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Premierenkritik

22. April 2007, Premiere an der Komischen Oper Berlin

IPHIGENIE AUF TAURIS


Musikalische Leitung: Paul Goodwin
Inszenierung: Barrie Kosky

Das neue Traumpaar an der Komischen Oper Berlin: Kevin Greenlaw (re.) und Peter Lodahl (li.) als Glucks Orest und Pylades - Foto (C) Monika Rittershaus



Kehl- und Herzgeschichten

Gleich voraus: Es ist die vorzeigbarste, schlüssigste, sensibelste und doch zugleich brutalste Inszenierung, die ihr jetzt in euerm Spielplan habt. Händels OREST(chen), welcher ja dasgleiche Thema und dengleichen Stoff wie Glucks Tauridische beinhaltet, erscheint mit einem Mal noch dünniglicher, lächerlicher, unerheblicher von euch und euerm Gastregiestar Baumgarten gemacht als wie vor ein paar Wochen erst gesehen; kein Vergleich! Von Neuenfelsens ZAUBERFLÖTE - die ja wohl in die Debatte hier im Ernst nicht reingehörte - ganz zu schweigen. Dennoch eines drauf gegeben: Im Vergleich (ich wiederhole es sehr gern) zu Barrie Kosky's jetzigem Geniestreich nimmt sich auch dann diese allergrößte und senilanwärterische Peinlichkeit (ich sag nur steifer Flötenpimmel!) allerkläglichst, um nicht gar zu sagen dumm & blöde aus. Aber zur Hauptsache höchsteigentlich und jetzt mit voller enthusiastisch rausgewollter Wucht:

Was habt ihr bloß für tolle Sänger!!

Geraldine McGreevy (als Marschallin schon eine Sensation gewesen!) hat als Iphigenie dauerhaften mimiglich-stimmlichen Großeinsatz!! Es fängt schon ziemlich aufgeregt, barbarisch an: Zig von der Thoas-Soldateska aufgegriffne junge schöne Männer werden aufs Gemeingefährlichste herbeigeschleift, sie sind fürs allgemeine Blutopfer bestimmt, und Iphigenie - nur deswegen wird sie ja auf dieser Insel Tauris mörderischerseits gehalten - zückt ihr Schlachtermesser, zögert je ein Stück, dem einen oder anderen streicht sie noch vorher zärtlich übers Haar, und schlitzt ihnen die Kehlen auf. Der Frauenchor bringt Schalen für das aufgefangne Blut...


Kevin Greenlaw auf der Innensuche nach Orestens Eltern - Foto (C) Monika Rittershaus


Auftritt von Kevin Greenlaw, Peter Lodahl: Sie hat Barrie Kosky für das Freundespaar Orest/Pylades auserkoren, und in seiner einleuchtbaren Sicht sind beide "nicht nur" Freunde, sondern obendrein natürlich schwul. Vielleicht ist diese Oper auch die einzige, in der es derart eindeutig und ehrlich um das allzu weite Feld der homosexuellen Liebe geht; mir fällt jetzt nichts vergleichbar Wichtigeres ein. Also: Die beiden machen ihre Sache (klingt jetzt unpassend, ist aber ernst gemeint) sehr aufrichtig und über alle Maßen gut! Ich kaufe ihnen dieses Aufzeigen der Männerliebe ein-eindeutig ab!! Und nicht nur ich!!! Gefühlter Eindruck durch das mitleidende Auditoriumskollektiv: es geht, hundertprozentig, allen anderen im Saale so; mein Gott, was hab ich's hinter mir und vor mir schluchzen hören; und ich selbst hätte mich noch nach weiteren zwei Stunden über euch und eure allzu schöne Darstellung im Tränenbad ereifern können - - was für'n Traumpaar seid ihr: Greenlaw/Lodahl; einzig und allein schon wegen euch muss es die Leute gieren, DAS zu hören und zu sehen!!! Stimmlich auch, welcher Zusammenklang; der so geradlinige und so stellenweise ganz und gar aus sich herausgehende Sound des Kevin; dieses tenorale Flimmern Peter's: ständig Gänsehaut!!!!!


In den Fängen der Soldateska: Kevin Greenlaw (als Orest) und Geraldine McGreevy (als Iphigenie) in der Barrie-Kosky-Inszenierung an der Komischen Oper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus


Die Soldateska-Szene: Chor/Statisterie bedienen freilich hier die ferngesehenen Klischees von Abu Ghraib oder Quantanamo... halt alles das, was sich dem abendländischen Normalverbraucher per TV und Printmedien als "schlimm" und "kriegerisch" vermittelt; keiner kann sich freilich vorstellen, wie "schlimm" und "kriegerisch" das Alles in realo wäre oder ist; aber es trifft genau den Punkt. Und selbst das unerfahrendste der Lieschen Müller's hat nach diesem höchstmarzialisch anmutenden Soldateska-Akt (mit Zigarettenausdrücken ins Arschloch, Anpissen, Einscheißenlassen) eine Art von Grundeindruck, wie ungeheuerlich es bei den Männern, nur bei ihnen, zugeh'n kann. Und es ist kein Benutzverbot von Kotzbeuteln gegeben; also Augen auf und durch!!
Paul Goodwin hat das Musikalische besorgt: Er leitet ein Orchester, das an Qualität und Charme mit keinem andern in der Hauptstadt zu vergleichen ist - jetzt schneidet's einfach mit, presst 'ne CD hiervon, und jeder kann und wird es hören, dass es stimmt!!

Am allerschönsten ist die "Alten-Szene"; und ich wollte sehr - auch aus Respekt und Liebe vor den tollen Darstellern - das Wörtchen "Alten" meiden: Barrie Kosky hatte ein paar Dutzend Frau- und Herrschaften der reiferen (und menschenkenntnisreicheren!) Kaliber engagiert; sie bilden eine Art Bewegungschor, verkörpern sozusagen die Erinnyen... alle mit entblößtem Oberkörper, Frauen sowie Männer; sowas Anrührendes habe ich noch nie gesehen!!! Und ich möchte vor euch knieen.
Absoluter Wahnsinn alles das!

Spontanes Toben, ungeahnt gewesene Begeisterung.


Andre Sokolowski - 24. April 2007
ID 00000003164
http://www.andre-sokolowski.de

Shitboy von Andre Sokolowski

IPHIGENIE AUF TAURIS (Komische Oper Berlin, 22.04.2007)
Musikalische Leitung: Paul Goodwin
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühnenbild: Klaus Grünberg
Kostüme: Alfred Mayerhofer
Besetzung: Geraldine McGreevy (Iphigenie), Kevin Greenlaw (Orest), Peter Lodahl (Pylades), Ronnie Johansen (Thoas), Elisabeth Starzinger (Diana) u.a.
Statisterie und Chor der Komischen Oper Berlin
(Choreinstudierung: Daniel Mayr)
Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere war am 22. April 2007
Weitere Termine: 28. 4. / 6., 22., 30. 5. / 3., 11. 30. 6. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de




 
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