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Feuilleton


25. Juni 2010, Ballett am Rhein (Theater Duisburg)

KUNST DER FUGE

von Martin Schläpfer

Musik von J. S. Bach

Chidozie Nzerem und Ainara Garcìa Navarro in KUNST DER FUGE an der Deutschen Oper am Rhein - Foto (C) Gert Weigelt


Barock mit Augenzwinkern

Bachs Kunst der Fuge als Ballett am Theater Duisburg


Es sei ein Theaterabend, den er konzipiert habe, kein Kunst der Fuge-Abend, sagt Choreograph Martin Schläpfer über dieses Stück – und er hat Recht: Es gehört eine Menge Theatergespür dazu, um dieses schöne, aber sperrige Alterswerk von Johann Sebastian Bach in ein stimmiges Bühnenereignis zu verwandeln. Doch genau das hat Schläpfer getan: Bereits 2002 entwickelte er, damals noch für das balletmainz, seine rund zweistündige Choreographie zu Bachs letzter Komposition, die den Leipziger Thomaskantor rund zehn Jahre lang beschäftigte und die, als er 1750 starb, als unvollendeter Torso zurückblieb. Das Ballett am Rhein präsentiert Schläpfers Interpretation der Kunst der Fuge (BWV 1080) als zweiten von insgesamt fünf Ballettabenden in dieser Spielzeit.

Wie gesagt: Es ist nicht einfach, diesen Bach auf die Bühne zu heben. Denn der Zyklus aus achtzehn Einzelwerken, in denen sich der „fünfte Evangelist“ in abstrakter, ja musiktheoretischer Manier mit dem Kompositionsprinzip der Fuge auseinandersetzt, gehört nicht zu den Stücken, die sich spontan als Ballettmusik anbieten. Schon im 18. Jahrhundert galt die Bachsche Fugenkunst als konservativ und veraltet, für heutige Ohren klingt sie streng und regellastig. Doch Schläpfer, dem es nicht darum geht, die musikalische Vorlage szenisch zu deuten, sondern ihr eigene Bilder entgegenzusetzen, interpretiert die Kunst der Fuge bewusst sinnlich als einen Stückekanon von sehr spezieller Vitalität.

Der Abend startet bunt, noch bevor die Musik einsetzt: Blaue, rote, gelbe Farbstreifen laufen horizontal rund um die Bühne, unruhig, züngelnd, verzerrt. Thomas Ziegler kreiert ein Bühnenbild, das wie ein dreifarbiges Feuer wirkt oder wie EKG-Frequenzen in leuchtenden Primärfarben. Unter blauem Licht (Franz-Xaver Schaffer) entsteht ein Raum, der von Beginn an die Atmosphäre vorgibt, die den gesamten Abend beherrschen wird – schön und rätselhaft zugleich. Vor dieser flirrenden Kulisse wirken die getragenen Klänge aus Bachs Feder denn auch irritierend. Und auch die einzelnen Tanzstücke, die die strenge Musik aufnehmen, passen auf den ersten Blick so gar nicht zu dem Farbspiel im Hintergrund – und beziehen doch genau aus diesem Kontrast ihren besonderen Reiz.


Sonny Locsin und Mariana Dias in KUNST DER FUGE an der Deutschen Oper am Rhen - Foto (C) Gert Weigelt



Taktsynchron bewegen sich die insgesamt rund zwanzig Tänzerinnen und Tänzer schreitend, gemessen und symmetrisch zu Bachschen Spiegel- und Quadrupelfugen, drehen sich mit der Präzision von Uhrzeigern um die eigene Achse, schaffen Körperskulpturen von herb-geschmeidiger Schönheit und entlocken dem strengen Satz dabei so viel Leidenschaft wie nur möglich. Es sind allerdings zumeist gebändigte, wohlerzogene Leidenschaften, die sich dort auf der Bühne entfalten – getanzte Emotionen im Sinne der bienséance, jener ästhetischen „Schicklichkeit“, der sich viele klassizistisch orientierte Künstler des Barock verpflichtet fühlten, nicht nur Johann Sebastian Bach.



Antoine Jully und Feline van Dijken in KUNST DER FUGE an der Deutschen Oper am Rhein - Foto (C) Gert Weigelt



Dass es dennoch nicht beim getanzten classicisme bleibt, dass dieser Abend zwischen musikalischer Werktreue und kreativen Brechung permanent changiert, ist eines der größten Verdienste von Martin Schläpfer und seiner Company. Immer wieder finden Choreograph und Tänzer Möglichkeiten, barocke Schrittfolgen zu ironisieren, zu stilisieren, zu persiflieren. Oder der Bachschen Kontrapunktik ganz eigene Kontrapunkte gegenüberzustellen, d. h. Tanzbilder zu finden, in denen die Musik nur noch Untermalung ist und die ansonsten in Inhalt und Dynamik autark sind. Zugegeben – dies gelingt nicht immer: Ein Defilee im Catsuit auf dem Catwalk kommt zwar witzig, aber ebenso unmotiviert daher wie der japanische Dialog zweier Tänzer, die von ihrer Anmutung und Aufmachung her ein wenig an Papageno und Papagena erinnern (Kostüme: Catherine Voeffray). Was jedoch immer wieder gelingt an diesem Abend, das ist der inspirierte Tanz, der die tausend Möglichkeiten der exakten Bewegung auslotet, der jeden einzelnen Muskel fordert und in streng und zugleich überraschend choreographierten Schrittfolgen den gesamten Raum erschließt. Zu unterschiedlichen Einspielungen der Kunst der Fuge, zu Streichquartett, Cembalo, Flöte, Saxophon und Klavier entfaltet sich auf der Bühne die Kunst der Variation, werden Motive des Reigens, des Rondos, des Gesellschafts- und sogar des Veitstanzes auf beeindruckende Weise umgesetzt. In diesem Tanz, der sich locker, aber niemals platt gibt, der immer wieder Freiräume in der musikalischen Strenge schafft und auch bei längeren Stücken kraftvoll bleibt, liegt die eigentliche Stärke dieses gelungenen Tanztheaterabends, der erst gegen Ende hin ein wenig in abstrahierende Beliebigkeit abgleitet. Ein gebrochenes, ein ironisiertes, ein augenzwinkerndes Barock ist es, das Martin Schläpfer seinem Publikum präsentiert – im Bachschen Sinne und doch ganz anders.



Holger Möhlmann - red. 25. Juni 2010
ID 00000004686
b.02 / KUNST DER FUGE von Martin Schläpfer (Ballett am Rhein/Theater Duisburg, 25.06.2010)
Choreografie: Martin Schläpfer
Bühne: Thomas Ziegler
Kostüme: Catherine Voeffray
Licht: Franz-Xaver Schaffer / Anne do Paço
Tänzerinnen: Camille Andriot, Marlúcia do Amaral, Carolina Francisco Sorg, Yuko Kato, Anne Marchand, Nicole Morel, Carly Morgan, Louisa Rachedi, Julie Thirault, Anna Tsybina und Feline van Dijken
Tänzer: Ordep Rodriguez Chacon, Callum Hastie, Antoine Jully, Bogdan Nicula, Alexandre Simões, Remus Sucheana, Pontus Sundset, Maksat Sydykov, Jörg Weinöhl und Martin Schirbel
Premiere war am 16. Oktober 2009 am Opernhaus Düsseldorf.
Weitere Vorstellungen am Theater Duisburg: 30. 6. sowie 3., 6., 7. und 17. 7.

Weitere Infos siehe auch: http://www.rheinoper.de





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