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Besprechung


9. Juni 2010, JVA Berlin-Tegel

KOHLHAAS

Freiluftgefangenentheater nach Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas"


KOHLHAAS in der JVA Berlin-Tegel - Grafik (C) Alexander Atanasow


Der Mann, der den Staat zwang, Recht zu sprechen


Lt. Untertitel des Projekts (s. o.) ist das KOHLHAAS - eigentlich: Hans Kohlhase.

Der lebte von 1500 bis 1540, war Kaufmann in Cölln an der Spree (heute Berlin-Neukölln? vielleicht - vielleicht auch nicht).

Bei Wikipedia steht zu dem:

"Er hielt sich im Gasthof Wellaune auf, als ihm auf Geheiß des Junkers Günther von Zaschwitz widerrechtlich zwei seiner Pferde genommen wurden, mit der Begründung, er habe sie gestohlen. Dadurch verpasste er große Teile der Messe, die für ihn somit zum Verlustgeschäft wurde. Um wenigstens einen Teil der Verluste abzudecken, versuchte er, zunächst die Pferde zurückzuerhalten. Dazu hatte er beim Kurfürsten Joachim I. Einspruch erhoben, der sich wiederum an den Kurfürsten von Sachsen wandte, in dessen Herrschaftsbereich sich das Anwesen von Zaschwitz befand. Der hatte die Tiere aber zum Arbeiten verwendet und auch kein gutes Futter gereicht, so dass Kohlhase die Rücknahme verweigerte. Stattdessen forderte er vom Ritter einen Schadenersatz, was dieser wiederum ablehnte. Zurück in Cölln war Hans Kohlhases Existenzgrundlage gefährdet, da ihm der Kredit entzogen wurde. Zur Sicherung seines Lebensunterhalts musste Kohlhase seine Besitztümer verpfänden." (...) "Kohlhase sandte daraufhin nach damaligem Brauch dem Landvogt von Sachsen am 13. März 1534 einen Fehdebrief und erklärte darin, von nun „der Feind von Zaschwitz' und des ganzen Landes Sachsen zu sein“ und solange kämpfen zu wollen, bis er den geforderten Schadenersatz erhielte." (...) "Brieflich wandte sich Kohlhase im Dezember 1534 an Martin Luther um Rat. Auch trafen sich beide, um über die Angelegenheiten zu sprechen. Luther empfahl ihm, den Kampf aufzugeben." (...) "Kohlhase kämpfte dennoch weiter und wurde in Sachsen gesucht." (...) "Anfang Februar 1540 überfiel Kohlhase bei der später nach ihm benannten Siedlung Kohlhasenbrück (Berliner Ortsteil Wannsee am heutigen Teltowkanal) einen Silbertransport des Kurfürsten Joachims II. von Brandenburg, den er sich damit zu seinem erbitterten Feind machte." (...) "Am 22. März 1540 fand der Prozess gegen Kohlhase und weitere Mitgefangene statt, denen Landfriedensbruch zur Last gelegt wurde. Hans Kohlhase verteidigte sich selbst und beharrte auf der Rechtmäßigkeit seiner Taten. Er wurde aber zum Tode verurteilt und auf dem Rabenstein in der Nähe des Georgentores (heute Strausberger Platz) in Berlin gerädert."

Diesen Irrsinnsstoff - das Leben liefert immer die "geilsten" Geschichten - machte sich nicht nur Heinrich von Kleist, von dem es diese langatmige (unlesbare!) Novelle MICHAEL KOHLHAAS gibt, zueigen. Auch viele andere schöpften hieraus; und ich wusste gar nicht, dass es so viele sind - - im Programmheft von aufbruch KUNST GEFÄNGNIS STADT lese ich Namen wie Elisabeth Plessen, Kai Ivo Baulitz, Arnolt Bronnen oder Adolf Dresen usw. usf.



Michael S. ist einer der drei KOHLHAAS-Darsteller. Hinter ihm, nur schwer zu erkennen, Six-Pack Hansi als Martin Luther - http://www.gefaengnistheater.de





Hans-Georg Schwab spielt sehr imposant den Junker von Tronka, dessentwegen ja der Irr- und Amoklauf des KOHLHAAS eigentlich begann... - http://www.gefaengnistheater.de





Die Jagd auf KOHLHAAS hat bgonnen... Oder sind das KOHLHAAS-Horden, die die Jäger jagen? - http://www.gefaengnistheater.de



Womit wir beim Thema sind:

Einem Mann geschieht Unrecht, und er wird darauf zum Inbegriff des Unrechts. Er sieht sich herausgefordert, und er fordert heraus. Seine Frau - der liebste Mensch für ihn - stirbt plötzlich (Irrungen und Wirrungen); und Kohlhaas knallt von da ab völlig durch... brandschatzend, plündernd, mordend. Er und seine Mannen ziehen Kreise. Die Obrigkeit wird seiner, wenigstens am Anfang, nicht ganz Herr; dann lockt sie ihn in eine Falle, macht ihn dingfest... und er kriegt, wie er das wollte, endlich einen "rechtlichen" Prozess: Zum Einen wird er für alles vorherige Unrecht, was ihm widerfuhr, entschädigt - zum Anderen wird er, rechtens, für sein Brandschatzen und für sein Plündern und für seine Morde zum Tode verurteit. "Recht für Recht" = böseste Ironie des Schicksals!!

D a s ist allerdings Stoff - und was für welcher - für die über zwei Dutzend schweren Jungs des Gefangenenensembles der JVA Tegel!

Und sie spielen göttlich!!

Man hält es nicht für möglich, wie durch das Theater resp. das Theaterspielen gestandene Männer zu tollenden Kindern werden. Der bei der Premiere mit im Publikum verweilt habende Peymann - schöne Geste übrigens von ihm - wird nicht viel weniger als ich gerührt gewesen sein; vielleicht dass ihm dann, und im Gegensatz zu mir, nicht gleich so viele (Freuden-)Tränen in die Augen schossen...

Peter Atanassow, der seit Jahren schon mit den Gefangenen in Tegel einmal jährlich, wenigstens, so sieben Wochen oder länger ein Projekt einprobt, hat zu dem KOHLHAAS-Plot diverses Material, nicht nur dasjenige vom Kleist, benutzt. Herausgekommen ist eine knapp 80minütige Spielfassung, die die Männer um ihn rum in vielerlei verteilte Rollen bringen. Außerordentlich und wirkungsvoll die Sprechchöre, die man in dieser Art nur noch vom guten alten Schleef in der Erinnerung behalten hatte; Jahre ist es her...

Sibylle Arndt, die Produktionschefin des Ganzen, sagte nach erfolgreichem Verlauf dieser Premiere, sinngemäß... man würde sich jetzt, leider nur "extern", in einer Gartenkneipe noch zusammensetzen, ja und leider könnte man jetzt die Gefangenen nicht mitnehmen (Gelächter, auch von den Gefangenen!!) - - ja, leider; schade ist das schon!!!

Gute Stimmung, Abendsonne.


Andre Sokolowski - 10. Juni 2010
ID 00000004665

KOHLHAAS nach einer Novelle Heinrich von Kleists
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Thomas Schuster
Dramaturgie: Daniel Dumont, Jörg Mihan
Choreographie: Suzann Bolick
Musikalische Einstudierung: Maxi Heinicke
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Es spielt das Gefangenenensemble der JVA Tegel: Adam, Ahmed, Albert Bach, Ali El-Faour, Bobby, Ceto, Chaos, Christoph Bettinger, Denny Schleunung, Gino E., Hans-Georg Schwab, Horst Grimm, Ingo, Joschua, Klaus Engels, Kurt Lummert, Michael Stiska, Mike, Mister T., Paul Münch, Pitt Krafft, Sinan Demirtas, Six Pack Hansi, Vali, Volker Ullmann, Yussef
Weitere Vorstellungen: 16., 18., 23., 25., 30. 6. / 2. 7. (je 18 Uhr)
Karten sind nur im Vorverkauf mit persönlicher Anmeldung mindestens 5 Tage vor der Vorstellung erhältlich - an der Kasse der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Telefon: 030/ 240 65 777 (12 - 18 Uhr)
Preise: 13 Euro / 8 Euro ermäßigt
Spielort:
JVA Tegel (Freistundenhof)
Seidelstr. 39 / Tor 2
13507 Berlin
BVG-Anfahrt: U-Bahn-Linie 6 Otisstr. / Holzhauser Str.

Weitere Infos siehe auch: http://www.gefaengnistheater.de


http://www.andre-sokolowski.de
Post an den Autor: soko@kultura-extra.de



 

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