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Feuilleton


26. September 2006, HAU 2 Berlin

DEADSET # 2

von Caden Manson mit der Big Art Group (New York)


DEAD SET # 2 - Foto (C) Caden Manson



Der schöne Traum vom schönen Garten Eden

'ne Geschichte so wie sie nicht schlichter ausgedacht oder gar nacherzählt sein könnte:

Irgendwie durchs Surfen oder Chatten lernt ein Kerl 'nen andern kennen. Beide sind sie schwul. Die Web-Plattform ist irgendwas mit Gay oder so ähnlich. Hin und her, wahrscheinlich schon seit Wochen oder Monaten. Dann macht es Klick, und einer gibt sich selbst oder dem andern einen Ruck und... man verabredet sich, trifft sich LIVE.
Weitab der Stadt liegt dann das ruhige Reich des Einen, wohin dieser dann den Andern quasi "zu sich" lädt. Es ist die Wohnung oder gar das Haus von seiner Mutter; jene lebt nicht mehr. Man trifft sich also richtig LIVE, und zwar konkret in Mutter's Küche. Diese ist auf drei sehr großflächige Flachbildschirme videomäßig eingefangen; durch das Küchenfenster (auf dem Mittelbildschirm) kann man in den Garten, wo die Blätter an den Bäumen zippelnd zappeln, sehen. Rechts und links dann (auf den Seitenbildschirmen) jeweils ein Küchenanbauteil.
Die sich begegnet habenden zwei Kerle sind mithin multipliziert. D. h. je zwei sind plötzlich in der Mutterküche da. Die ersten beiden spielen Gastgeber; man fragt ob Kaffee oder Tee... Die andern beiden sind die Gäste; und sie wissen in der Aufregung nicht mehr, was sie wohl immer lieber tranken: Kaffee oder Tee. Beklommensein und Wortestottern, Händeschwitzen, Herzklopfen... Symptome einer Erstbegegnung mit gezielter Absicht; Sympathiebekundungen und Sexverlangen - wer kennt sowas nicht von sich!
Man redet viel, man redet laut, man redet lauter dummes Zeug.

Dann gehen alle in den mütterlichen Garten:

Dieser wird auf die drei Videowände schlicht und einfach durch bewegtes Blätterwerk von Bäumen oder Büschen dargestellt.

Aus vier Begegnenden sind zwischenzeitlich sechs geworden.

Zwei beginnen sich, fast unauffällig, auszuziehen. Stellen sich vors Blätterwerk. Sie werden durch herbeigetragne Scheinwerfer, meist seitlich, angestrahlt und gleichzeitig von allen andern sich begegnet Habenden - diese jetzt auch ganz nackt - gefilmt und wiederum vereinzelt in das Blätterwerk als Abgebildete re-integriert. Das Alles auch im Tausch... im Partnertausch. Ein Wechselspiel, ein Irrgeleit, eine Verballhornung der nicht für möglich mehr gehaltnen eignen Wahrnehmung: Irritationen für die Augen, für'n Verstand; was ist hier los? was wird hier nur mit wem warum gespielt??



Szene aus DEADSET # 2, wo rosa Nebel nicht allein der psychisch arg gebeutelten US-Amerikaner (11. 9.) wegen durch den Weltraum wallen - Foto (C) Jemma Nelson


Auf jeden Fall: Es ist sehr schön, das Alles so dann anzusehen: Kopf und Leib und Haut und Haar und Arme, Schultern, Leistengegend, Penis, Venushügel.

Vor dem Ausflug in das Paradies - es ist ja eindeutig das videofil herbeigezauberte Unendlichreich des Garten Eden - ging es ziemlich laut und hektisch in DEAD SET # 2 von Caden Manson und der Big Art Group/New York dann zu. Eine Performance, die ganz eindeutig und aktuell mit den verfolgungswahnhaften Befindlichkeiten eines Großteils der Bevölkerung der USA (Stich-/Schlagwort: Öl) herumjongliert: holzhammermäßig, extra stark und extra laut und extra penetrant... gar keine Frage; nein, das hätte uns dann so nicht ausdrücklich noch über'n Teich durch das Gehirn gepustet werden brauchen...

Ganz am Schluss: Die Leute aus dem Garten Eden holen eine dünne schwarze Folie - diese Folie bläst sich übergroß und raumerfüllend auf - - sie steht wie eine alles platt machende Riesenwand (Tsunami-Welle!) plötzlich da - - - das Spiel ist aus; auch die Akteure nehmen ihren Schlussapplaus nicht mehr, schon gar nicht LIVE, entgegen.

Konsequent, beeindruckend!!


Andre Sokolowski - red / 27. September 2006
ID 2690
www.andre-sokolowski.de


DEAD SET # 2
(in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln)

Regie/Videoinstallation: Caden Manson
Dramaturgie/Sound: Jemma Nelson
Regieassistenz/Produktionsleitung: Linsey Bostwick
Video: Caden Manson, Rob Roth, Charles Carcopino
Musik: Jemma Nelson, David Commander
MODEDCOS>100: Petr "Krusha" Kruselnicky
Textanimation: Rob Roth

Darsteller:
Valerie Bernatet
Rebecca Sumner Burgos
David Commander
Assaf Hochman
Mikeah Ernest Jennings
Petr "Krusha" Kruselnicky
Silvana Suarez Cedeno

Produced by Big Art Group and Diane White

Premiere am 26. September 2006

Nächste Vorstellungen: 29., 30. 9. und 5. - 7. 10. 2006

Weitere Infos siehe auch: http://www.hebbel-am-ufer.de






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