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Freies Werkstatt Theater Köln, 20.01.08

Flughunde

Nach dem gleichnamigen Roman von Marcel Beyer


Hermann Karnau interessiert sich für die Stimme. Sein Traum ist es, eine Landkarte der menschlichen Stimmen zu erstellen. Wie unzählige andere Wissenschaftler auch profitiert er vom Nationalsozialismus. Goebbels, begeistert von seiner Tätigkeit als Akkustiker, fördert Karnau, ermöglicht ihm, in Dresden eine Forschungsgruppe zu leiten, um in seinem Interessengebiet zu forschen und Experimente anzustellen. Dafür wird er vom Wehrdienst freigestellt.
Als „musikalisches Literaturprojekt nach dem Roman von Marcel Beyer“ ist „Flughunde“ angekündigt. Neben zwei Schauspielern wirken drei Sänger und drei Musiker (Geige, Cello und Kontrabass) mit. Die Bühne ist in zweigeteilt: vorne zumeist Karnaus Wohnung. Der Bühnenraum hinten, hinter einem Schleier etwas entrückt, dient als die verschiedenen Adressen des mächtigen Mannes im Nationalsozialismus, der auf der Bühne nicht mit Namen genannt wird. Alles wird mit wenigen Requisiten angedeutet, vorne reichen gar zwei Aufnahmegeräte. Die Spielorte werden von den Sängern chorisch angesagt, so dass der Zuschauer bestens orientiert ist. Meist wird nur an einem der Orte gespielt, manchmal an beiden parallel, aber niemals so, dass der Zuschauer seine Aufmerksamkeit aufteilen müsste. Zwei Mikrofone hängen von der Decke herunter, die dazu dienen, live produzierte Geräusche aufzufangen.
Man merkt dem Projekt das Engagement der Beteiligten an. Und Achim Hoffmann vollbringt als Karnau eine beachtliche Leistung, monologisiert er doch über weite Strecken des Abends. Er nimmt die Zuschauer mit in die Gedankenwelt der Hauptfigur. Aber auch die anderen Darsteller stehen nicht zurück. Nach einer kleinen Anlaufphase weiß Lena Mauser als älteste, wache und interessierte Goebbels-Tochter Helga ebenfalls zu überzeugen. Helga hat den Krieg bekanntermaßen ebenso wenig überlebt wie ihre fünf Geschwister. Das ist einer der tragischen Aspekte der Geschichte, aufgegriffen in einem Moment, in dem Karnauer als alter Mann in seiner Wohnung eine Platte findet und abspielt. Auf ihr ist die Stimme des Kindes bei einer Begebenheit im Führerbunker zu hören. Die Sänger Sibylla Müller, Ansgar Eimann und Fabian Hemmelmann schlüpfen neben ihren Gesangseinlagen in etliche Sprechrollen und bringen ihre Figuren teilweise gelungen auf den Punkt. Ihr Gesang ist den Abend über eher eine Klangkulisse, weniger arien- oder liedhaft. Gelegentlich intonieren sie aber auch zu dritt deutsches Liedgut wie „Ein Jäger aus Kurpfalz“.
Leider haben die Musiker (Mirjana Miteva, Rafael Guevara, Xiomara Escalona) keinen Platz mehr auf der Bühne gefunden. Man sieht sie am Anfang kurz, dann gehen sie von der Bühne – wohl, damit man realisiert, dass die Musik live produziert wird. Aber da man auch die Sänger dabei beobachtet, wie sie Geräusche machen, wäre es schön gewesen, auch die Musiker beim Musizieren sehen zu können. So überwiegt im Laufe des Abends der Eindruck von begleitender Musik, die auch vom Band eingespielt sein könnte. Die eigentliche Situation der Liveproduktion aller Klangerlebnisse tritt dagegen in den Hintergrund.
Sympathisch ist er, der Herr Karnau, der scheinbar mehr oder weniger unbeholfen in alles hineingerutscht ist. Diese Sicht ändert sich am Ende, wenn angedeutet wird, dass er weit über das Ende des Dritten Reichs hinaus seine Experimente an unzähligen Kehlköpfen durchgeführt hat. Ein anstrengender, aber ungemein konzentrierter und packender Abend. Wer Gelegenheit hat, „Flughunde“ in Köln oder Bonn zu sehen, sollte dies unbedingt tun.


Karoline Bendig - red / 8. Februar 2008
ID 3690
Flughunde
Musikalisches Literaturprojekt nach dem Roman von Marcel Beyer
Kooperation Literaturhaus Köln, Musikhochschule Köln, FWT

Inszenierung: Andreas Durban
Komposition / musikalische Leitung: Henrik Albrecht
Bühne: Jana Denhoven
Kostüm: Joelle Abgrall
Licht: Lothar Krüger
Maske: Heike Hellbach
Mit: Achim Hoffmann (Hermann Karnau), Lena Meuser (Helga), Sibylla Müller (Mezzo, div. Sprechrollen), Ansgar Eimann (Tenor, div. Sprechrollen), Fabian Hemmelmann (Bariton, div. Sprechrolle)
Musik: Mirjana Miteva (Violine), Rafael Guevara (Cello), Xiomara Escalona (Kontrabass)

Uraufführung/Premiere am Samstag, 19. Januar 2008, 20 Uhr
Weitere Vorstellungen am 16.02., 19:30 Uhr (Rheinisches Landesmuseum Bonn), 29.02., 20 Uhr, El-DE-Haus Köln und 11.04., 19:30 Uhr Hochschule für Musik Köln

Weitere Infos siehe auch: http://fwtkoeln.de/content/e1316/e2251/index_ger.html





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