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nachDRUCK # 6

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Tanz-Gastspiel

Aufruhr,

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Maldonne von Leïla Ka | Foto © Nora Houguenade

Bewertung:    



Die Performance beginnt mit einer geradezu klaustrophobischen Eingeengtheit der Tänzerin (kraftvoll: Mariana Faria). Sie bewegt sich innerhalb eines präzise definierten, sehr begrenzten Lichtkegels und wirkt dabei fixiert, indem sie ihre Hände fast ununterbrochen fest an ihre eigenen Schultern gepresst hält. Diese Haltung schließt ihren Oberkörper komplett ein. Der restliche Körper – Beine, Hüfte und Rumpf – fängt die gesamte Dynamik auf. Wir sehen das physische Bild eines Körpers, der sich selbst von außen einschnürt oder eingeschnürt wird. Muskelzuckungen schießen durch den Organismus. Es gibt abgehackte Gesten, wenn der Kopf unvorhersehbar zur Seite schnellt oder die Knie ruckartig einknicken. Unbändige Bewegungen wirken dabei minimalistisch und kontrolliert, wie ein innerer Kampf. Die Tänzerin tippelt häufig auf der Stelle oder vollzieht schnelle, nervöse Schritte vor und zurück, wie eine Marionette oder ein Raubtier im Käfig. Während der Körper rast, bleibt der Blick starr und fordernd direkt ins Publikum gerichtet.

Der portugiesische Titel Pode Ser bedeutet übersetzt: „Es könnte sein.“ Genau um dieses Potenzial und seine Beschränkungen kreist das gesamte Stück. Es ist eine intime Auseinandersetzung mit den Rollen, die Individuen – insbesondere Frauen – in der Gesellschaft zugewiesen werden. Leïla Ka wirft grundsätzliche Fragen auf: Wer sind wir hinter den Masken des Alltags? Welche Rollen spielen wir freiwillig, welche werden uns aufgezwungen? Was hätten wir sein können, wenn wir uns den Erwartungen widersetzt hätten?

Musikalisch kontrastiert es mit dem Andante-Satz aus Franz Schuberts Klaviertrio Nr. 2 in Es-Dur - mit experimenteller elektronischer Musik, also minimalistischen Technosound und verzerrten elektronischen Störgeräuschen von Plastikman (Richie Hawtin). Dabei bricht die repetitive Phrase Schuberts mehrfach abrupt ab und kollidiert heftig mit den mechanischen, harten Beats (Sounddesign: Rodrig De Sa).

Das 2018 uraufgeführte Solo markierte den internationalen Durchbruch der französischen Choreografin Leïla Ka. Sie erhielt unter anderem in Köln 2018 beim SoloDuo Festival NRW den Publikumspreis und den Preis für das beste Solo. Im Folgejahr wurde die Choreografie der heute 34-Jährigen bei Tanzfestivals in Stuttgart und Danzig mit dem jeweils ersten Preis ausgezeichnet. Ursprünglich tanzte Leïla Ka das Solo selbst. Sie war auch an der Oper Bonn als Tänzerin angekündigt, trat dann jedoch nicht auf.

Laurent Fallots Lichtdesign zeigt die Akteurinnen in der Folgechoreografie mitunter als oft nur schemenhaft wahrzunehmende Silhouetten oder dunkle Gestalten im Schatten. Auch hier geht es um fremd erscheinende dunkle Anteile der Persönlichkeit und die Grenze zwischen Verborgenem und Sichtbarem.

Starr in einer Reihe stehend, ist das synchrone, lauter werdende Atmen zu Beginn der einzige Taktgeber. Später werden dramatische klassische Streichermusik von Antonio Vivaldi, Gesang der belgisch-kanadischen Chansonsängerin Lara Fabian und die melancholische Ballade „Dance Me to the End of Love“ von Leonard Cohen eingespielt.

Die Frauen fixieren vereinzelt zu Beginn das Publikum. Sie sinken einzeln oder kollektiv in die Knie, knicken ein. Sie kommen auf dem Boden zum Erliegen, um flugs wieder aufzustehen und den kollektiven Rhythmus wieder aufzunehmen. Der kontrollierte Tanz kippt in wirbelnde Ausbrüche. Ein Halt der Körperteile wird gesucht oder neu verhandelt. Die Tänzerinnen stauchen und verkürzen den Oberkörper, spannen in einem wiederkehrenden Muster geschmeidig ihre Gliedmaßen an. Permanent fließen die Bewegungen mit hoher Präzision und einem wellenartigen Schwellen, wie eine Art innerer Groove. Es gibt schnelle Verkettungen und flüchtige Übergänge. Ka setzt bewusste, emotionale Dissonanzen, spielt mit Erwartungen und einem gezieltem Brechen dieser Gewohnheiten.

Die fünf Performerinnen Océane Crouzier, Justine Agator, Lise Messina, Adèle Bonduelle und Flore Ruiz-Moiret nutzen im Laufe der Performance vierzig verschiedene Kleider. Die Kostüme stehen für die unzähligen Rollen, Erwartungen und historisch gewachsenen Identitäten, die Frauen übergestülpt werden oder die sie sich selbst aneignen. Die Tänzerinnen wechseln diese Hüllen auf offener Bühne, schichten sie übereinander, reißen sie sich vom Leib oder befestigen sie an vom Bühnenhimmel herabgelassene Haken.

Der französische Titel Maldonne lässt sich als „Fehlentscheidung“, „Missverständnis“ oder „schlecht ausgeteiltes Blatt“ (beim Kartenspiel) übersetzen. Er verweist direkt auf die gesellschaftlichen Startbedingungen, mit denen Frauen oft konfrontiert sind. Es geht um eine Zerrissenheit des Frauseins.

Obwohl Leïla Ka aus dem urbanen Hip-Hop kommt und stark von ihrer Mentorin Maguy Marin beeinflusst wurde, gibt es in Maldonne unübersehbare Parallelen und ästhetische Verweise auf die Choreografin Pina Bausch. Die fließenden, eleganten, oft bunten Abendkleider, ein Wiederholen von Bewegungsabläufen bis die tänzerische Pose bricht und eine physische Erschöpfung der Performerinnen sichtbar wird und der schmale Grat zwischen Tragik, Einsamkeit und plötzlichem, absurdem Humor sind klassische Elemente der Wuppertaler Choreografin. Ka radikalisiert Bauschs Ansätze zum klassischen Thema der Weiblichkeit, des Rollenzwangs und der Gemeinschaft auf einer fast nackten Bühne durch unkontrollierbare Muskelzuckungen und eine abgehackte Körpersprache physisch um ein Vielfaches kompromissloser. So war dann auch ein scheinbares Ende der Tanzaufführung fast schon zu erwarten. Der verfrühte Applaus ebbte allmählich ab, als die Zuschauer begriffen, dass es doch noch weiterging und sie unwissentlich ein Teil der Inszenierung geworden waren.



Maldonne von Leila Ka | Foto © Nora Houguenade

Ansgar Skoda - 18. Juni 2026
ID 15910
Weitere Infos siehe auch: https://leilaka.fr/


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