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nachDRUCK # 6

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Tanztheater

Denken, Gefühle

und Dispute

in Bewegung



Kaho Kishinami als Simone de Beauvoir und Noah Amann als Jean-Paul Sartre in Creative Dialogues am Theater Koblenz | Foto © Arek Głębocki

Bewertung:    



Reibungsflächen, Zwiespälte von Sein und Schein und Eifersucht prägten mitunter die Beziehungsdynamiken prominenter Künstlerpaare. Simone de Beauvoir (1908-1986) und Jean-Paul Sartre (1905-1980) waren über 50 Jahre lang Lebenspartner. Neben ihrem ständigen geistigen Austausch über ihr literarisches Schaffen und ihre philosophischen Ansichten ist heute auch bekannt, dass sie jeweils andere Liebhaberinnen und Liebhaber des anderen tolerierten.

De Beauvoir gilt als Wegbereiterin des modernen Feminismus. Sartre prägte als Vordenker der Philosophie des Existentialismus eine Kernidee: Der Mensch wird zufällig in das Leben geworfen. Danach muss er seiner Existenz selbst einen Sinn verleihen. Auch beim Tanztheaterabend in Koblenz geht es um diese philosophische Prämisse: die existenzielle „Geworfenheit“ des Menschen.

*

Steffen Fuchs, Ballettdirektor am Theater Koblenz, vertiefte nach zwanzig Jahren seine Zusammenarbeit mit seiner Kollegin Annett Göhre, Tanzdirektorin am Theater Ulm. Sie tauschten sich über mehrere Jahre über ein gemeinsames Konzept mit einem verbindenden Thema aus und arbeiteten wechselseitig mit beiden Compagnien. Das Gemeinschaftsprojekt wird nun parallel an den jeweiligen Häusern mit den dortigen Ensembles aufgeführt. Göhre wählte mögliche Kostüme aus der Epoche der Philosophen, während Fuchs die Akteure freizügiger viel Haut zeigen lässt, um so eine allgemeine Öffnung der Figuren gegenüber Neuem auszudrücken.

Die Inszenierung arbeitet mit einer verschiebbaren, transparenten, geschwungenen, wellenförmigen Wandstruktur von Sascha Thomsen als einzigem raumfüllenden Objekt. Ansonsten bietet die Bühne dem Ensemble viel Freiraum für variierende Bewegungsabläufe, -elemente und -ausführungen. Ein Spiel aus Nähe und Distanz wird in geometrischen Linien und konstruierten Formationen ausgelotet. Ein Ringen um Freiheit, emotionale Zerrissenheit und unkonventionelle Spielregeln einer offenen Partnerschaft deuten sich szenisch in intimen Pas-de-deux oder kurzen Dreierkonstellationen an. Die Tanzenden meistern im Wechsel fordernde Hebefiguren und Sprünge, flinke Drehungen und Bodenpartien. In den Gruppenpassagen überzeugt die Compagnie durch synchrone Genauigkeit.

Fuchs wählte als Musikuntermalung das dynamisch mit minimalistischen Drive oszillierende Shaker Loops für Streicher vom Amerikaner John Adams aus. Göhre unterlegte die gemeinsame Produktion mit französischen Kompositionen für Klavier und Percussion aus der Zeit von Beauvoir und Sartre: La foire aux croûtes von Yvonne Desportes, Hommage à Paul Dukas von Elsa Barraine, Ionisation von Edgard Varèse, Six Études von Louise Talma und La Muse et le poète von Camille Saint-Saens.

Es wird keine Biografie der Liebesbeziehung gezeigt, sondern eher eine abstrakte Tanzdarbietung. Die Figuren verstricken sich in einem netzartigem Balanceakt aus Höhen und Tiefen. Am Ende hinterlässt der Abend das Bild eines packenden Beziehungsgeflechts, das die Balance aus Freiheit und Bindung auf der Bühne in eine greifbare, dynamische Körpersprache übersetzt und physisch spürbar macht.



Creative Dialogues am Theater Koblenz | Foto © Arek Głębocki


Aufgrund der Temperaturen im nicht klimatisierten Theaterzelt wurden vor Beginn der Vorstellung kleine Wasserflaschen und Fächer an die Besucher ausgegeben. Die Künstler traten meist ohne die vorgesehene Oberbekleidung auf. Nach einer etwa 40-minütigen Theaterpause wurde in einer Szene hinter dem transparenten Wandelement getanzt. Die Abläufe waren hier als Silhouetten kaum erkennbar – möglicherweise weil die Bühnenstrahler aufgrund der Hitze nicht zum Einsatz kamen. Die Folgevorstellung am 26. Mai wurde aufgrund extremer Hitze abgesagt.
Ansgar Skoda - 28. Mai 2026
ID 15880
CREATIVE DIALOGUES (Theaterzelt, 24.05.2026)
Choreografie: Annett Göhre und Steffen Fuchs
Bühne und Kostüme: Sascha Thomsen
Dramaturgie: Diane Ackermann
Licht: Michael Reif
Theaterpädagogik: Cornelia Bühne
Mit: Noah Amann, Dayna Booth, Melvin Boschat, Emanuele Caporale, Alexandra Christian, Milda Hedberg, Hannah Marquette Law, Anna Krasnikova, Kaho Kishinami, Glauber Lucas Mendes Silva, Yael Shervashidze, Samuel Sepúlveda Sanguino, Naomi Uji und JiaJing Wan
UA am Theater Koblenz: 11. April 2026
Weitere Termine: 30.05./ 04., 18., 22.06. (in Koblenz), 30.05./ 03., 05., 12., 17.06.2026 (in Ulm)


Weitere Infos siehe auch: https://theater-koblenz.de


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