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nachDRUCK # 6

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Premierenkritik

Wirres Mutterleiden szenisch

in den Griff gekriegt

DER TRAUMGÖRGE an der Deutschen Oper Berlin

Die Sensation ist perfekt:

Zemlinskys fasthin ungespielte Oper übern und vom Traumgörge hat durch das Macherteam um Schloemer (Inszenierung), Kilian (Ausstattung) sowie Lacombe (als Dirigent) 'ne wurfgeschossartig auf die in dieser Spielzeit so lala und leidelichst geschundnen Bretter der Deutschen Oper Berlin gebrachte Produktion gefunden. Nein, wer hätte das nach alledem - denn wir erinnern uns nicht gern an das zumeist Verbratzelte dieser zurückliegenden Pech-Saison - gedacht?! Das muss man sich mal vorstellen:

Der Traumgörge des Alexander von Zemlinsky - keine Sau kannte das Werk bisher. In den geläufigen Annalen findet man's erst in den Siebzigern zur bloßen Kenntnisnahme aufgestellt. Und ganze 75 Jahre nach der eigentlichen Fertigstellung (40 Jahre nach Zemlinskys Tod) fand dessen Uraufführung am Musiktheater Nürnberg statt; Zemlinsky selber hatte überhaupt kein Glück mit ihm, und wie das Leben halt so spielt: erst war's ein Auftragswerk der Wiener Oper, Gustav Mahler war zu dieser Zeit ihr Chef, ja und dann gab's 'nen Postenwechsel, Mahler war aus Wien gegangen, und Zemlinskys Oper hing für alle Zeit und ewig in der Luft ... Und ausgerechnet dieses Ding suchte sich nun die Deutsche Oper - gar nicht ahnen könnend, welche musikalisch-szenerische Umsetzung und insgesamte Resonanz es finden könnte - zum Saisonschluss raus.

Ein irriglich sich gebender Fanfarenruf!

Eine Genie- und Glücksfete in jeder Art!!

(Ganz nebenbei zu sagen, dass Der Traumgörge ein dramaturgisch-librettistisch mehr noch als beklagenswert sich offenbarender Zusammenprall von so noch nie gelesnem Schwachsinn ist; doch scheißegal.)

Ein Außenseiter wird verhandelt. Er heißt Görge. Träumt den lieben langen Tag wie'n Buch. Befindet sich auf einem Dauerstippvisitentripp ins Märchenland. Faselt von Kater Murr, Schneewittchen und Dornröschen oder anderem Prinzessinnengesindel; ziemlich abgehoben so im Ganzen. Leidet furchtbar unterm schrecklichsten Verlust, der einem Mann passieren kann: dem Nichtmehrdasein seiner Mutter. Sucht und hofft "Ersatz" zu finden, Schwester oder Weib an sich, wir wissen's nicht, wir ahnen aber - Görge ist zum Künstlertümchen auserkoren, aber - - Görge wird kein Künstler, keine Ambitionen, irgendwie null Bock darauf - - - ein dröges Traumbuch halt, mehr nicht ... / Der Rahmen und die Folgehandlung sind das Allergrauenhafteste was ich bisher in einem Stücktext las; nicht nacherzählbar, würde ganz bestimmt kein Schwanz verstehen!

Was nun Schloemer aus dem ganzen Breiquark macht: DAS ist die wahre Sensation. Bildertheater einer völlig neuen Art? Die Überkanzelungen von Bedeutung auf sterileste Bedeutungslosigkeit!

Das Ganze spielt sich heute ab. Per Rolltreppen gelangt man in den unterirdischen Geschossbereich von einem überhaupt nicht näher definierten Zentrum (kann ein U-Bahn-Schacht, kann auch ein hochmoderner Laden sein). Drei Zeitsprünge sind gänzlich "nebenbei" zu überwinden. Drei mal lässt uns Schloemer jeweils einen andern Görge dann als vorher sehen: großes gutes Jungelchen, verprügelter und abgefuckter Weltenbummler, weißer Rabe. Seine mit/gegen ihn spielende Neben- und Umwelt in nicht unähnlichen Zeit-Verschnitten; der wohl einprägendste und das Hammerbild der ganzen Aufführung schlechthin:

Görge und Gertraud machen Picknick mit viel gleich aussehenden und putzig kostümierten Eltern nebstlich Elternkindern. Man lauscht lauschigen Geschichten aus dem großen Görge-Traumbuch. / Schnitt und Vorhang. / / Selber Szenenort, nur: Alle liegen leblos da; was war die Zwischenweile so passiert, das große Abendrätsel in der Bismarckstraße:

Ich tipp ja auf eine illegale Ausstreuung von unsichtbarem Schlafsand; das Dornröschenreichsyndrom. Aber es hätte auch nach dem Passieren eines irgendwie gearteten Massakers, und obgleich kein Tropfen Blut zu sehen war, so oder ähnlich ausseh'n können. Grundaussage jedenfalls war, ist und bleibt: Als Traumbuch siehst du halt das meiste völlig anders als der Rest der Welt, und um sich her könnte geschehn was will - das kriegtest du am Schluss mitnichten mit; wohl dem der so was kann!

Die Reaktion des anspruchsvollen und sehr diffizil auf Sinn & Form geeichten (nicht nur) Westberliner Publikums: Frenetik pur.

Wie gut und schön das Allen endlich tat.

Andre Sokolowski - 29. Mai 2007
ID 3258
DER TRAUMGÖRGE (Deutsche Oper Berlin, 27.05.2007)
Musikalische Leitung: Jacques Lacombe
Inszenierung: Joachim Schloemer
Ausstattung: Jens Kilian
Besetzung: Steve Davislim (Görge), Fionnuala McCarthy (Grete), Tiziano Bracci (Müller), Hyung-Wook Lee (Pastor), Markus Brück (Hans), Manuela Uhl (Prinzessin: stimmlich / Gertraud), Senta Aue (Traumstimme), Paul Kaufmann (Züngl), Lenus Carlson (Kaspar), Hyuntae Kim (Mathes), Jacquelin Wagner (Marei), Stephanie Weiss (Wirtin), Jörg Schörner (Wirt), Heiner Boßmeyer (Bauer), Lou Ulla Brunk (Prinzessin: szenisch) u. v. a.
Statisterie der Deutschen Oper Berlin
Chor der Deutschen Oper Berlin
(Choreinstudierung: Ulrich Paetzholdt)
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Premiere an der Deutschen Oper Berlin am 27. Mai 2007
Nächste Vorstellungen: 31. 5. / 4., 12., 16. 6. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutscheoperberlin.de




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