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Feuilleton


Deutsche Staatsoper Berlin, 24. Januar 2006 (Uraufführung 21. Januar 2006)

FAUSTUS, THE LAST NIGHT

von Pascal Dusapin


Hanno Müller-Brachmann als Mephistopheles, Caroline Stein als Angel, Georg Nigl als Faustus, Jaco Huijpen als Togod | (C) Foto Ruth Walz



Faust mal schwanzlos, meinte Dusapin

Das was die Welt im Innersten zusammenhält: das Handy. Tausendfacher Wachschrei in der Tram, im Bus und in der S-Bahn. Hin- und Hererdulden nebensächlichster Geschwätzigkeit. Ein Abgeseiere voll unverschämtestem Vertrautseins. Diese grobschlächtige Nicht- oder Nichtmehrwahrnehmung eines Menschen-Gegenübers. Eines Ohrenopfers halt. Geleiertes, Erlittenes; zwei feindselige Lager sitzen, stehen Arsch an Arsch. Diejenigen, die mit dem Handy so geschäftiglich herumhantiern, scheinen der doch so stinknormalen Sensibilität, nämlich dass man durch rücksichtsvolles leises Sprechen oder Schweigen seine morgenmuffelige Umwelt besser schonte, ganz und gar verlustig. Nein, es ist nicht ausgeschlossen, dass ein Ohrenopfer (Opfertier!) zu schäumen sich im öffentlichen Raum erdreistet, "Selbstjustiz" verübt, und dass ein Handy (nur ein Handy?) schnell mal durch die Fensterscheibe fliegt ... und dass es - nein, es ist partout nicht auszuschließen - Tote dabei gibt. Das Handy also, dieses nervtötende Drecksding, ist von unserm Globus nicht mehr wegzudenken. Und Gefahren lauern überall.

Was hat das nun mit "FAUSTUS, THE LAST NIGHT, Oper in einer Nacht und elf Nummern, Text und Musik von Pascal Dusapin" zu tun? Ertragen wurde's in der zweiten Vorstellung nach der (glaubt man den Nachberichterstattungen des weltstädtischen Feuilletons) umjubelten Premiere dieser Uraufführung - bei gefühlten minus fünfundsiebzig Grad von ein paar Dutzend schlecht gelaunter Opernfuzzies in der grad mal bis zur Hälfte angefüllten Deutschen Staatsoper Berlin.


Hanno Müller-Brachmann als Mephistopheles, Georg Nigl als Faustus | (C) Foto Ruth Walz


Um's zusätzlich vorwegzunehmen: Die Begeisterung hielt sich in Grenzen; zu beobachtende Hilf-/Ratlosigkeiten trotz der musikalisch vehement-vorzüglichen Gesamtleistung eines geradezu vorbildlichen Gesangsquintetts (Georg Nigl, Hanno Müller-Brachmann, Robert Wörle, Jaco Huijpen und Caroline Stein) und einer doch erwartbar-exquisit spielenden Staatskapelle (Dirigent: Michael Boder). Peter Mussbach hat dem ehrgeizigen Opus - einem Auftragswerk des von ihm mehr und mehr erfolgreich intendierten Hauses - seine intelektuell geprägte Szenenhandschrift aufgedrückt. Vom Künstlerpaar Elmgreen & Dragset ließ er sich hierzu ein scheibiges Uhrziffernblatt mit vorwärts, rückwärts, rauf und runter sich bewegenden zwei Zeigern als total dimensioniertes Bühnenbild erbauen.


Caroline Stein als Angel, Hanno Müller-Brachmann als Mephistopheles | (C) Foto Ruth Walz


Nochmals nachgefragt: Was haben Handys / Dusapin mit Doktor Faust zu tun??

Erstens: Der Handyträger tut, wenn er von einem künstlerischen Werk zum "deutschesten" (nein nein, zum internationalsten) aller Künstlerthemen hört und sieht, den FAUST von Goethe meinen. Und er meint dann also, wenn ein Künstler heutzutage sich des Themas und des Stoffs vom FAUST verwidmen täte, es doch irgendwie mit Goethens FAUST oder so ähnlich - freilich hat er auch schon einmal was von Michail Bulgakow oder Thomas Mann und Hector Berlioz oder Ferruccio Busoni quervernommen - im Zusammenhang zu hören und zu sehn sein müsste usw. usf.

Zweitens: Dem Dusapin schwebte natürlich - Recht & Pflicht des internationalen Künstlers - etwas völlig Anderes als das bereits zu Hunderten (ja? nein?) Bestehendvariierte zu dem Thema aller Themen vor. Er fasste den Entschluss, das Pferdchen sozusagen mal von hinten aufzuzäumen; und so lässt er seinen Doktor Faust die letzten 24 Stunden seines per Vertrag auf 24 Jahre, keine Stunde mehr!, bemessnen Lebens in Gemeinschaft Mephistopheles', seines Vertragspartners, verbringen. Dass es beiden dann bei ihren ellenlangen Fachdisputen nach dem Schöpfungs-Ursacher an sich nicht allzu lang-langweilig werden würde, hat der bildungsreiche Dusapin drei Randfiguren ins Geschehen (besser: Ungeschehen) integriert: Sly, Togod, Angel. Ab der Handlungsmitte treten sie, die Höllenfahrt des Doktor Faust bis Schluss begleitend, auf den Plan; es sind, bis auf den Engel, aus Der Widerspenstigen Zähmung oder Warten auf Godot entliehene Gestalten, und alleinig ihr Eingliederer vermag, vielleicht für sich privat, die tiefere Bedeutung dieses freiwilligen Vorgangs dramaturgischen Beflissenseins in Gänze zu ermessen.
Fakt ist eines: Denn obgleich mitunter ziemlich aufgebracht, zumeist jedoch unendlich-sehrig (Staatskapellen-Streicher ... ein Erlebnis sondergleichen!!!) musiziert, gesungen und gesprochen wird - in Englisch librettierte der Franzose Dusapin den Fauststoff - , wurde willentlich, d. h. mit jeder Absicht seines Komponisten-Dichters, alles irgendwie erdenklich Sinnliche in diesem Trockenstück zum absoluten Unereignis. Faust mal schwanzlos, wie gesagt.


Andre Sokolowski, 25. Januar 2005
ID 00000002216
www.andre-sokolowski.de


faustus, the last night

Oper in einer Nacht und elf Nummern von Pascal Dusapin Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden

Uraufführung:
21. Januar 2006
weitere Termine:
21. | 24. | 28. Januar 2006
04. | 12. Februar 2006

Musikalische Leitung - Michael Boder
Inszenierung - Peter Mussbach
Bühnenbild - Elmgreen & Dragset
Kostüme - Andrea Schmidt-Futterer
Licht - Sven Hogrefe
Dramaturgie - Ilka Seifert


Faustus - Georg Nigl
Mephistopheles - Hanno Müller-Brachmann
Sly - Robert Wörle
Togod - Jaco Huijpen
Angel - Caroline Stein

Staatskapelle Berlin

In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Koproduktion mit der Opéra de Lyon. Gastspiel am Théâtre du Châtelet, Paris.
In Zusammenarbeit mit UltraSchall - Das Festival für neue Musik.

ca. 90 min - ohne Pause


Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.org/de/fs_b2_neu_faustus.htm






 

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