Zwischen
Blütenpracht
und
Passkontrolle
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Simon Le Borgne in Nelken von Pina Bausch - am Tanztheater Wuppertal | Foto © Laszlo Szito
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Bewertung:
Bereits vor Beginn sehen die Besucher ein Blumenmeer aus hunderten von Stoffnelken auf der Wuppertaler Opernbühne. Nelken ist nach dem aufwendig gebauten, detailreichen und atmosphärischen Bühnenbild von Peter Pabst benannt. Die 17 Tänzer (Namen s.u.) gehen situativ mit dem Bühnenbild um, das als Aktionsraum konzipiert ist. Das Blumenfeld ist sichtlich herausfordernd, wenn die Ensemblemitglieder auf hochhackigen Schuhen etwa entlang der Lücken zwischen den in Parallelen gereihten Stoffblumen schreiten.
Die Soziologie-Professorin Gabriele Klein meint in ihrer Monografie über Pina Bausch , dass die Choreographin und ihr Team 1980 während einer Südamerika-Tournee durch das Panorama in einem Tal der Anden in Chile zum Bühnenbild inspiriert wurden. Dabei gehe es Pina Bausch auch um die Bebilderung politischer Zusammenhänge und die Unmöglichkeit, einen Traum vom kleinen Glück in die Realität zu überführen:
„Im Theater sind dies Hunderte von Stoffnelken, die in Asien unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurden, was nicht in dem Stück thematisiert wird, und von denen viele während der Vorführung zerbrechen. In dem Nelkenfeld patrouillieren Aufseher mit deutschen Schäferhunden. Diese Situation materialisiert nicht nur das thematische Spannungsfeld des Stückes zwischen Utopie und Realität, zwischen Hoffen und Bangen im traumhaften Bild einer Blütenlandschaft bei gleichzeitiger Kontrolle und Gewalt.“ (Gabriele Klein, Pina Bausch und das Tanztheater, S. 62)
In einem bedrohlichen Eingangsmoment werden drei große, echte, teils bellende Schäferhunde an den Leinen von Hundeführerinnen auf die Bühne am Rand des Nelkenfeldes geleitet, während die Akteure verängstigt wie Hasen durch dieses Feld hüpfen. Andrej Berezin mimt einen Aufsichtsbeamten, der behände Dean Biosca verfolgt und einfängt, um abschätzig im barschen Ton zu fordern: „Ihren Pass bitte!“ Diese Szene wiederholt sich. Berezins Figur zwingt die von Frank Willens verkörperte Rolle zu absurden, erniedrigenden Handlungen. Der Tänzer muss unterdrückt wie ein Tier herumspringen, wie ein Hund bellen oder wie ein Papagei krächzen, um seine Existenzberechtigung zu beweisen und den ausgehändigten Pass zurückzuerlangen. Hier deutet Bausch die Schikane durch die Staatsmacht und einen Verlust menschlicher Würde an.
Die Besetzung für die Wiederaufnahme von Nelken hat komplett gewechselt. Silvia Farias Heredia und Eddie Martinez leiteten die Proben für die Neueinstudierung. Reginald Lefebvre übernimmt zu Beginn das legendäre Solo zu George & Ira Gershwins sehnsüchtiger Ballade The Man I Love, gesungen von Sophie Tucker, das während der Uraufführung noch Lutz Förster mit Gebärdensprache performte.
In einer gestischen Tanzszene lädt Lefebvre im strengen Herrenanzug Verse durch eine Abfolge von fließenden Hand- und Armgesten mit Bedeutung auf, die den Liedtext wortwörtlich und ausdrucksstark visualisieren. Bei „Someday he'll come along“ macht der Tänzer eine Vorwärtsbewegung der Hand, die in die Ferne weist, um die Zukunft und das Warten darzustellen. Bei „The man I love“ kreuzt er seine Hände sanft über der Brust oder deutet auf das Herz, um tiefe Zuneigung und Liebe zu verdeutlichen. Während der Worte „And he'll be big and strong“ winkelt Lefebvre kraftvoll die Arme an, um so Muskeln und physische Stärke zu demonstrieren. Bei „He'll take my hand“ greift seine Hand sanft nach der anderen, als würde sie von einem unsichtbaren Partner gehalten. Das emotionale und innige Tanzvokabular dieser Szene wiederholt er gefühlvoll gegen Ende im leichten Sommerkleid.
Eine ebenfalls legendäre Szene des Werkes ist ein Ensembletanz, bei dem die Tänzer die verschiedenen Jahreszeiten im Gleichschritt in schier endlosen Reihen abbilden. Im Rhythmus von Louis Armstrongs West End Blues werden die vier Jahreszeiten durch vier sehr einfache, klare und sich wiederholende Bewegungen dargestellt. Während des Frühlings strecken die Tänzer ihre Arme schwungvoll nach oben und öffnen ihre Hände ausdrucksstark weit wie eine aufblühende Blume. Im Sommer winkeln sie einen Arm an, um ihn horizontal vor das Gesicht zu halten, während die andere Hand ihnen Luft zufächelt, um die Hitze zu symbolisieren. Für den Herbst führen die Hände des Ensembles synchron eine sanfte, wiegende Abwärtsbewegung vor dem Körper aus, die fallende Blätter darstellt. Um schließlich die Kälte des Winters zu verbildlichen, schlingen die Akteure ihre Arme eng um den eigenen Oberkörper, zittern leicht und ziehen ihre Schultern hoch.
Während einer anderen minimalistischen Gestenfolge beteiligt das Ensemble die Besucher. Bausch versuchte stets, das Publikum mit einzubeziehen, indem sie ihm einen Spiegel vorhielt. So senkte sie die Schwelle zwischen der Kunst und dem Betrachter. Ihr Zitat "Mich interessiert nicht, wie die Menschen sich bewegen, sondern was sie bewegt" prägte das Tanztheater.
Sie fokussierte sich auf menschliche Emotionen, Ängste und Wünsche, die durch ehrliche, oft kleine Gesten und alltägliche Handlungen sichtbar gemacht wurden. Bei den meisten ihrer Werke beteiligte sie die Tänzer im Probenprozess durch persönliche Befragungen, um Anregungen zu sammeln. Gegen Ende beantworten verschiedene Akteure in Richtung des Publikums in einfachen Sätzen, warum sie Tänzer geworden sind. Auch diese persönlichen Erfahrungen haben sich mit Blick auf die Uraufführung vor etwa 45 Jahren geändert.
Die ca. zweistündige, pausenlose Aufführung bebildert zu Musik von Franz Schubert, Henry Mancini, Franz Lehár und zu brasilianischen Märschen ein tänzerisches Wechselspiel aus künstlerischen Formen, Raum und Bewegung. Es werden Fragen von Zugehörigkeit und Einsamkeit, menschlicher Fragilität und Intimität aufgeworfen. So bleibt Nelken ein zeitloser Geniestreich, der das Publikum ebenso mit humorvoller Subversivität und absurder Komik zum Lachen bringt, wie er es mit seinen radikalen Fragen heute noch angenehm unbequem und produktiv provoziert.
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Nelken von Pina Bausch - am Tanztheater Wuppertal | Foto © Laszlo Szito
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Ansgar Skoda - 25. Juni 2026 ID 15920
NELKEN (Opernhaus Wuppertal, 21.06.2026)
Ein Stück von Pina Bausch
Inszenierung und Choreografie: Pina Bausch
Bühne: Peter Pabst
Kostüme: Marion Cito
Dramaturgie: Raimund Hoghe
Mitarbeit: Matthias Burkert, Hans Pop
Probenleitung: Silvia Farias Heredia und Eddie Martinez
Mit: Edd Arnold, Andrey Berezin, Dean Biosca, Naomi Brito, Emily Castelli, Maria Giovanna Delle Donne, Taylor Drury, Alexander López Guerra, Luciény Kaabral, Reginald Lefebvre, Simon Le Borgne, Blanca Noguerol Ramírez, Claudia Ortiz Arraiza, Julian Stierle, Christopher Tandy, Aida Vainieri und Frank Willens sowie den Stuntmens Moritz Fischer, Bodo Haack, Hendrik Mohr und Florian Szedlarik
UA im Opernhaus Wuppertal: 30. Dezember 1982
Weitere Tournee-Termine: 17.-20.07. (Toulon)/ 26.-29.11.2026 (Brest)// 04.-07., 09., 10., 12.-14., 16., 17.03.2027 (New York)
Tanztheater Wuppertal Pina Bausch
Weitere Infos siehe auch: https://www.pina-bausch.de
Post an Ansgar Skoda
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