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Premierenkritik

Die

Vergewaltiger-

innen



Der Dichter und die Frau! Hoffmann (Timothy Richards) lässt sich trotzdem nicht von seiner Muse (Stella Doufexis) trocken legen - Foto (C) Thomas Aurin

Ihnen ist schon klar, dass der Franzose Offenbach E.T.A. Hoffmann meinte, als er seine Oper in fünf Akten komponierte. Sie heißt zwar zu deutsch Hoffmanns Erzählungen, doch täuscht der Titel sehr. Natürlich handelt sie von drei der auffälligsten Prosastücke dieses allzeit ungeliebten Schreibexzentrikers: Der Sandmann, Rath Krespel und Das verlorene Spiegelbild. In ihnen gibt es je eine zentrale Fraufigur und zwei - mindestens zwei - um sie beschäftigte und sie umgarnende, begehrende, beschützende, vernichten wollende Mannsbilder... immer zwei dann, wie gesagt, der eine von den beiden kann getrost als Hoffmann selber identifiziert, der zweite als sein Konkurrent und Gegenspieler ausgemacht sein. So sind Hoffmanns (Teil-)Erzählungen, so ungefähr dann, von ihm konstelliert. Und also dreht sich wohl die ganze Oper einzig und allein um ihn: E.T.A. Hoffmann.
Neulich in der Buchhandlung erkundigte sich eine Dame nach 'ner großen Abhandlung zu E.T.A., die es auf Englisch gäbe, und der Buchhändler fand leider keine deutsche Übersetzung; es war auch nicht klar, ob es das Schriftstück wirklich gibt, auf jeden Fall: Das allgemeine Interesse an dem Hoffmann ist immens. Ein Blick in eine seiner scheinbar Tausenden Erzählungen macht offenkundig: E.T.A. ist ein bis heute unsezierter Irrer. Die Geschichten von ihm spielen allesamt in 'nem Gespensterwald. Und alles was sich hier so nach und nach ereignet, ist von einer ungeheuerlichen Anziehkraft, alles schafft Bildvorstellungen in einem Fort; man diagnostiziert an sich, bei Hoffmann'scher Lektüre unter ungesetzmäßigem Einfluss zu geraten. Prüfen Sie es selbst! lesen Sie ihn!!



Hier sieht man Hoffmanns Fetisch noch ganz damenhaft und zahm, aber das ändert sich, sobald dem schönen Automaten technisch zugesetzt sein wird... dann kann und wird Olympia (hier im Weißfuchsmäntelchen: Cornelia Götz) nicht an sich halten - Foto (C) Thomas Aurin


Das hat auch Inszenierer Thilo Reinhardt ausgiebig getan. Gewiss. Denn anders kann es nicht erklärt sein, dass ihm insbesondere die namentlichen Fraugestalten - jene Damen nennen sich Die Muse & Olympia & Antonia & Antonias Muttergeist & Giuletta - auf das Allertrefflichste gelangen!!!!! Jene stehen in abstruseste Beziehungen zum Dichter Hoffmann. Den nun wiederum hat Reinhardt als 'nen Künstler allgemein, so wie wir ihn uns müllerlieschenweise vorzustellen hätten, also in 'ner Kneipe lungernd, sein Papier dort ausgebreitet und auf irgendwelche Eingebungen lauernd, alles freilich unter unmäßigen Alkoholeinflüssen, auf das Brett gebracht. Es funktioniert, weil: Ahnen wir doch gleich, von Anbeginn, dass es nicht gut mit so 'nem lotterhaften Außenseiter enden kann, nein, wer nicht richtig arbeitet, wird auch kein echtes Geld verdienen, oder?
Und weil Hoffmann also, wie im wahren Leben, soff und soff, wurde sein Geistgehalt aufs Animalischste beansprucht, und er fantasierte sich die tollsten Lebenslügen nach und nach zurecht. Und diese lallt er, sturzbetrunken, in das Kneipenrund. Diese herbeigeluderten Geschichten haben dann, in Wahrheit, nichts mit ihm und seinem eigentlichen Lebenslauf zu tun, sie sind bloß Kopfgeburten, sie bezeugen Hoffmanns Angst vorm Weib an sich: Hoffmanns Erzählungen.

Reinhardt vollführt an diesen Stellen sein Ideenfeuerwerk, ein Beispiel nur: Olympia, dieser Hoffmannfetisch, wird von ihrem Konstrukteur versehentlich ein bisschen überstrapaziert, und also saust sie plötzlich wie ein Schwert über die Maskulinitäten in persona, spreizt die Beine, zeigt den Männern ihre blutgeschwollene Vagina, dreht den Spieß dann freilich um und fällt bald selbst als Vergewaltigerin ungestümer Phallen gänzlich aus der Rolle; großartig im Spiel wie in der Stimme: Erzkolorateusending Cornelia Götz!
So geht es dann den ganzen kurzweiligen Abend lang. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus, was alles aus der Oper rauszuholen ist... Bei Reinhardt "liest" sie sich rasant und allgemeinverständlich. Das hat sicher auch damit zu tun, dass er Hoffmanns Beziehungen zur sogenannten Muse (toll hierin: Stella Doufexis!) in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Sie ist sowohl im Rahmen (1./5. Akt) als auch in den drei Repräsentationsakten dazwischen immerwährend da. Hierzu ließ Reinhardt allzu leichthändig die Hosenrolle von Klein-Niklaus fallen resp. selbige dann von der Muse mitverrichten. Einwand: Wäre ja auch vorstellbar gewesen, hätte es an Hoffmanns Seite nicht die Muse, sondern Niklaus immerdar gegeben. Dann natürlich wäre es ein Schwulenpaar geworden - wollte Reinhardt sicher nicht.

Von einigen nicht unhörbaren Synchronisationsproblemen zwischen Chor/Orchester abgesehen, wurde außerordentlich und durchweg gut gesungen. Die Besetzungsliste (siehe unten) extrastark.

Hingehen, sehen, hören = Hoffmann lesen!!!


Andre Sokolowski - red / 5. Februar 2007
ID 2971
http://www.andre-sokolowski.de

HOFFMANNS ERZÄHLUNGEN (Komische Oper Berlin, 04.02.2007)
Musikalische Leitung: Kimbo Ishii-Eto
Inszenierung: Thilo Reinhardt
Bühnenbild: Paul Zoller
Kostüme: Katharina Gault
Besetzung: Timothy Richards (Hoffmann), Stella Doufexis (Die Muse), Peteris Eglitis (Lindorf/Coppelius/Mirakel/Dapertutto), Peter Renz (Andreas/Cochenille/Franz/Pitichinaccio), Cornelia Götz (Olympia), Sinéad Mulhern (Antonia), Karolina Gumos (Giuletta), Ana Filipüovic (Stella), Caren van Oijen (Die Stimme der Mutter), Stephan Spiewok (Nathanael/Spalanzani), Tobias Hagge (Hermann/Schlemihl), Hans-Peter Scheidegger (Luther/Crespel)
Chorsolisten der Komischen Oper Berlin
(Choreinstudierung: Robert Heimann)
Orchester der Komischen Oper Berlin
Premiere war am 4. Februar 2007
Weitere Termine: 10./17./25. Februar sowie 10./16./25./31. März 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.komische-oper-berlin.de





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