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Opernkritik

Sex(t)us



Elina Garanca brillierte als Sextus in der neuen TITUS-Inszenierung an der Deutschen Staatsoper Berlin - Foto (C) Monika Rittershaus
In der letzten Oper Mozarts krachen noch mal alle Emotionen aufeinander. Ähnlich zugespitzt ging es vielleicht dann früher "nur noch" im Giovanni oder Figaro hoch her. Die Stückvorlage freilich: schwach. Das meint den ganzen römiglichen Rahmen, diese pseudoweltgeschichtlich ausgesponnenen "historischen" Ereignisse um Kaiser Titus (einfach mal im Brockhaus lesen, was da wie und richtig war). Ist auch dann gar nicht weiter schlimm, denn uns & Mozart scher(t)en allenthalben die randränkelnden Beziehungskisten.

Und das hatten auch Ruth Berghaus / Wolfgang Rennert, als sie vor fast 30 Jahren Titus an der Deutschen Staatsoper Berlin herausbrachten, sogleich verstanden, und sie führten uns eine in sich total verfitzelte Gefühls- und Sexualgemeinschaft der sechs handelnden Protagonisten vor, in hellsten und pastellsten Farben, und da flogen schon mal die Vitellia-Stöckelschuhe dem verstoßenen Gespusi Sextus hinterher; ich habe immer noch das fasthin durchsichtige Lila-Kleid, das Celestina Casapietra damals um sich raffen tat, in visual-aufreizender Erinnerung.

Nun steht der Titus endlich wieder auf dem Spielplan!

Inszeniert hat ihn Multi-Talent-Spaßvogel Nigel Lowery. Er kommt vom Bühnenbild, das sieht man klar. Ja, sein gewitzt gemaltes Capitolambiente hat etwas von der semesterschlüssigen Bemühung eines Meisterschülers aus der Düsseldorflerischen Ecke. Aber auch Personen führen kann er gut. Doch, es ist selten, dass die eigentlich so nervtötenden Continui während einer Inszenierung fast zu schauspielernden Höhepunkten sich gestalten so wie hier in dieser (dadurch) eineindeutig aufgeschlüsselten Ver-Handlung:

Mittelpunkt der ganzen Schweinereien ist wohl Sextus, der mit allen andern scheinbar irgendwie und irgendwann mal etwas hatte. Also: Kaiser Titus hatte kurz mal zwischendurch 'ne Neue (die tritt in der Oper gar nicht auf) - aber um die dreht sich's am Anfang ganz schön stark. Als Kaiserin in spe war eigentlich Vitellia geplant. Jetzt sieht sie sich vom Herrscher irgendwie verarscht und sinnt auf Damenrache: Schwanz ab!! Das soll Sextus, der bei ihr schon lange in die sexuelle Lehre ging, bewerkstelligen, ja, der frisst ihr aus der Hand. Klein-Sextus macht es auch. Erwischt aber den Falschen und kehrt mit 'nem falschen Schwanz aus angezettelter Verschwörungstat zurück. Alles kommt schließlich raus. Schwester Servilia und Annius Busenfreund versuchen für den Bettgenossen letztlich zu vermitteln. Titus aber, aufs Hinzuraten von Kanzler Publius, bleibt sehr unerweichlich-stark, muss jetzt das Todesurteil unterschreiben. Nur die eigentliche Bluttatstifterin, Vitellia, kann's noch drehen; sie gesteht die ganze Scheiße, und am Schluss wird alles wieder gut... (Man kann's nicht bierernst nehmen, wie gesagt.)

Die Aufführung besticht durch ihre Musikalität!! Melanie Diener ragt da wohl als stimmlicher Vibrator vordergründig raus; sie gibt Vitellia, und sie ist in dieser Rolle allergrößtens, unschlagbar. Das ändert auch nichts an der ohrenscheinlich-schwergewichtigeren Sympathiebekundung für "Entdeckung" Elina Garanca; sie gibt Sextus, und die Stimmkoloratur dieser Altistin - als DER saisonale Newcomer vorausgepriesen - ist enorm. Roberto Saccà war zwar leichtens rehabilitierend angesagt; er gibt den Titus, und seine Verfassung übertraf in Allem alles angekündigte Erkränklungsmaß. Auch Katharina Kammerloher, Sylvia Schwartz , Andreas Bauer (Servilia, Annius, Publius) in dem goldnen Topf einer nicht steigerbaren Idealbesetzung. Philippe Jordan - machte vor paar Tagen erst an diesem Hause eine Irrsinnswiederaufnahme mit Nadja Michael als Salome - hat einen Dirigierstil, den man auch als messerwerflerisch bezeichnen könnte: alles auf den Punkt genau gebracht, null Synchronisationsprobleme zwischen Chor, Solisten und Orchester... gibt es scheinbar bei ihm nicht; da könnten andere Kollegen von ihm (33jährig, o la la!!!) noch lernen.

Und ein neuerliches Staatskapellen-Fest mit klarinetter Sekt-Schaum-Krone (dargebracht von Heiner Schindler)!!

Tosende Begeisterung.



Melanie Diener als Vitellia (rechts im Bild) stiftet Elina Garanca als Sextus zu der folgenschweren Bluttat an - Foto (C) Monika Rittershaus


Andre Sokolowski - 11. Juni 2007
ID 3286
LA CLEMENZA DI TITO (Deutsche Staatsoper Berlin, 10.06.20079)
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Inszenierung, Bühnenbild, Kostüme: Nigel Lowery
Licht: Lothar Baumgarte
Besetzung: Roberto Saccà (Titus), Melanie Diener (Vitellia), Sylvia Schwartz (Servilia), Elina Garanca (Sextus), Katharina Kammerloher (Annius), Andreas Bauer (Publius)
Chor der Deutschen Staatsoper Berlin
(Choreinstudierung: Eberhard Friedrich)
Staatskapelle Berlin
Premiere war am 3. Juni 2007
Nächste Vorstellungen: 16., 19., 22. 6. 2007

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatsoper-berlin.de




 
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