Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

Unsere Anthologie:
nachDRUCK # 6

KULTURA-EXTRA durchsuchen...



Premierenkritik

Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann und Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès im bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch




Letzten Freitag lud das bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch zu einer interessanten Doppelpremiere. Die 3. Studienjahre Regie und Schauspiel brachten zwei sehr unterschiedliche Gegenwartsdramen auf die kleine Bühne in der Belforter Straße. Es begann mit dem 2010 in Frankfurt uraufgeführten Sozial-Drama Das blaue blaue Meer von Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann. Das Stück handelt von den Problemen junger Leute in einer Plattenbausiedlung. Danach folgte das Stück Der Kampf des Negers und der Hunde des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès. Obwohl bereits 1981 in New York uraufgeführt, hat das Drama um den Tod eines schwarzen Arbeiters auf einer französischen Baustelle in einem westafrikanischen Land nichts an Aktualität eingebüßt. Besonders die Inszenierung des im letzten Jahr verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff 2003 an der Berliner Volksbühne gilt als legendär und (bezüglich des Themas Blackfacing) umstritten gleichermaßen.

*

Passend für eine Hochhaussiedlung lässt Regisseurin Sarah Wenzinger Nis-Momme Stockmanns Stück Das blaue blaue Meer auf einem Gerüst (Bühne: Hannah Geldbach) mit mehreren Ebenen spielen, das die drei Darsteller Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer schon zu Beginn rege beklettern. Ein maschinelles Geräusch bohrt sich dabei in die Gehörgänge des eintretenden Publikums. Die ersten Sätze sprechen die drei zunächst chorisch durcheinander, bis sich die einzelnen Rollen herausschälen, die aber während des Spiels immer mal wieder gewechselt werden. Das wirkt von Anfang an sehr dynamisch und körperbetont, ganz im Gegensatz zum eigentlichen Stillstand der Stockmann‘schen Figuren.

Hauptprotagonist Darko (Gabriel Schneider) sinniert über die Sterne, die man eigentlich sehen müsste, aber im ewigen Grau des Himmels über der Siedlung verschwunden scheinen. Ansonsten säuft er am liebsten mit seinem Kumpel Elle, dem schon ein paar Hirnsynapsen mehr abhandengekommen sind. Thieß Brammer hängt dabei im Gerüst, ganz abwesend röchelnd und schnarchend. Keine Hoffnung oder Zukunft nirgends. Plastisch ausgemalt wird das mit Unglücks- und Selbstmordberichten aus dem "Biotop der Perversionen". Dass Darko mal eine Vergangenheit mit Eltern, Geschwistern, Karate und Musik hatte, blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Als ihm die junge Prostituierte Motte (Katherina Sattler) begegnet, scheint so etwas wie ein neues Ziel auf. Motte erzählt ihm vom blauen Meer in Norwegen. Gemeinsam will man weg. Wenn da nicht noch Meese wäre. Genau wie Darko, an dem eine ungesühnte Schuld nagt, hat auch Motte ein Geheimnis, dass sie fanatisch fixiert in der Siedlung gefangen hält.

Als vierter Protagonist ist da noch Elles Schwester Ulrike, die stumm an Darko hängt. Das vom Vater missbrauchte Mädchen wird hier durch eine Schreibtischlampe mit roter Glühleuchte dargestellt, die beim finalen Sprung vom Hochhaus einfach nach unten klatscht. Die drei jungen Schauspieler meistern Stockmanns sehr ausladenden, prosaischen Text hervorragend, besonders tut sich hier Katherina Sattler mit einem starken Solo beim gescheiterten Zoobesuch von Motte und Darko hervor. Die Regie verzichtet weitgehend auf knallige Effekte. Sparsamer Video- und Musikeinsatz tun ihr Übriges für eine rundum gelungene Umsetzung.




Postkartenmotiv zu Das blaue blaue Meer (C) bat-Studiotheater



Mächtig Aktion herrscht auch bereits zum Einlass der zweiten Inszenierung des Abends. Vor glitzerndem Lametta-Vorhang (Bühne: Lena Schmid) tanzt das Ensemble in folkloristischen Kostümen zu afrikanischer Showmusik. Unterbrochen wird das lustige Treiben schließlich durch eine Figur, die als Schattenriss hinter einem Folienvorhang auftaucht und mit einer durch Mikro verfremdeten Stimme die Rückgabe der Leiche fordert. Der Schwarze Alboury, der gekommen ist, seinen toten Bruder in die Familie heimzuholen, wird hier von Rouven Stöhr als geheimnisvoller Mann mit Stock, Zylinder und zunächst schwarzer Totenmaske dargestellt. Darunter ist er weiß geschminkt.

Noch blasser bleiben allerdings die eigentlich weißen Charaktere. Regisseur Gordon Kämmerer verlegt die Handlung auf eine deutsche Baustelle. Die Freundin des Bauleiters Horn, Léone (Sylvana Schneider), reist daher auch aus Berlin an. Der in sich zerrissene, entscheidungsschwache Horn (Max Thommes) deckt den Mord seines Ingenieurs Cal (Moritz Kienemann), der ihm im Gegenzug die Freundin ausspannen will. Léone fühlt sich da immer mehr vom fremden Afrika und dem beharrlichen Schwarzen Alboury angezogen. („Schwarz ist meine Farbe.“) Die fiebrige Atmosphäre zwischen den Weißen in Koltès' Stück um Lüge, Angst und Verrat treibt Kämmerer mit schweißtreibendem Spiel von Anfang an in eine überdrehte Farce.

In wenigen Szenen können die Darsteller dann auch mal Tiefe aufscheinen lassen. Etwa in dem eindrucksvollem Wolken-Monolog Albourys, in dem er die Notwendigkeit von Nähe mit der fehlenden Wärme beschreibt („Die Wolke folgt unserer Familie,… eine unübersehbaren Familie aus Toten“). Womit natürlich das afrikanische Volk insgesamt gemeint ist. Im Gegensatz dazu stehen Cals Wahn- und Großmachtfantasien über spuckende Neger und die ungestörte koloniale Ausbeutung Afrikas. Das Ende, an dem Cal erschossen wird, bleibt diffus offen. So wie diese Geschichte eigentlich auch immer noch nicht auserzählt ist. Die Regie setzt hier auf eine Videoeinspielung aus Wes Cravens Horrorklassiker The Serpent and the Rainbow von 1988, der eigentlich in Haiti spielt. Die Folterszene mit Pill Pullman als ängstlichem pretty Whiteface scheint aber doch etwas bemüht. Insgesamt trumpft die Inszenierung mit vielen Showeffekten und furios agierenden Darstellern mächtig auf, wirkt aber mit knalliger Musik, etlichen Videoprojektionen und einer großen Leuchthyäne auch recht überladen. Weniger ist da oft mehr.




Postkartenmotiv zu Der Kampf des Negers und der Hunde (C) bat-Studiotheater



Bewertung:    


Stefan Bock - 3. Februar 2014
ID 7572
DAS BLAUE BLAUE MEER (bat-Studiotheater, 31.01.14)
Regie: Sarah Wenzinger
Bühne: Hannah Geldbach
Video: Diana Bauer
Dramaturgie: Hannes Oppermann
Musik: Paul Seidler und Jerome Huber
Regieassistenz: Nick Neddermeier
Ausstattungsassistenz: Navina Roline Patzschke
Es spielen: Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer
Uraufführung im Schauspiel Frankfurt war am 22. Januar 2010

DER KAMPF DES NEGERS UND DER HUNDE (s.o.)
Regie: Gordon Kämmerer
Bühne: Lena Schmid
Kostüme: Jana Wassong
Dramaturgie: Gerhild Steinbuch
Es spielen: Sylvana Schneider, Moritz Kienemann, Rouven Stöhr und
Max Thommes

Premiere war am 31. Januar 2014


Weitere Infos siehe auch: http://www.bat-berlin.de/


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de



  Anzeigen:











THEATER Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ARCHIV
Bühne

CASTORFOPERN

FREIE SZENE

INTERVIEWS

PREMIERENKRITIKEN

ROSINENPICKEN
Glossen von Andre Sokolowski

URAUFFÜHRUNGEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal



Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de