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ENDSTATION SEHNSUCHT am Berliner Ensemble (Premiere: 8. März 2011)

Regie: Thomas Langhoff




Blanche Dubois, eine alternde Schönheit aus den amerikanischen Südstaaten, kann ein Leben ohne Magie nicht ertragen. Ihr proletarischer Schwager Stanley Kowalski erkennt dagegen nur die Realität an. Als Blanche (Dagmar Manzel) aus zunächst nebulösen Gründen bei ihrer Schwester Stella (Anika Mauer) auftaucht, ist deren Mann Stanley (Robert Gallinowski) gar nicht begeistert. In der ärmlichen Zweizimmerwohnung in New Orleans ist keine Privatsphäre möglich und die Umgebung gefällt der auf dem Gut Belle Reve aufgewachsenen Blanche ganz und gar nicht. Ihr vornehmes Getue geht Stanley sehr auf die Nerven und Stanleys ungehobelte Art wird von Blanche als primitiv empfunden. Die Empfindungswelten von Stanley und Blanche sind diametral entgegengesetzt und inkompatibel. Stella sitzt zwischen den Stühlen. Auf der einen Seite kann sie die Gefühle ihrer Schwester Blanche nachvollziehen, aber sie liebt auch leidenschaftlich ihren Mann.

Die beengten Wohnverhältnisse lassen die Lage schließlich eskalieren. In einem Streit behandelt Stella ihren volltrunkenen Mann von oben herab und wird von ihm geschlagen. Da sie schwanger ist, flieht sie zur Nachbarin, die über ihr wohnt. Zu Blanches Entsetzen kehrt sie aber zu Stanley zurück und bagatellisiert das Geschehene. Damit ist das Kriegsbeil zwischen Blanche und Stanley endgültig ausgegraben. Stanley stellt Nachforschungen an, wieso Blanche, die als Englischlehrerin in der Stadt Laurel gearbeitet hat, mitten im Schuljahr in New Orleans aufgetaucht ist. Er will auch wissen, wie es dazu kam, dass der Familienbesitz, das Gut Belle Reve, verloren gegangen ist. War es bisher der übermäßige Alkoholkonsum von Blanche, der Anlass zur Sorge gab, sind Stanleys Entdeckungen regelrecht schockierend. Er informiert seinen Kumpan Mitch (Veit Schubert) darüber, der mit Blanche angebandelt hatte und sie heiraten wollte. Das kann er nach den schrecklichen Enthüllungen nicht mehr...

Tennessee Williams hat das Stück Endstation Sehnsucht 1947 geschrieben. 1951 wurde es verfilmt mit Marlon Brando und Vivien Leigh in den Hauptrollen. Kazan hat damals autobiografische Elemente aus Williams' Familiengeschichte mit einfließen lassen und damit nachhaltig spätere Theaterproduktionen beeinflusst. Dazu gehört die psychische Labilität Blanches, die als gegeben angenommen wurde. Thomas Langhoff ist in seiner Inszenierung von dieser gängigen Interpretation abgewichen. Dagmar Manzel spielt Blanche so, dass ihre Welt eine nachvollziehbare und gültige Realität ist. Auch Stanley Kowalski wird nicht als primitiver, gewalttätiger „Affe“ gespielt. Seine Handlungen und Gewaltausbrüche sind alle nachvollziehbar inszeniert. Im Programmheft ist ein Zitat von Tennessee Williams abgedruckt: „Wenn du nicht du selbst sein kannst, was hat es dann für einen Sinn, irgendetwas zu sein?“

Das Bühnenbild und die Drehbühne (Ausstattung: Andrea Schmidt-Futterer) bilden eine wunderbare Einheit. Es besteht aus einer Videoleinwand im Hintergrund, die den Wechsel von Wetter und Tageszeiten einblendet. Das „Haus“ besteht aus einer weißen Konstruktion mit Wendeltreppe zum oberen Geschoss. Es dient gleichzeitig als Badezimmer, das im Stück ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. In der zweiten Hälfte der Inszenierung wird die Wand des Badezimmers durchscheinend, so dass man Blanches Schatten erkennen kann, deren Anwesenheit in der Tat einen Schatten auf die Beziehung von Stella und Stanley geworfen hat. Später sieht man Stanleys Silhouette dort, der das Leben von Blanche unheilvoll überschattet. Ebenso „sprechend“ wie das Bühnenbild ist der Einsatz von Musik. Hans-Jörn Brandenburg hat Eigenkompositionen geschaffen, die Jazzcharakter haben und gegen Ende zunehmend kakophonisch werden. Nachdem Stanley und Stella sich nach dem Gewaltausbruch versöhnt haben, klingt z. B. „It don't mean a thing“ von Duke Ellington an. Die Musik wird live gespielt u. a. von Lucas Prisor am Saxophon, der auch mehrere Rollen im Stück spielt.

Insgesamt wird in Thomas Langhoffs Inszenierung das Stück moderat modernisiert oder vielmehr zeitlos gestaltet. Die Schauspieler, das Bühnenbild und die Musik bilden ein organisches Ganzes. Die Interpretation des Stückes überzeugt mit Realismus und einem Hauch Magie.


Helga Fitzner - red. 9. März 2011
ID 5090
ENDSTATION SEHSUCHT (Premiere am Berliner Ensemble, 08.03.2011)
Mit: Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Dagmar Manzel, Anika Mauer; Robert Gallinowski, Lucas Prisor, Veit Schubert, Axel Werner
Inszenierung: Thomas Langhoff
Bühne und Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer
Mitarbeit Bühne: Ulrich Leitner
Musik: Hans-Jörn Brandenburg
Premiere war am 8. März 2011
Weitere Vorstellungen: 13. und 31. 3. 2011


Siehe auch:
http://www.berliner-ensemble.de


Post an die Rezensentin: fitzner@kultura-extra.de



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