Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Feuilleton


Premiere am 28. Oktober 2005 im Kultursaal der JVA Tegel

HORATIER 1 - nach dem krieg = vor dem krieg


Heiner Müller

Gleichnis von der aufgehenden Sonne

Alperen heißt der Hauptdarsteller; es ist unklar, ob es sich bei diesem Namen um Alperen als dem Mann mit selbem "bürgerlichem" Namen handelt, oder ob Alperen schlicht und überhöht der Ruf- oder vielleicht sogar der Künstlername dieses Mannes ist. Doch unumstritten scheint, im wahrsten Sinn des Wortes, dass er als das eigentliche Zentrum dieses mehr und mehr in seinen Bann ziehenden Abends und inmitten dieser Menschenansammlungen (24 schauspielernde Strafgefangene / ein Vielfaches an zuschauenden Strafgefangenen und Gästen) funktioniert: Im schwarztüchernen Halbrund und vor einem grauflächigen Hügel ist der also als Alperen identifizierte Mann - vielleicht bei Hälfte des bereits von allen anderen im Chor gesprochnen Textes - auf dem schräg von oben aus der Richtung Saalausgang führenden roten Laufsteg aufgestellt und angestrahlt:: ein Mann mit freiem Oberkörper, dessen fast schon unsichtbares Ein- und Ausatmen allein das Auf- wie Abschwellen des Brustkorbes oder das vorsichtige Einfallen des Zwerchfelles verrät; der Adamsapfel, sonst, so wie bei Männern üblich, bei dem allerkleinsten Anzeichen an Aufregung verleumderisch durch Schluckbewegungen kennzeichentlich markiert, scheint diesem Mann wie angewachsen::: und so steht er lang, unendlich während, einfach da und zieht die Blicke aller Anwesenden zwingend, unaufhörlich zu sich hin; es geht nicht anders, nein, man muss und muss sich dieses Bild von einem Mann vergegenwärtigen ... es ist, als wenn in dem Moment die Sonne aufgegangen wäre; und ein Licht entsprünge dieser furchtbar schön und um so greller angestrahlten Haut. Die Bildbarmachung eines stillen Schreis, vielleicht - - Hoffnungen in, Hoffnung auf Freiheit!! Und im Rückschluss auf den diese Inszenierung (Regie: Peter Atanassow / Bühne: Holger Syrbe / Kostüme: Annette Braun) zentrifugal bestimmenden Moment fielen mir jene Schillersätze ein: "In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist, als die Annalen seiner Verirrungen. Bei jedem großen Verbrechen war eine verhältnismäßig große Kraft in Bewegung." (DER VERBRECHER AUS VERLORENER EHRE)


(C) Foto Thomas Aurin


Heiner Müllers DER HORATIER ist ein kurzer und ein kurzweiliger Text. 324 Verse, wenn ich richtig zählte, misst er; und in seiner knappen "Anmerkung" wird minutiös ein kopfgebornes Spiel beschrieben - folgte ihr die Bühne wortgetreu, würde sich kongenialer Weise das Ergebnis (auf der Bühne) einstellen so wie es sich sein Autor (mit dem Kopf) erdachte und erwünschte.
In der Tat: Die Macher ließen ihrer handwerklichen Souverenität disziplinierten Lauf, also kein Missgriff auf das Stück stellte sich ein - obgleich es doch mit sehr viel fremdem Material "ergänzt", "verglichen", "angereichert" wurde; kaumhin störend freilich, weil, noch ehe diese "Zuarbeit" sich manifestenst ausgebreitet hatte, jener Hauptblock mit dem Müllertext im Wesentlichen dann ununterbochen abgeleistet war. Auch, und vor allem!, machte diese Inszenierung, was die musikalische Umstaltung anbelangte, guten Sinn. Milovan Laziv, beispielsweise, sang ein Volkslied seiner Heimat, und beim Hören-Sehen ging es mir dann schon durch Mark und Bein ...
Worauf dann sowieso in keinem Fall hätte verzichtet werden können - nicht in dieser schon des Raums (Justizvollzugsanstalt in Tegel) wegen so bemerkenswerten Produktion - sind die versprengten Eigentexte mitspielender Strafgefangener, die sich sowohl dem artifiziellen Duktus als auch des verhandelten Gesamtthemas im Stück von Müller an- und einpassten; nur eine Kostprobe: "Ich ging mit dem Glauben in meinen Prozess, dass die Richter sich alles anschauen um zu entscheiden, nur wie geht das, wenn das Leben, was man gelebt hat, auf das Negative beschränkt wird?"
Ja, da wird die anwesende Senatorin für Justiz gelauschelt haben als sie so was hörte.


Andre Sokolowski - red. / 30. Oktober 2005
ID 00000002095
Andre Sokolowski
www.andre-sokolowski.de

HORATIER 1 - nach dem krieg = vor dem krieg

Premiere am 28. Oktober 2005 im Kultursaal der JVA Tegel

Weitere Vorstellungen: 2., 4., 9., 11., 16., 18., 23. November 2005

Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Annette Braun
Dramaturgie: Jörg Mihan
Choreographie: Valérie Kroener
Produktion: Sibylle Arndt

Es spielt das Gefangenenensemble der JVA Tegel: Alperen, Devade, Dirk Stephan, Frank, Hakan Bayazit, Harry, Ilja Schmelzer, Ivan Jakovlev-Pillau, Khaled Merei, Kurt Lummert, Marcell Meinert, Matthias Donwen, Micha, Milovan Lazic, Oliver Kumpfert, Roman H., Sebastian, Silvio Hoppenz, Thomas Ehlert, Thomas Grey, Tuncay Acar, Uwe Rippen, Volker Ullmann, Wolfgang R. sowie Peter & Paul

Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT

Weitere Infos siehe auch:
http://www.kunstprojekt-aufbruch.de
http://www.planet-tegel.de

Weitere Infos siehe auch: http://www.kunstprojekt-aufbruch.de






  Anzeigen:











THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ARCHIV
Bühne

CASTORFOPERN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal



Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de