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8. Januar 2008, Schaubühne Berlin

DAS LETZTE BAND von Samuel Beckett

Mit Josef Bierbichler

Regie und Raum:
B. K. Tragelehn

Josef Bierbichler



Rückschau auf die Rückschau auf die Rückschau

Josef Bierbichler, ein Inbegriff für bayerische Frohnatur - und ich weiß selbst nicht, was das ist, bin nicht von da, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass er's nich als Beleidigung empfinden würde, wenn er das jetzt liest - , ist diesen Abend Krapp.

Krapp (69) hat einen skurrilen Tick; wie alle Stückfiguren Becketts. Jedes Jahr, wenn er Geburtstag hat, textet er einen Monolog auf Band, beschriftet es und archiviert's. Das macht er schon seit Ewigkeiten so; es ist nicht klar, seit wann konkret. Wahrscheinlich seit er so skurril geworden war. Ein Alkoholiker, natürlich auch; vielleicht ist das einer der Gründe; aber warum trinkt er? und seit wann?? kommt auch nicht eindeutig heraus.
Also: Bevor er dieses Mal, an seinem 69. Geburtstag, seinen Rückbesinnungstext auf das verflossne Lebensjahr verbal in Angriff nimmt - natürlich setzt er mehrmals mit dem Sprechen an - , ist ihm nach Abhören eines der letzten Bänder ganz spontan (?) zumute. Und er greift sich zufällig (nicht zufällg!) dasjenige, das er vor 30 Jahren, als er 39 war, besprochen hat. Er spult es ab.

Und wir erfahren, dass dem Krapp (39) vor weiteren zwölf Jahren seine einzige und wahre und mit nichts vergleichbare und unvergessne Liebe widerfuhr.

So ungefähr: Krapp (27) trieb mit ihr in einem Boot. Nahe der Mole. In das Schilf. Ihm fiel ein Kratzer auf, den sie am Oberschenkel hatte; vom Stachelbeerpflücken, meinte sie. Sie hieß Bianca, und er sah sie. Ihre Augen. Sagte, dass es hoffnungslos, verfehlt wäre, weiter zu machen; und sie widersprach ihm nicht. Er dachte an die Augen... und sie würden sich vor ihm nie wieder schließen, bis zu seinem Tode nicht.

Gelebtes Leben.

Liebesaugenblick.

* * *




Bierbichler hat das schöne Beckett-Stück mit B. K. Tragelehn erarbeitet.

Sie brauchen mindestens 'ne halbe Stunde, ehe Krapp zum Monologisieren kommt.
Sepp B. trägt nach und nach die technischen Gerätschaften auf das Podest, einer erhöhten kleinen Bretterbühne inkl. Hozschreibtisch und Drehsessel. Statt der von Beckett vorgeschriebnen Bänder-Spulen werden Videokassetten und ein Videorekorder und ein Monitor und eine Videokamera bemüht. Das hat den Vor- und Nachteil, dass man jetzt, als Zuschauer, mit einem jugendlich getrimmten Krapp (und Bierbichler) beeinflussender Weise konfrontiert ist. Vorteil, weil man so die gute Maske und das fulminante "altersdivergente" Minenspiel des Jungen mitkriegt. Nachteil, weil es einem optisch vorgesetzt wird; und obgleich dem Beckett lediglich an einem Rekapitulieren seines Alten - welcher seiner eignen Stimme von vor 30 Jahren lauscht - gelegen war.

Aber es funktioniert am Ende doch.


Samuel Beckett


Egal wie man das Stück in Szene setzte: Wird an seinem Text nicht besserwisserisch herumgewerkelt und gefälscht, könnte wer spielen und agieren, was und wie er wollte, weil: Der Text an sich hat eine vollkommene Eigenkraft. Das wissen scheinbar alle, die ihn jemals von sich gaben.


Andre Sokolowski - red / 16. Januar 2008
ID 00000003653
www.andre-sokolowski.de



"DAS LETZTE BAND"
von Samuel Beckett
Deutsch von Erika und Elmar Tophoven

Krapp ......... Josef Bierbichler

Regie und Raum .......... B. K. Tragelehn

Kostüme: Nina Gundlach
Maske: Julia Lechner
Ton / Video: Michael Handschuh
Licht: Markus Thiering
Inspizient: Frank Mencke

Berliner Premiere war am 3. Dezember 2007
an der Schaubühne am Lehniner Platz

Eine Produktion der Stiftung Schloss Neuhardenberg

Weitere Infos siehe auch: http://www.schlossneuhardenberg.de





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