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Orlando Harbutt und Sarah Pippin in Bolero X von Shahar Binyamini | Foto © Michael Slobodian

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Muskeln spannen sich an und wölben sich. Bewegungen gehen nahtlos ineinander über. Die Tänzer bewegen sich konzentriert, synchron und mit enormer Energie. Das vor 40 Jahren gegründete Ballet BC aus Vancouver verbindet Körperlichkeit, Emotionalität und Timing zu einer eigenständigen Form des zeitgenössischen Tanzes. Elemente des traditionellen Balletts werden dabei mit moderneren Bewegungen kombiniert. Die Truppe gilt als Kanadas führende zeitgenössische Tanzkompanie. Unter der Leitung von Medhi Walerski hat sie sich zum Ziel gesetzt, „Tanz in seiner essenziellsten Form zu schaffen: viszeral, zum Nachdenken anregend und transformativ“.

Ihr Gastspiel beginnt mit Crystal Pites Choreografie Frontier, die 2008 für das Nederlands Dans Theater geschaffen und 2024 extra für das Ballet BC überarbeitet wurde. (Walerski trat während seiner fünfzehnjährigen Karriere als Tänzer mit dem NDT selbst in Frontier auf. )

In der Oper Bonn zeigte das Ballet BC an zwei Abenden nun sein dreiteiliges Programm Connecting Continents zu eingespielter Musik:

In Frontier untersucht Crystal Pite (ehemalige Tänzerin am Ballet BC) das Unbekannte, indem sie in dunklen Gefilden personifizierte Schatten auftreten lässt.

Der Bühnenraum ist karg. Die schwache, von oben fallende Beleuchtung geht gerade über die Dämmerstufe hinaus. Tom Vissers Lichtdesign wechselt atmosphärisch einfallsreich. Musikalisch geht Chormusik von Owen Belton in Soundcollagen mit Echos von Eric Whitacre über. Bei Whitacre untermalen Klanglandschaften mit unverständlichen, transzendent anmutenden Flüstertönen das Geschehen auf unheimliche Weise. Die Tänzer reagieren auf die Stimmungen der musikalisch hypnotischen Einspielungen in wellenförmigen Bewegungen. In schlichte weiße Oberteile und Hosen gekleidete Solisten kontrastieren stark vor dem dunklen Hintergrund. Sie bewegen sich, einzeln auftretend, mit Anmut und fließenden, technisch klaren, ausladenden Bewegungen.

Dunkle Körper scheinen zunächst, verteilt am Boden liegend, wie mit dem Bühnenhintergrund verschmolzen. Langsam emporstrebend erheben sie sich schleichend aus der Dunkelheit. Das Corps maskierter Tänzer trägt lockere pechschwarze Kleidung mit Kapuzen, die ihre Gesichter verdecken, Umhänge und Handschuhe (Kostüme: Nancy Bryant). Es schlängelt sich lauernd hinter den ätherisch in Weiß Tanzenden kaum bemerkbar in die Szene hinein. Beziehungen verschieben sich. Tanzende Akteure scheinen sich zu verdoppeln oder zu vervielfachen. Wie physische Kräfte ringt der brodelnde Schwarm dunkler Gestalten bald besitzergreifend mit den geschmeidig und tastend auftretenden Solisten in Weiß. Bald trägt die Schar schwarzer Tänzer auf eindringliche Weise die weiß Gekleideten, mit ihnen interagierend, durch den Raum.

Wenn die weiß Gekleideten von der Bühne gezogen oder getragen werden, verstärkt sich für die Zuschauer das Gefühl wachsender Fremdheit. Schwindelerregende Bewegungen auf schwach beleuchteten Bereichen der Bühne wirken mitunter wie Sinnestäuschungen. Solisten treten bald in den Hintergrund. Am Ende tanzt eine Masse von Schattenfiguren mit einer Flut von Bewegungen und sprühender Energie im organischen Fluss. Die dunklen Gestalten ballen sich vorwärtsdrängend zusammen und gleiten expansiv über die Bühne. Zu guter Letzt erklingt ein chorisches Werk, das fast hymnische und elegische „Sleep” von Eric Whitacre.

Nach einer Pause folgt die deutlich kürzere Choreografie Sway von Medhi Walerski. In dem abstrakt anmutenden Werk spielt er mit Gleichgewicht und Spannung zu flirrender Elektromusik von Adrien Cornet. Aus einer Säule von hintereinander stehenden sieben Tänzern lehnen sich einzelne weg, sich um die eigene Achse nach unten neigend. Wirbelnde Körper geraten in einer sich entfaltenden Dynamik und einem fließenden, wellenförmigen Zusammenspiel in Bewegung. Interaktionen entwickeln sich zu gemeinsamen neuen Formen, Verflechtungen und Trennungen. Eine treibende Partnerarbeit entfaltet sich. Partner entfernen sich, einander haltend, über weite Ausdehnungen voneinander. Bevor sie umkippen, schwingen sie zurück.

Zu guter Letzt folgte mit Bolero X ein im letzten Jahr entstandenes Werk, das Shahar Binyamini zu Maurice Ravels crescendoartigem, titelgebenden Klassiker von 1928 choreografierte. Anfangs erklingt die bekannte Flötenmelodie aus der Dunkelheit heraus. Ein Solist taucht in der Bühnenmitte auf und präsentiert ein kraftvolles Solo. An den Bühnenrändern werden dunkel das Geschehen beobachtende Ensemblemitglieder erkennbar, gekleidet in hautfarbene Oberteile und hauteng anliegende schwarze Latexunterteile. Sie regen sich zunächst nur leicht mit konstanten, bewusst repetitiven Bewegungen etwa der Schultern und Arme, wie bei einem archaischen Ritual. Einzelne treten nacheinander mit kurzen sinnlichen Soli oder Duetten in der Bühnenmitte hervor.

Binnen Kurzem stimmt die gesamte Kompanie in Bewegungsmuster, Körperinteraktionen, Stöße, Hebungen und Streckungen mit ein. Es entsteht eine rasante Gruppenarbeit und eine zeitweise synchrone Formation. Im fieberhaften Tempo und mit eindringlichem Ausdruck widmen sich die Tänzer voll und ganz den komplexen Anforderungen des Stücks. Körper heben, wölben, krümmen und senken sich. Tänzer kauern sich hin oder kriechen auf allen Vieren. Sie stürzen mit ausgestreckten Gliedmaßen in diagonalen Linien hervor. Am Ende schwankt das Ensemble im Einklang wie ein eruptiv pulsierender Organismus. Das große Finale vereint als unerbittliches Spektakel das gesamte Ensemble und hallt kraftvoll nach. Die Zuschauer springen auf und feiern das Ensemble mit Standing Ovations.

Mit Connecting Continents entfaltete das Ballet BC einen dynamischen, emotional fesselnden und vielseitigen Abend voller eindrucksvoller Bilder. Mit atemberaubenden Gruppenarbeiten voller intensiver Interaktionen, Raumgefühl und Tempo drückte das Ensemble Dinge aus, die wir oft nicht in Worte fassen können.



Bolero X von Shahar Binyamini - mit dem kanadischen Ballett BC | Foto © Michael Slobodian

Ansgar Skoda - 7. Februar 2026
ID 15683
Weitere Infos siehe auch: https://balletbc.com/


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