Anmut und
Ausgelassenheit
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Junior Ballet de l’Opéra national de Paris | Foto © Sébastien Mathé
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Mit technischer Fertigkeit präsentieren sie dynamisch anspruchsvolle Schritte, knifflige Pirouetten und Hebefiguren. Vierundzwanzig junge Tänzer meistern an zwei Abenden dynamisch und selbstsicher das vierteilige Gastspiel-Programm "Tradition der Zukunft" im Bonner Opernhaus.
Die Choreographien vermitteln einen Eindruck vom vielseitigen Können der Tänzer. Im Mai 2024 wurde das JUNIOR BALLET DE L´OPÉRA NATIONAL DE PARIS als Jugendzweig des Balletts der Pariser Oper, einer der ältesten Kompanien der Welt, gegründet. Die Truppe speist sich aus der hauseigenen Ballettschule. Die Junior-Tänzer arbeiten mit dem Ballett der Oper zusammen und lernen sowohl das klassische als auch das zeitgenössisches Repertoire kennen.
Für das Gastspiel in Bonn wählte José Martinez, seit 2022 Tanzdirektor des Balletts der Pariser Oper, ein ausgewogenes Programm aus. Zu aufgezeichneter Musik wird temporeich, einfühlsam und auf hohem Niveau getanzt.
Als erstes kommt Allegro Brillante von George Balanchine (zu Tschaikowskys 3. Klavierkonzert) zur Aufführung: Die französisch-schwedische Tänzerin Natalie Vikner überzeugt in der schwierigen Rolle der Ballerina technisch versiert, wenn sie eindrucksvoll auf Spitze tanzt. Auch der Italiener Davide Alphandery gestaltet sein temperamentvolles Solo und das Duett mit ihr mit präziser Beinarbeit und Schnelligkeit. Armbewegungen fließen in klaren und schönen Linien; rasant finden die Tänzer in wechselnde Positionen zu Tschaikowskys Partitur.
Anschließend wird Maurice Béjarts Cantata 51 zu einer ungewöhnlich dynamikarmen Musik von Bachs Solokantate Jauchzet Gott in allen Landens gezeigt: Die feierliche und erhebende Musik stimmte auf ein geistliches Thema ein. Der spanische Tänzer Jaime Almaraz Baizan mimt Erzengel Gabriel mit sinnlich-sanften Bewegungen, Biegungen, Kreisungen und kräftigen Linien. Die Französin Angélique Brosse in der Rolle der Maria sitzt zunächst gelassen, zurückhaltend und würdevoll am Boden. Später glänzen beide in gemeinsamen Duetten mit schwierigen Sprüngen und präzisen Drehungen. Als Begleitengel bevölkern unter anderem Grace Boyd, Laure Ravera und Shani Obadia die Bühne, mitunter die Arme überschwänglich wie Flügel ausbreitend.
Das nach einer Pause dargebotene Requiem for a Rose der belgischen Choreographin Annabelle Lopez Ochoa (unterlegt mit Schuberts Streichquintett in C-Dur) ist der Höhepunkt des Abends: Inhaltlich drehte sich die beeindruckende Aufführung um die Flüchtigkeit von Romantik und die Beständigkeit der Liebe. Shani Obadia tanzt anfangs ausdrucksstark alleine mit offenem Haar im hautfarbenen Trikot zu dem Klang eines Herzschlags. Zwischen ihren Zähnen trägt sie eine rote Rose, sozusagen als Motiv der Liebe. Zur später einsetzender Musik versammeln sich Tänzer um sie herum auf der Bühne. Sie tragen, anders als Obadia, burgunderrote, voluminöse und identische Taftröcke wie Rosenblüten (Kostüme: Tatyana van Walsum). Die Männer agieren oberkörperfrei, die Frauen tragen hautfarbene Oberteile. Sie umrahmen Obadia zunächst, wirbeln bald jedoch in wechselnden Gruppierungen über die Bühne. Wellenförmige Ensembleszenen, geschmeidige Soli und Duette wechseln. Tänzer erproben sich während dynamischer Gruppenszenen an wirkungsvollen Hebefiguren.
Zu guter Letzt präsentiert die Kompanie José Martinez' eigenes Werk Mi Favourita (2002): In einer Art Hommage zitiert und parodiert der Pariser Tanzdirektor bekannte Choreografen wie Nurejew oder Forsythe (zu Musik aus Donizettis La favorite). Zu Beginn wird der Vorhang gerade so weit gehoben, dass wir nur ein paar tanzende Füße in altertümlichen Schuhen sehen. Diese erinnern an den Sonnenkönig Ludwig XIV., den Begründer der französischen Balletttradition. Zahlreiche Spitzenschuhe kommen nach und nach zum Vorschein, bevor sich der Vorhang gänzlich öffnet. Die Tänzer agieren leichtfüßig in kleinen dramatischen Szenen. Slapstickartig, aber subtil probieren sie sich an komödiantischen Einlagen zu Prahlerei, Kostümierung und Partnering. Diese Ballettwitze irritieren ein bisschen. Effektvolle Solos, schwungvolle Jetés und fließende Pirouetten-Drehungen lenken den Blick dann zurück auf das tänzerische Geschehen an diesem rundum unbeschwerten, farbenfrohen und abwechslungsreichen Abend.
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Junior Ballet de l’Opéra national de Paris | Foto © Sébastien Mathé
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Ansgar Skoda - 31. Januar 2026 ID 15676
Weitere Infos siehe auch: https://www.operadeparis.fr/en/artists/ballet/the-junior-ballet
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