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21. März 2007, Bayerische Staatsoper München (Nationaltheater)

CHOWANSCHTSCHINA

von Mussorgsky (Schostakowitsch/Strawinsky)


Doris Soffel sieht zu gut aus, um in ihrer großen Rolle (Marfa) auch noch stimmlich zu brillieren... - Foto (C) Bayerische Staatsoper



Marathon-Mussorgski

Jetzt lasst uns, in sehr ungebürlicher Verkürzung, just zu drei mal drei erwähnenswerten Namen im Zusammenhang mit der CHOWANSCHTSCHINA (zu deutsch: "Die Sache Chowansky" oder so), die aktuell am Nationaltheater München in den Spielplan eingewuchtet wurde, nach und nach gelangen:
Mussorgski, Schostakowitsch und Strawinsky: Diese drei sind als die Hauptverursacher eines der unerklärlich-ungeheuerlichsten Opernwerke Russlands zu benennen. Von Mussorgski (BORIS GONUNOW-Erzeuger sowie brotarbeitend vollbeschäftigter Ex-Staatsdiener im Petersburg der Zarenzeit, auch erblich-epileptisch vorbelasteter Demenzanfälliger will sagen Alkoholiker) stammte die stofflich fragwürdige Vorlage des Stücks an sich sowie ein fix und fertiger Klavierauszug des Ganzen, sehr viel mehr wohl nicht. Von Schostakowitsch ("Leningrader Sinfonie") wurde im Nachhinein eine Gesamtinstrumentierung dieser quasi ungeschriebnen Oper zugelegt. Und von Strawinsky ("Feuervogel") gibt es, obendrauf und außerdem, die Neu- und Überhaupt-erst-Fassung des Finales resp. 5. Akt. Alles in Allem kann man, muss man aber nicht so bringen! Weil: Es gäbe dann noch einen vierten Namen, Rimski-Korsakow, der die CHOWANSCHTSCHINA betrifft. Von ihm ist nämlich die als klassisch zu bezeichnende Haupt- oder Vollbearbeitung aller Mussorgski-Puzzles, und in dieser Fassung wird sie herkömmlicher Weise aufgeführt. Für München allerdings entschied man sich, zurecht, für jene trioskurische Variante.


Man sieht es: In der Tiefgarage Tcherniakovs (Inszenierung, Bühne und Kostüme) geht es ganz schön rund, diese Strelitzen sind ja völlig außer Rand und Band - Foto (C) Bayerische Staatsoper

Dmitri Tcherniakov (Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme) lassen wir auch gleich in dreifacher Bedeutung hier an dieser Stelle gelten: Hatte er bereits an der Berliner Staatsoper für seinen BORIS (vor zwei Jahren erst herausgekommen, musikalisch einstudiert und dirigiert von Daniel Barenboim!) die nur erdenklich wildesten Modernitäten über Russlands Zarendrama Nr. 1 gestülpt - sein BORIS spielt in einer zukunftsnahen Zivilisationsmüllära, und es findet schon mal schnell ein Bombenattentat im einzig bloß noch museal genutzten basilisken Kirchenraume statt - , so hält er sich jetzt in der Münchener CHOWANSCHTSCHINA erst gar nicht groß beim Einbedeuten irgendwelcher Jahreszahlen auf. Hier zählen nur noch Stunden und Minuten. Die Struktur des komplizierten Stückes wird von ihm mit Hilfe digitaler Leuchtschriften vereinfachend erzeugt, da geht es Bild für Bild (08:00, 09:00, 09:30, 11:00 usw. usf.) voran. Erzählt wird uns hierdurch eine Geschichte, die sich täglich, überall und doch dann wieder "nirgendwo" so findet oder fand... Der Bühnenbau genial! Hauptspielplatz ist so eine Art von Tiefgarage, aus zwei Richtungen trifft sich die Fahrspur in der Mitte. Über diesem Untergrund zwei Guckkästen; im einen pantomimisiert der jungenhaft sein sollende Peter der Große, und im andern dessen Stiefschwester und Interimsregentin Zofia; rechts und links der Tiefgarage noch die Räume und Behausungen der Hauptprotagonisten aus dem Stück: Iwan Chowansky und Wassilij Golizyn. Mord und Totschlag finden statt. Das Volk ist aufgespalten in zwei Blöcke: Altgläubige und Strelitzen. Ein Block zählt zum einen, und der andere zum anderen Protagonisten. Politik und Glaube, darum gehts.


Fünf Guckkästen bestimmen das geniale Bühnenbild Dmitri Tcherniakovs in CHOWANSCHTSCHINA am Münchner Nationaltheater - Foto (C) Bayerische Staatsoper


Nagano, Soffel, Chor und Extrachor der Bayerischen Staatsoper: Nach DAS GEHEGE/SALOME ist Bayerns neuem Generalmusikdirektor nun zum zweiten Mal bereits eine nicht hoch genug zu huldigende Einstudierung eines wieder nicht gerade hausbacken oder alltäglich zu benennenden Projekts gelungen! Vier, fünf Stunden geht der Abend, und die Atmosphäre steigert sich nach hinten und zum Schluss!! Was Kent Nagano aus dem Graben des im Nationaltheater München ansässigen Bayerischen Staatsorchesters holt und zaubert, sucht wohl derzeit seines Gleichen. Die Besetzung der CHOWANSCHTSCHINA durchgehend exzellent, man müsste alle nennen. Eine Ausnahme, betrüblich zu erwähnen: Doris Soffel, die wohl mehr als deutschrussige Handtaschenvertreterin in Moskau ihre Dienste hätte preisen sollen oder wollen, kann in ihrer großen Frauenrolle (Marfa) weder von der Darstellung noch ihres sehr bedenklich eingebrachten Stimmumfanges her das Adäquate zu der kollegialen Heerschar an Solisten und Choristen leisten. Apropos - und damit wären wir beim letzten Namen -: Die von Andrés Máspero betreuten Chöre sind die "Hauptperson"! Ganz unvergesslich, wie sie ihren von Strawinsky komplettierten Psalm im Fünften Akt zu Ohr und Herzen brachten.

Eine Sensation.


Andre Sokolowski - red / 24. März 2007
ID 3090
www.andre-sokolowski.de



CHOWANSCHTSCHINA
von Mussorgsky


Musikalische Leitung: Kent Nagano
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Dmitri Tcherniakov
Besetzung: Paata Burchuladze (Iwan Chowansky), Klaus Florian Vogt (Iwan Andrej Chowansky), John Daszak (Wassilij Golizyn), Valery Alexejev (Bojar Schaklowity), Anatoli Kotscherga (Dossifej), Doris Soffel (Marfa), Helena Jungwirth / Lana Kos / Anaïk Morel
(Altgläubige), Ulrich Reß (Schreiber), Camilla Nylund (Emma), Kevin Conners (Kuska Strelitze) u. a.
Bayerisches Staatsorchester
Chor der Bayerischen Staatsoper
(Choreinstudierung: Andrés Máspero)

Premiere am Nationaltheater München war am 18. März 2007

Nächste Vorstellungen: 25., 28., 31. 3. sowie 10., 14. 7. 2007

Weitere Infos unter http://www.bayerische-staatsoper.de



BORIS GODUNOW
von Mussorgsky

Musikalische Leitung: Daniel Barenboim
Inszenierung und Bühnenbild: Dmitri Tcherniakov
Kostüme: Mariya Danilova
Besetzung: René Pape (Boris Godunow), Sylvia Schwartz (Xenia), Rosemarie Lang
(Xenias Amme | Schankwirtin), Stephan Rügamer (Fürst Wassili Iwanowitsch Schuiskij),
Alfredo Daza (Andrej Schtschelkalow), Alexander Vinogradov (Pimen), Burkhard Fritz
(Grigorij), Maxim Mikhailov (Warlaam), Peter Menzel (Missail), Florian Hoffmann
(Gottesnarr) u. a.
Chor der Deutschen Staatsoper Berlin
(Choreinstudierung: Eberhard Friedrich)
Staatskapelle Berlin

Premiere an der Deutschen Staatsoper Berlin war am 11. Dezember 2005

Letzte (und von uns besuchte) Vorstellung in dieser Spielzeit: 22. 3. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de





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