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Begegnungen und Querverweise

25. November 2013 | Berliner Brecht-Haus

Akrobat der Affekte - Müller & Mühe & Shakespeare

An einem MÜLLERMONTAG im Berliner Brechthaus - notiert nach Notizen und Einspielungen von Alexander Weigel und Stephan Suschke


Hinter Texten: Heiner Müller (1929-1995) | Bildquelle http://www.heinermueller.de



Mühe erinnert sich an Müller: „Ich habe ihn an einem Morgen in seiner Wohnung abgeholt. Er hatte verschlafen, weil es am Abend vorher spät geworden war, ich wollte ihm einen Kaffee machen. Aber er hatte keinen Kaffee im Haus. Er hatte eigentlich gar nichts im Haus. Irgendwo in dieser leeren Küche habe ich dann noch einen Teebeutel gefunden.“

Heiner Müller sieht Ulrich Mühe zum ersten Mal 1981 im Chemnitzer Stadttheater. Mühe spielt Sasportas, die Rede ist vom Auftrag. „Die Sklaverei hat viele Gesichter, ihr letztes haben wir noch nicht gesehn. ... Vielleicht war, was wir für das Morgenrot der Freiheit hielten, nur die Maske einer neuen, schrecklicheren Sklaverei. ... Was du heute nicht verrätst, wird dich morgen töten. ... Aus der Bastille in die Conciergerie, der Befreier wird zum Gefängniswärter.“

Müller holt Mühe an die Volksbühne, er stellt ihm das beste Zeugnis aus. Mühe sei „ein Akrobat (auch) der Affekte“ – „der einzige Schauspieler, dessen Intelligenz den Körper nicht behindert“. Mühe zeichnet sein Bild von Müller: „Schwach und verletzlich“ erscheint er ihm, sobald die Gemeinde sich verlaufen hat. „Müller konnte nicht gut allein sein.“

Mühe spielt in Macbeth, Müllers Sprachempfindlichkeit ist für den Schauspieler eine Offenbarung. Er lernt die Trennung von Sprache und Vortrag.

Da ist Müllers Angst vor dem Theater. Er ist kein Dompteur und weiß nichts besser. Heiner Goebbels beobachtet „eine Entmilitarisierung der Sprache“ in Müllers Modulation.

Im Fin de siècle der DDR gewährt das Theater die größte geistige Beweglichkeit im öffentlichen Raum. Müller sieht seine Hauptarbeit „in der Vernichtung von Interpretationen“.

Ab 1983 gehört Mühe zum Ensemble des Deutschen Theaters. Müller verbindet mit dem Haus „eine eher traurige Geschichte“. Ende der Achtziger hält der Dramatiker Lohndrücker für sein aktuellstes Stück. Er muss es selbst inszenieren. Mühe spielt mit, er hat die zukunftsfähigste Rolle als Saboteur und „Küchenschabe“ Stettiner. Man sieht Mühe beim Moonwalk im Schlafanzug. Er formt den Hitlergruß um zur pathetischen Faust der Rotfrontkämpfer. Die Verwandlung sieht aus wie ein Kartentrick. Sie wirkt entlarvend, die Funktionäre reagieren auf Lohndrücker mit Argumenten der fünfziger Jahre. Sie halten die Augen verschlossen, dass ihnen nicht schwindlig wird am Abgrund ihrer Zeit. Müller sagt: „Jetzt hilft nichts mehr, jetzt müssen wir Hamlet spielen.“

*

Hamlet in Müllers historischer Betrachtung: „Das Furchtzentrum des Stücks ist der Riss zwischen zwei Epochen.“

Die Proben beginnen im September 1989, die Premiere ist im März Neunzig. Die Koinzidenz zieht einem die Schuhe aus: Ein Epochenrissstück zum Epochenriss.

Müller über Mühe: „Das unbekannte Gelände, durch das wir zusammen gegangen sind, heißt Hamlet.“

Müller hat viele Hamlets im Kopf, er will die Rolle fünf Mal besetzen, namentlich mit Ulrich Mühe, Hermann Beyer, Blixa Bargeld, Otto Sander und Michael Gwisdek. Ihm schwebt ein Ost-West-Ereignis an zwei Abenden vor. Daraus wird dann ein achtstündiger Abend, an dem sich Mühe als einziger Hamlet durchsetzt. Müller sagt: „Ich habe einen perfekten Schauspieler und meine einzige Rolle besteht darin, ihm Steine in den Weg zu räumen.“ Mühe gerät an seine Grenzen. Der Geist des toten Königs verkündet Stalins Tod. Müller inszeniert das Epochenstück als Staatsakt – und ich frage mich, wie oft Leander Haußmann bei seiner BE-Inthronisierung als Hamlets Regisseur an Müllers Hamlet/Hamletmaschine von 1990 gedacht hat. Honecker war noch im Amt, als sein Abschied am Deutschen Theater geprobt wurde.

Begabung ist nach JR Becher (zitiert nach Müller) die Fähigkeit, in gesellschaftlich aufschlussreiche Situationen zu geraten. Und da ist man nun, das Publikum kommt aus Westberlin. Die Hauptstädter brauchen für epochale Empfindungen kein Theater. Sie sind auf dem Höhengrad der Geschichte. Die Inszenierung folgt den Jahreszeiten im Stück, sie geht von einer Eiswelt aus und in eine Wüstenwelt über. Bühnenbildner Erich Wonder: „Vom Eiswürfel zum Brühwürfel.“
Jamal Tuschick - 26. November 2013
ID 7400
Weitere Infos siehe auch: http://www.lfbrecht.de


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