins Oblomow'sche Bett.

Alvis Hermanis, der Regie führte, vermochte es im Handumdrehen, seine Zuhörer und Zuschauer von Anfang an für die Geschichte des in absoluter Einsamkeit verendenden Protagonisten einzunehmen. Wie er die Personen insgesamt dann stellt und führt, lässt uns mit einem Male an die Möglichkeiten des Theaters wieder richtig glauben. Dass es nämlich bei und in uns humanistisch Einiges bewegt.


Andre Sokolowski - 23. Oktober 2011
ID 00000005446
OBLOMOW (Halle Kalk, 22.10.2011)
Regie: Alvis Hermanis
Bühne und Kostüme: Kristine Jurjane
Dramaturgie: Götz Leineweber
Besetzung:
Oblomow ... Gundars Abolins
Sachar ... Albert Kitzl
Ojlga ... Dagmar Sachse
Stolz ... Martin Reinke
Tarantjew ... Robert Dölle
Alexejew ... Torsten Peter Schnick
Premiere war am 11. Februar 2011
Weiterer Termin: 24. 10. 2011


Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielkoeln.de


http://www.andre-sokolowski.de



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