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15. April 2005, Sölden Rettenbachgletscher

Letzte Vorstellung von Hannibal. Verlauf einer Alpenquerung

Regie: Hubert Lepka (Interview)

Tanzende Pistenraupen


„Tausend Jahre vor Christi Geburt, als es noch vielerlei Götter gab – da mischten sich diese Götter auch ein,“ beginnt der Erzähler. Für eine Zeitspanne von gut 60 Minuten waren es am Rettenbachgletscher in Sölden wieder die Götter, die den Luftraum beherrschten. In recht zeitgemäßem Gewand. Bevor Hannibal die Bühne betreten sollte, erlebte man die Luftschlacht um Troja, die Landung des sagenhaften Aeneas in Karthago vom Himmel herab und die Göttin Venus, die oben am Helikopter hängend ihre Kreise zog. Die Urszene des Konfliktes zwischen Rom und Karthago, dem römischen Nationalepos entliehen, ging in die reale Geschichte Hannibals über, der es schaffte mit riesigem Heer die Alpen zu bezwingen und Rom die für alle Zeiten angsterfülltesten Stunden bereitete, um die Stadt schließlich zu verschonen und später, im Exil gestellt, den Freitod zu suchen.

Zum fünften und letzten Mal ging dieses jährlich aufgeführte Schauspiel mit Luftfahrzeugen, Motorrädern, Fallschirmspringern, Tänzern, Skiläufern und Pistenraupen am Rettenbachgletscher (Sölden, Tirol) über die Bühne, im Wesentlichen von Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz, dem Söldener Ernst Lorenzi und dem Regisseur und Choreographen Hubert Lepka begründet. Insgesamt zählt eine Inszenierung um die fünfhundert Mitwirkende und seit der Premiere 2001 sollten über die Jahre mit jeder Vorstellung neue Elemente hinzugefügt werden. Spektakulärerer als heuer war es wahrscheinlich nie.

Wenn die Shows oben und unten ein Publikum von diesmal fast zehntausend Menschen immer wieder jubeln lassen und die Logos von Red Bull und Sölden omnipräsent sind, mag sich der ein oder andere regelmäßige Theatergeher nicht ganz zu Hause fühlen. „Es ist natürlich immer verdächtig, solche Kunst wirkt gekauft“, sollte Lepka einen Tag nach dieser Dernière erklären. „Sie wirkt es aber nur, ich glaube nicht, dass wir käuflich sind.“ (sieh. Interview)
Das Stück lebt von Eindrücken, von Bewegung, vom Staunen – alles Elemente, die natürlich auf Breitenwirksamkeit abzielen, aber vor allem einfach wirken. Lepka steckt eine Bühne von knapp einem Kubikkilometer Rauminhalt ab, spart nicht an Pyrotechnik und allerlei Effekten, doch er macht Theater; anders, riesig, aber viel mehr als ein bloßes Flugspektakel mit Theaterambitionen.

Hier ist ein durchaus vielschichtiger und reflektierender Künstler als Mastermind eines Riesenensembles am Werk, der sich für die heutigen technischen Möglichkeiten ebenso begeistert wie für die monumentale Fassade der alpinen Bergwelt. Was daraus entsteht, mag zwar einzelne schwächere Stellen aufweisen, etwa einige nicht wirklich gelungene Anspielungen auf die Gegenwart in Joey Wimplingers Erzählertext, als Ganzes ist dieses Werk aber gegen allzu schnell erklingende Vorwürfe der Plumpheit und des schlichten Kommerz zu verteidigen. Wer die Gelegenheit hatte, bei Hannibal dabei zu sein und sich auf das Stück einließ, konnte an etwas teilnehmen, das über ein kurzlebiges Wow-Erlebnis hinausging.


Jürgen Leidinger, 17. April 2005
ID 00000001849
lawine torrèn
rauschergut 2
5411 oberalm
www.torren.at

Siehe auch:
Interview mit Hubert Lepka







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