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Feuilleton


a.tonal.theater / Studiobühne Köln

Die Trauerwütigen

Franz Xaver Kroetz

Uraufführung

Koproduktion mit FREIHANDELSZONE - ensemblenetzwerk köln und dem theaterimballsaal, Bonn

Rebellion im Adlerhorst. Der Oberadler soll eine Rede zur Eröffnung des Holocaust-Mahnmals in Berlin schreiben, aber anstatt ihn dabei zu unterstützen, führen die anderen fünf Adler unablässig andere Problemherde mit einer Unzahl von Toten an: die Hungertoten, die Neger, die Zigeuner, die Kulimu. Ein weiblicher Adler hört andauernd ein Pfeifen im Ohr und überlegt, was die Homöopathie bietet, um dem Ärgernis zu begegnen. Die Gattin des Redenschreibers ist unterdessen mit dem Problem beschäftigt, was sie bei der Eröffnung des Mahnmals denn am besten tragen solle. Die Jungadler betätigen sich als Netzbeschmutzer und kritzeln mal eben Auschwitz auf ihr Nest und „Haha“.
Kroetz’ Text, den das a.tonal.theater bereits Ende Oktober 2006 in der Studiobühne Köln uraufgeführt hat, ist herrlich politisch unkorrekt. Der Adler, der die Rede halten soll, beharrt auf der Einzigartigkeit der 6 Millionen ermordeten Juden, während seine Gefährten andere Tote zu ihrem Recht kommen lassen wollen. Böse wird es, wenn der Oberadler ausführt, man dürfe die Zahl der ermordeten Juden auf keinen Fall reduzieren, ansonsten müssen man mit einer Bestrafung durch den Staat rechnen. Oder wenn die Zahl der Kühe, die abgeschlachtet werden sollen, um die Preise stabil zu halten, gegen die Hungertoten aufgerechnet werden. Zwischendurch ist immer mal wieder ein „Kölle alaaf“ von den Jungadlern zu hören, das alle vorher gemachten Aussagen einfach wegwischt.
Die Bühne ist ein abgezirkeltes schräges Viereck, in dem sich auf unterschiedlichen Höhen fünf Stühle befinden, von denen der höchste den Abend über unbesetzt bleibt. Die Stühle sind über Hühnerleitern erreichbar und durch quergelegte Hühnerleitern miteinander verbunden. Auf diesen Stühlen sitzen die Schauspieler wie angebunden, tragen Adlerköpfe, gelbe Gummistiefel, schwarze Hosen und ein sportlich anmutendes Oberteil in Schwarz – mit Bundesadler auf der Brust. Diese Farbkombination des Kostüms wird durch die roten Steile, die von der Decke herunterhängen und die die Ecken des Vierecks markieren, ideal ergänzt: Zusammen sind es die Farben der deutschen Nationalfahne. Perfekt für einen Abend, der vom a.tonal.theater als zweiter Teil einer deutschen Trilogie konzipiert ist. Begonnen hatte man diese Trilogie 2005 mit Marc Beckers Fußballstück „Wir im Finale – ein deutsches Requiem“.
Regisseur Jörg Fürst hat den Adler neben aller Diskursfähigkeit auch tierische Eigenschaften mitgegeben. Bei jeder Gelegenheit scheißen sie auf den Boden – was zur Folge hat, dass ihr Gehege und ihre Köpfe sehr verdreckt aussehen. Zudem hacken sie zwischendurch immer wieder mit ihren Schnäbeln aufeinander ein, so dass die Gerüstkonstruktion heftig wackelt. Zwischen den Diskussionen schaltet Fürst eine stumme Choreographie zu Musik ein. Zu einem Song erproben die Adler verschiedene Stellungen. Mit dieser Passage ohne gesprochenen Text eröffnet Fürst auch seine Inszenierung: Black, Licht, neue Stellung, Black. Diese reinen Körper- und Musikeinlagen tun auch bitter not, da es extrem viel Konzentration erfordert, den Diskussionen der Adler zu folgen. Und Kroetz’ Text ist gelegentlich sehr weitschweifig. Zudem lockert Fürst den Diskurs der Adler mit Geräuscheffekten auf: Das Scheißen erhält einen Klang, und immer wieder ist – gekoppelt mit wechselnden Scheinwerfern – das Muhen eines Kalbs zu hören. Das steht schließlich auch leibhaftig auf der Bühne – in Person einer Schauspielerin mit einem liebevoll gestalteten Kopf eines Kälbchens aus Pappmache.
Andere Momente der Inszenierung wiederum verstärken das assoziativ-diskursive Potenzial des Textes: Rechts neben dem Vogelgehege werden den ganzen Abend über in Leuchtschrift die Zahlen der Hungertoten, Namen von Modelabels, KZ-Namen und auch Börsenkurse in einer scheinbar wahllosen Reihenfolge eingeblendet. Auf einer Videoleinwand im Bühnenhintergrund sind in der zweiten Hälfte der Inszenierung Bilder von totem Vieh und brennenden Feldern zu sehen. Diese laufen glücklicherweise eher als Hintergrund mit, als allzu plakativ vom Geschehen im Vordergrund abzulenken.

Am Ende des knapp 65 Minuten langen Abends findet sich eine Lösung für das Problem des Oberadlers, die passenden Worte zur Eröffnung des Holocaust-Mahnmals und damit für ein Menschheitsverbrechen zu finden. Und diese Lösung ist ebenso einfach wie beeindruckend: einfach bis 6 Millionen zählen. Selbst, wenn die Redezeit nicht ausreiche, um bis zu dieser Zahl zu kommen, so werde man mit der Zahl, bis zu der man dann kommt, schon irgendetwas aussagen: die Anzahl der Hungertoten, der toten Neger etc. Und dann fangen die Schauspieler einfach an zu zählen, bis das Licht verlöscht. Lebhafter Beifall nach einem anregenden, konzentrierten und nicht unanstregenden Theaterabend.


Karoline Bendig - red / 4. Janaur 2007
ID 00000002894
Die Trauerwütigen

Eine Produktion von a.tonal.theater in Kooperation mit Freihandelszone – ensemblenetzwerk köln, Studiobühne Köln und dem theaterimballsaal Bonn

Mit Azizè Flittner, Katharina Gast, Kerstin Thielemann, Sabine Hahn, Christof Hemming, Johann Krummenacher
Inszenierung: Jörg Fürst
Musik/Samples: Markus Berger
field recordings/Soundlandschaft: Joseph Suchy
Bühne/Kostüme: Christina Wachendorff, Jana Denhoven, Monika Odenthal

Vorstellungen vom 25. bis zum 28. Januar 2007 in der Studiobühne Köln.

Weitere Infos siehe auch: http://www.studiobuehne-koeln.de/





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