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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

30. Dezember 2006, Theater an der Parkaue (Berlin)

DIE VERWANDLUNG

nach der Erzählung von Franz Kafka

Denis Pöpping spielt den Käfer-Gregor Samsa - Foto (C) Christian Brachwitz



Zelle Familie

Strafen heißt der novelleske Zyklus von Franz Kafka - neben den Erzählungen Das Urteil / In der Strafkolonir ist Die Verwandlung Hauptbestandteil dessen. Kann es sein, dass "sie" in Schulen Lesestoff oder gar Pflichtlektüre ist? Seit Auslaufen des 70 Jahre währenden Urheberrechts von Kafka machen sich ja die Theater, ziemlich ungehemmt, über die Unstücktexte dieses Biederlinges her. Was nicht verwundern tut, denn es geschehen allermerkwürdigste Dinge, und das Meiste was sich vorher noch erlesen tat, führte doch nie und nimmer (allermeistens nicht) zu einer Lösung, einer Auflösung... zu einem rein verstandesmäßig nachvollziehbar'n Schluss. Für Kinder oder Jugendliche freilich ein gefund'nes Fressen. Ist ihr intelektuelles Aufsaugpotenzial doch in den Jahren ihrer Blüte gänzlich unverbaut mit früher Angelesenem, mit Möglichkeiten des Vergleichs zu Anderem. Dennoch - der Griff zum Märchenbuch oder zu irgendeinem Schinken aus der Sparte Fantasy verlockt vielleicht noch viel zu sehr, als dass ein Kafka-Stückchen "nebenher", rein zufällig, in ihre buchhaltenden Hände fiele. Das Bewusstsein freilich ist schon reichlich ausgeprägt. Auch die Bereitschaft, sich 'nem völlig unbekanntem Kosmos an Begebenheitern hinzugeben, sich mit ihm gar zu beschäftigen . . . Das Alles mag der Grund gewesen sein, weswegen das Theater an der Parkaue (das Kinder- und Jugendtheater des Landes Berlin) zu der Verwandlung griff.

Jedem kann sowas mal passieren: Du wachst morgens auf und bist ein Käfer.

Allerdings wird Gregor Samsa wohl der Erste dann gewesen sein, der diese Art Metamorphose bis zum bösen Ende durcherlebte. Handelsreisender (wie Kafka?) von Beruf, bei seinen Eltern und der Schwester wohnend, ab und zu Laubsägearbeiten verrichtend als das einzige "Zerstreuungswerk" in seinem kümmerlichen Dasein - ist er seiner morgendlichen Glieder (die zu Gliedern eines ungeheuerlichen Großinsekts verkommen sind) kaum mächtig, sich von seinem Nachtlager aus eignen Kräften zu erheben. Alles Fortbewegen will und muss mit einem Schlag geändert, umgelernt und todesmutig ausprobiert sein. Vater, Mutter, Grete und die Hausputze entdecken das Dilemma. Schockzustände machen sich im ganzen Hause breit. Man ist sich seiner eignen Sinne nicht mehr sicher. Was ist los? was war passiert?? wie soll das Alles enden???



Gregor Samsa will zum Dienst, aber die Glieder wollen ihm versagen... - Foto (C) Christian Brachwitz



Gregor Samsa müsste eigentlich schon lange auf der Dienststelle gewesen sein. Der Prokurist, sein Arbeitgeber, kommt auf einen Sprung vorbei. Vermutet, dass mit dem Kollegen irgendwas nicht stimmt, der ist doch nie zu spät gekommen. Konfrontiert mit der Verwandtschaft, wird ihm plötzlich klar, dass etwas gänzlich Aussichtsloses hier vonstatten ging. Familie Samsa - von den Lohneinkünften ihres Sprösslings seit Jahrzehnten lebend - ist in ihrer wirtschaftlichen Daseinsform mit einem Schlag bedroht. Realitätssinn macht sich breit: Null Hoffnungen auf eine Rückverwandlung. Dieses Tier entwickelt sich zu fluchgewordnem Unrat. Und Entsorgungsvarianten werden diskutant behandelt und letztendlich ohne jedes Wenn und Aber ausprobiert.

Als Bühne dient Fred Pommerehn eine quadratische Vertiefung (Gregors Zimmer), welche baugerüstig ein-/umschlossen wurde, an den Eisenstangen lehnen Bretterleisten mit Tapetenmustern, diese werden wechselseitig hin- und hergestellt, durch sie erschaffen sich die Darstellenden An- und Ausguckmöglichkeiten. Carlos Manuel legt die Geschichte insgesamt als Zellen-/Zellereignis an. Familienhaftes wird zur Einsperrung. Es gibt kaum Fluchtgelegenheiten. Überall sind diese Bretterleisten. Jedesmal, wenn man sich fortbewegen möchte, stößt man irgendwie ans Holz. Ja und man möchte sich dann freilich - ganz in Anbetracht des Horrorkindes - fort- um nicht zu sagen wegbewegen. Turbulenzen, Hektik, Panik machen sich allmählich breit und breiter.

Denis Pöpping spricht und spielt einen mit seinem Schicksal auf das Leichteste Verhafteten. Seine Bewegungen sind außerordentlich agil, die Artikulationen "freundlich" und präzise. Dass es sich bei all dem Humbug um 'nen weißgott tragisch anmutlichen Vorfall handeln sollte, ist bei ihm (und sehr bewusst) nicht angekommen. Die Verwandlung hat für ihn vor allem auch pussierliche Momente. Neu erfahren werden beispielsweise seine jeweiligen "Zugehörigkeiten" zu den einzelnen Familienmitgliedern; die einprägsamsten Szenen dieser schönen Inszenierung überhaupt:



Die Schwester bringt dem Bruder was zu Essen. Szene aus Kafkas VERWANDLUNG im Theater an der Parkaue Berlin - Foto (C) Christian Brachwitz



Wenn beispielsweise Danielle Schneider (als die Schwester) an die hundert rohe Hühnereier vor ihm aufschlägt und das Eigelb Denis so zu Trinken gibt; der schlürft im Ernst das Zeug auch runter.
Oder wenn Franziska Ritter (als die Mutter) ihrem Sohn ein letztes Kinderbad bereitet. Wie sie ihn mit ihrem Schwamm bearbeitet, zwischen die Glieder fährt, das hat schon fast erotische Momente.
Helmut Geffke (als der Vater) hat den stärksten Auftritt während seiner Apfelwurf-Attacke. Es entpuppt ihn eigentlich als: Kafkas Mörder.


Andre Sokolowski - 2. Januar 2007
ID 2890
DIE VERWANDLUNG (Theater an der Parkaue, 30.12.2006)
Regie: Carlos Manuel
Bühne: Fred Pommerehn
Kostüme: Constanze Zimmermann
Es spielen: Helmut Geffke (Vater), Elisabeth Heckel (Dienstmädchen / Bedienerin), Denis Pöpping (Gregor Samsa), Franziska Ritter (Mutter), Danielle Schneider (Grete, Gregors Schwester), Hans-Henning Stober (Prokurist)
Premiere im Theater an der Parkaue am 30. Dezember 2006
Weitere Termine: 15. + 17. 1. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.parkaue.de





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