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Feuilleton


7. Februar 2010, Deutsche Staatsoper Berlin

AGRIPPINA von Händel



Alexandrina Pendatchanska ist die neue AGRIPPINA an der Deutschen Staatsoper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus

Agrippina, Schwester des Caligula

Im Alten Rom gings drunter und drüber. Wir lesenden, oder auch bloß fernsehenden Laien kriegen da so manches mit. Da gabs mal einen Film, der hieß CALIGULA, und der war derart "schlimm"... als ich ihn mal, vor Jahren, neugieriger Weise (es hieß da nämlich in den Vorankündigungen, dass der damals wegzensiert war, weil er als bloß-pornografisch galt o. s. ä.) sah, musste ich aus dem Kino raus gehen; ich hatte einen Kotzdrang - nicht des Pornografischen wegen (Porno's sehe ich sehr gern), sondern wegen des Gewaltrausches hierin; es gab keine menschliche, also mit Blut und Sperma untermischte, Gemeinheit, die da ausgelassen wurde; also Alles wurde da gezeigt. Wie schrecklich! Nichts für so ein Zartgemüt wie mich!!

An Dieses musste ich jetzt, und absurder Weise, denken, als ich heute Abend in der neuen AGRIPPINA in der Deutschen Staatsoper Berlin (Inszenierung: Vincent Boussard, Bühnenbild: Vincent Lemaire, Kostüme: Christian Lacroix) gewesen war. / Die Produktion ist schneidend-schick oder erlesen-edel oder auch distinguiert-dezent zu nennen. Nichts mit Blut & Sperma oder so. Nichts mit Gewaltszenen. Nichts Hässliches also in diesem schnöden Sinn.

Ich mache mir absichtlich jetzt auch nicht die Mühe, AGRIPPINAs Handlung nachzulesen - kann gut sein, dass von dem Allen (Blut & Sperma oder so) in Händels AGRIPPINA nichts zu finden ist; todsicher nicht. Könnte auch gar nicht anders sein, vernimmt man letztlich Händels zauberstabhaft-leichtgewichtige Musik.

So eine Assoziation ist halt bloß eine Assoziation; die (künstlerische) Wahrheit ist zumeist von uns, den Rezipienten, meilenweit entfernt... versteckt, also abseits und/oder irgendwie dazwischen oder so.


Anna Prohaska spielt Popea in der neuen AGRIPPINA von Georg Friedrich Händel an der Deutschen Staatsoper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus

Auf jeden Fall hat René Jacobs - unumstritten einer der führenden Köpfe hinsichtlich von Ausgrabungen Alter (oder ältester) Musik - sich jetzt, nachdem er Händels AGRIPPINA in den letzten Jahren schon ein paar Mal, nicht erfolglos, woanders herbemühte, eine Art von Urfassung des Werkes wiederhergestellt; das Alles liest sich sehr sehr spannend im Programmbuch.

Also spielt die Akademie für Alte Musik Berlin jetzt unter René Jacobs eine AGRIPPINA, die man so noch nie zuvor gehört hatte. Spieldauer: über 4 Stunden!!!!

Die (= 4 Stunden) vergingen und vergehen wie im Flug.

Was mir noch nie zuvor beim Erleben Alter Musik - Jacobs macht jedes Jahr wenigstens eine szenische Neuproduktion mit einem jeweils "neuen" alten Werk an der Lindenoper - so passierte: Dass mich Rezitative gefangen nehmen! Und diese AGRIPPINA-Fassung hier hat wahrlich ein Übermaß an Rezitativen zu bieten; vielleicht, wenn man sie alle zusammenzählt, dass man auf über 1 Stunde, mindestens, dann kommt...

Das Elektrisierende geht also eindeutig vom Orchestergraben aus:

Die Akademie für Alte Musik Berlin hat man so, vermute ich, noch nie gehört!! Es knistert zwischen den Zeilen. Ein wahrer Krimi an Befindlichkeiten; und die Instrumentalisten erweisen sich hier einmal mehr denn je als wahre Meister "seelischer" Sezierkunst. Was für 'ne Musik!!! (Es ist ein Jugend-Opus Händels und war seiner Zeit vielleicht eines von den erfolgreichsten seiner Karriere überhaupt; obgleich er halt, wie Jacobs im Programmbuch zu betonen wusste, Änderungen über Änderungen an der AGRIPPINA vorgenommen hatte, dass sie halt am Schluss dann nicht mehr halb so schön authentisch war wie ursprünglich gedacht; Händel der Opportunist.)

Vorzügliche Gesangssolisten:

Bejun Mehta (als Ottone) ist von anbetungswürdiger stimmlicher, und äußerlicher, Topnoblesse.

Anna Prohaska (als Popea) bezaubert noch und noch; ihr glöckchenreiner Sopran hatte nach der Pause zunehmend Gelegenheiten, nicht nur Szenenbeifall einzuheimsen.

Jennifer Rivera (als Nerone) könnte man sich ebenso als AGRIPPINA, also in der Hauptrolle, gut vorgestellt haben; herrlich "dunkles" Tremolo!

Neil Davies & Dominique Visse sind ein kongeniales Domestikenpaar Pallante & Narciso, können nicht nur gut singen, sondern auch vorzüglich schauspielern.

Daniel Schmutzhard (als Lesbo) wird vom Publikum von Anfang an geliebt.

Und Marcos Fink (als Claudio) überzeugt mit seiner tiefen Stimme sowie komödiantischem Geschick.

Ja und vergessen wir die AGRIPPINA von Alexandrina Pendatchanska nicht; sie personifiziert die böse Glut, und ihre Ausstrahlungen - Stimme / Körpergestik - passen zu der Rolle wie ein Hals am Galgenstrick!!

Hysterische Begeisterung!!!!!!!!!


Daniel Schmutzhard (als Lesbo) in Händels AGRIPPINA an der Deutschen Staatsoper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus


Händels AGRIPPINA (Deutsche Staatsoper Berlin, 07.02.2010)
Musikalische Leitung: René Jacobs
Inszenierung: Vincent Boussard
Bühnenbild: Vincent Lemaire
Kostüme: Christian Lacroix
Besetzung: Alexandrina Pendatchanska (Agrippina), Marcos Fink (Claudio), Jennifer Rivera (Nerone), Anna Prohaska (Poppea), Bejun Mehta (Ottone), Neal Davies (Pallante), Dominique Visse (Narciso) und Daniel Schmutzhard (Lesbo)
Akademie für Alte Musik Berlin


Andre Sokolowski - red. / 8. Februar 2010 http://www.andre-sokolowski.de
ID 4550

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de





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